LilaBlog

DIe Welt extrem subjektiv betrachtet

Berlin. Ein Jahr, eine Bilanz. Eine weitere Liebe.

Ich bin in München geboren. Und erstens, weil ich es so sagen muss und zweitens, weil ich es auch wirklich glaube, komme ich damit aus einer der großartigsten Städte der Welt. Trotz der katastrophalen Wohnungssituation und trotz der nahezu unerträglichen Schickimicki-Szene. München ist mehr und kann mehr als das. Und deshalb habe ich im meistens entsetzte, häufig verständnislose und bisweilen sehr böse Blicke erhalten, als ich Ende letzten Jahres verkündete: Wir ziehen nach Berlin - mit der ganzen Familie. "Mutig" war dabei die euphorischste Reaktion meines schockierten sozialen Umfelds. IMG_1451 Seit fast genau einem Jahr nun lebe ich mit meiner Familie in Berlin. Ein Kollege, ebenfalls Wahlberliner, sagte mir noch relativ kurz nach meinem Umzug, ich würde ein gutes Jahr brauchen, um zu entscheiden, ob ich die Stadt liebe oder hasse. Um ehrlich zu sein, habe ich dieses Jahr nicht benötigt. Denn als der Frühling kam, und Berlin plötzlich grün und voller interessanter Menschen war, war mir klar, dass wir uns gefunden haben, diese Stadt und ich. Dabei hat sich Berlin nicht gerade angebiedert. Der Winter war zwar verhältnismäßig mild für hiesige Verhältnisse, aber doch eher grau und blitzeisig. Einem überzeugten Radfahrer schmeichelt das nicht gerade. Berlin verlangt, dass man sich auf Berlin einlässt. Es will entdeckt werden und prüft, ob man zueinander passt. Es zeigt einem unverblümt seine hässlichen Ecken und immer wieder kommen einen die Zeilen von Peter Fox in den Sinn: "Du kannst so hässlich sein, so dreckig und grau". Und dann kommen plötzlich diese faszinierenden Fassaden, die Alleen und grünen Oasen. Man muss Berlin kennenlernen wollen, damit es einem mehr gibt als das international anerkannte Kulturangebot und das Regierungsviertel. Und ich war von Anfang an bereit dazu. Wenn schon eine neue Stadt, dann auch richtig. Und so habe ich Berlin zugerufen: Zeig mir, was Du kannst!  IMG_2014Auch deshalb habe ich zusammen mit einem Freund, dem langjährigen Berliner Norman, ein Projekt gestartet (das macht man schließlich heute, wenn einem etwas ernst ist: ein Projekt starten): Die Berliner Kaffeehaustouristen, mit dem wir Cafés in der ganzen Stadt besuchen und über unsere Eindrücke berichten. Und es stellte sich heraus: Kaffeetrinkend und auf dem Fahrrad kann man etwas Neues äußerst gut erkunden. Es sind die Kleinigkeiten, deren Größe und Großartigkeit man erst bemerkt, wenn man sich dessen auch bewusst bewusst zu werden versucht: Wenn man am Großen Stern die Goldelse grüßt und die Straße des 17. Juni aufs Brandenburger Tor zu fährt - am besten noch bei Dunkelheit - und der Fernsehturm, die Reichstagskuppel und das Rathaus einem entgegenstrahlen. Es spricht vielleicht nicht für mein Geschichtsbewusstsein, wenn ich an dieser Stelle anmerke, dass sich die Magie dieser Straße auch dadurch ergibt, dass hier einst die legendäre Loveparade stattfand, von der wir als Jugendliche immer geträumt haben und die in der für dieses Event völlig ungeeigneten und überforderten Stadt Duisburg ein tragisches und trauriges Ende fand. Immerhin ist es mit vergönnt, die Straße beim Berlin Marathon, einer der großartigsten Veranstaltungen dieses Erdballs, entlangzulaufen. Das ist ja fast ein bisschen wie Tanzen. IMG_3062_2 Ja es stimmt schon: Die Gehwege und einige Straßen sind nicht immer die