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DIe Welt extrem subjektiv betrachtet

Zwischen Genuss, Kampf und Dankbarkeit: Der Berlin Marathon 2018

Foto: Stefan Dettmann

Seit nunmehr fünf Jahren stellt der Berlin Marathon meinen persönlichen Höhepunkt der Laufsaison dar. Nicht nur, weil sich die Stadt jedes Mal in ein großes Sportfestival verwandelt, dieser Marathon der vielleicht wichtigste der Welt und das Rennen ein Heimspiel für mich ist, sondern auch, weil er (inzwischen schon traditionell) den Abschluss des Laufjahres bildet. Ein Abschluss, auf den ich die vielen Monate zuvor hinarbeite - so unterschiedlich diese Vorbereitungen bisher jedes Mal auch waren.

Und so unterschied sich mein Laufjahr 2018 von den anderen Jahren: Es begann mit meinem Ultra-Debut im Januar in Rodgau, setzte sich fort mit einem eher enttäuschenden und kraftlosen Wien-Marathon, woraufhin der nächste Ultra mit dem Wings For Life Run in München folgte. Weiter ging es mit dem Brüder-Grimm-Lauf, der wie immer ein echtes Erlebnis war, viel Kraft gekostet, aber einen unschätzbaren Effekt für die Form geliefert hatte.

In Roth als Marathon-Läufer einer Triathlon-Staffel lief ich ein Rennen, dass sich von Anfang bis Ende locker anfühlte und die Generalprobe für Berlin, der Sport Scheck Stadtlauf lief alles andere als befriedigend - Körper und Geist waren nicht im "Beast-Mode", sondern eigentlich schon beim Marathon.

Auch das Training selbst gestaltete sich etwas anders als im Jahr zuvor: Mein Coach Andreas schrieb mir weiter meine Pläne, allerdings einigten wir uns darauf, mir nur noch die Kerneinheiten vorzugeben und mir die für mich sehr wichtige Freiheit bei den "Fülleinheiten" zu lassen.

Diesen Plan hielt ich sehr diszipliniert ein, hielt mich an das wöchentliche Krafttraining und musste keine einzige Einheit anpassen. Etwas vernachlässigt aber hatte ich meine Yoga-Einheiten und auch beim Stretching war ich längst nicht so gewissenhaft, wie ich das im letzen Jahr noch behaupten konnte. Komplett verzichtet hatte ich diesmal auf die Spinning-Einheiten, die 2017 noch wöchentlich auf dem Plan standen.

Und so stand ich also auch in diesem Jahr wieder an der Startlinie auf der Straße des 17. Juni, bei absolut perfektem Wetter - ich kann mich nicht daran erinnern, jemals so uneingeschränkt optimale Bedingungen gehabt zu haben: 15 Grad, kaum bewölkt und absolute Windstille. Ein gutes Zeichen. Zudem war ich durch ein (für mich eher ungewöhnlich) gutes Zeitmanagement völlig ungehetzt und entspannt in meinem Startblock angelangt, konnte mich in Ruhe im Tiergarten aufwärmen und mich dann etwa 15 Minuten vor dem Startschuss positionieren.

Der Countdown lief, auf den Großleinwänden wurden Grüße von internationalen Teilnehmerinnen und Teilnehmern gezeigt. Ich drehte mich einmal kurz um in Richtung Brandenburger Tor: Da würde ich bald schon hinkommen und auf die letzten 200 Meter einbiegen. Aber bis dahin war es noch ein Weg. 42,195 Kilometer, um genau zu sein.

Der Startschuss fiel, ich lief los und es ging auf den großen Stern zu, von wo aus die Goldelse im morgendlichen Sonnenglanz herunter grüßte. Wieder mein Gedanke: Was für ein Wetter!

Der erste Kilometer lief gut, wie immer hatte ich vor, die ersten 5000 Meter ins Rennen und innerhalb der ersten 10 Kilometer in meine angestrebte Durchschnittspace zu finden. Das gelang gut.