neuesten, die Büsche und Bäume wachsen manchmal wild und unkontrolliert und manch einer Häuserfassade sieht man nicht an, ob sie noch bewohnt wird oder sich bereits im Abriss befindet. Aber genau das macht den Charme dieser heterogenen Stadt aus, die so viele Seiten hat, dass man sie weder in einem Blogbeitrag noch in einem sonst irgendwie begrenzten Rahmen ausreichend charakterisieren könnte. Mindestens sollte man einmal ein Stück des Mauerparks gelaufen sein, um eine Idee davon zu bekommen, was Berlin eigentlich ist. IMG_0288 Dass jeder Bezirk eine eigene Stadt für sich darstellt, weiß inzwischen auch jeder, der noch nie hier war. Und die viel beschworene Unfreundlichkeit der Berliner ist für jemanden, der aus München kommt, nicht wirklich ein Problem. Im Gegenteil: Unsere Erfahrungen, was zum Beispiel den Umgang mit Kindern angeht, sind - bisher zumindest - sehr positiv. Gemotzt wird hier vielleicht auch, aber nicht darüber, dass ein Kind zu laut schreit oder eine Mutter mit einem Kinderwagen zwischen den Supermarktregalen steht. Überhaupt ist Berlin eine sehr gelassene und ausgelassene Stadt, was vielleicht auch daran liegt, dass man sich hier nicht ohne Weiteres in ein alltägliches Zeit- oder Gedankenkorsett einspannen lässt. Hier sitzen Leute bis in den November hinein noch bis zehn auf der Straße bei einem Feierabend-Drink und Einkaufen zu später Stunde ist hier auch keine Besonderheit, in deren Genuss man lediglich zweimal im Jahr bei einer "Shopping Night" kommt. IMG_3874_2Die Menschen hier sind so unterschiedlich wie ihre Kieze. Und der Satz "Hier stört es keinen, wenn man seine Brötchen am Sonntag in der Jogginghose holt", den mir eine Verkäuferin in einer Boutique in Mitte einmal gesagt hat, zeugt von einer Toleranz an der Grenze zur Gleichgültigkeit, die vielleicht undeutsch, aber sehr angenehm ist. Der Hipster, die Raverin in Engelskostüm, der Vokuhila-Typ, die Society-Mami, der Biker, die Künstlerin und die Zugezogenen, sie alle haben hier irgendwie ihren Platz, und wenn ich in den letzten Wochen Klaus Wowereit und seine Arbeit als Regierender Bürgermeister immer wieder verteidigt habe, dann nicht aus Trotz gegen die süffisante Kritik aus dem Süden, sondern weil ich wirklich glaube, dass er vieles von dem verkörpert, was diese Stadt ausmacht und deshalb nicht alles falsch gemacht haben kann. Ich war sogar ein bisschen traurig, als er auszog aus dem Roten Rathaus. Überhaupt, das nur am Rande, geht mir die Berlin-Kritik gehörig auf die Nerven, auch wenn sie inhaltlich nicht immer unberechtigt sein mag. Pauschal ist sie jedenfalls nicht nur unangebracht, sondern auch einfach falsch.  Natürlich wird man immer wieder gefragt, was denn nun die bessere Stadt sei: Berlin oder München. Und dabei kann es nur eine eindeutige Antwort geben: Keine. Diese beiden Städte sind völlig unvergleichbar und machen sich dadurch keine Konkurrenz in ihrer Attraktivität - zumindest nicht bei mir. Es ist schön, immer wieder nach München zurück zu kommen, in eine der großartigsten Städte der Welt. Und es ist schön, wieder nach Berlin zurück zu kommen, in eine der großartigsten Städte der Welt. Ich liebe sie beide und beide lieben mich. Glaube ich zumindest. Hoffe ich auf jeden Fall. Eine Ménage à Trios. Nur das mit dem Fußball, das vermisse ich hier schon, in Berlin.    

One thought on “Berlin. Ein Jahr, eine Bilanz. Eine weitere Liebe.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.