Foto: Diana Rosenthal

Eines der schönsten Gefühle beim Marathon für mich ist, dass man sein Renntempo läuft, das man auch aus dem Training gut kennt. Der Unterschied im Rennen aber ist: Es fühlt sich großartig locker und leicht an, man läuft wie auf Wolken: Es schmerzt nichts, es zieht nicht und man hat das Gefühl, ewig so weiterlaufen zu können. Wo es in der Vorbereitung hin und wieder unangenehm wurde, war es hier das reinste Vergnügen. Spätestens dann weiß man: Das zweiwöchige, mental nicht einfache Tapering hatte seinen Sinn. Und es hatte seinen Zweck erfüllt.

Ich hatte mir diesmal meine Zwischenzeiten auf den Unterarm geschrieben, weil ich mich nicht auf das GPS-Signal verlassen wollte und nach den ersten 10 Kilometern war mein erster Zeiten-Checkpoint. Es lief nach Plan.

Bei Kilometer 13 sprach mich ein Läufer neben mir an: "What Pace are we running?" - "3'45" - Er fragte weiter: "So what's Your goal?" - "About 2h40", worauf er antwortete "My watch is broken. So I´ll simply stick to You." - "Fine by me, as long as You don't overtake me". Wir lachten uns an und wünschten uns viel Erfolg: "Enjoy Your run!". Und weiter ging es.

Ich hatte meinen Rhythmus schnell gefunden und nach einer ersten kurzen Bilanz stellte ich fest, dass ich genau im Soll und bisher keinen einzigen Kilometer zu schnell war. Ich lief konstant und fühlte mich gut.

Die nächste wichtige Meilensteil war die Halbmarathonmarke, die ich nach exakt 1:20:00 erreichte. Ein Uhrwerk hätte nicht präziser laufen können.

Was mich etwas beunruhigte war die Tatsache, dass die Distanz auf meiner GPS-Uhr etwa 300 Meter von der offiziellen Kilometerbeschilderung der Strecke abwich, was bedeutete, dass ich mich nicht an der Durchnittspace auf der Anzeige verlassen konnte, sondern sehr genau die Zwischenzeiten im Blick haben musste. Das ist zwar eigentlich immer so. Ich ahnte aber, dass es am Ende vielleicht nur auf wenige Sekunden ankommen würde. Daher galt es, sich noch strikter an diesen Zwischenzeiten zu orientieren.

Wichtiger als die Zeiten aber war die körperliche und mentale Konstitution und ein längerer Lauf - anders als kurze schnelle Intervalle oder Kurz- und Mitteldistanzen - ist immer ein ständiges In-Sich-Hineinhören, eine ununterbrochene Kommunikation zwischen Körper und Geist: Kann ich das Tempo halten, empfinde ich irgendwo Schmerzen, fühle ich mich stabil und: Was erwarte ich auf dem noch vor mir liegenden Stück? Wie fühle ich mich und wie kann ich dafür sorgen, dass es mir weiterhin gut gehen würde?

Was ich immer gerne mache, ist, mir in Erinnerung zu rufen, wie es mir in anderen Rennen an bestimmten vergleichbaren Stellen ging. Und so dachte ich kurz vor der Halbmarathonmarke an Wien in diesem Frühjahr, wo ich schon nach 17 Kilometern wusste, dass es ein sehr harter Kampf werden würde, wo die Beine schon schwer waren, bevor das Rennen überhaupt richtig begonnen hatte. Ganz anders war es heute: Ich wusste, es würde gut laufen, ich hatte Spaß daran und sagte mir immer wieder: Du liebst was Du tust und viele würden sehr viel dafür geben, genau das erleben zu können, was Du gerade empfindest.

Bei Kilometer 27 tat ich etwas, das ich nicht geplant hatte: An einer Verpflegungsstelle wurden Gels gereicht und ich hatte mir vorgenommen, früh und oft zu trinken und auch schon auf den ersten 20 Kilometern Iso-Drinks zu mir zu nehmen. Ein Gel hatte ich aber nicht geplant. Und dennoch: Ich griff zu. Völlig spontan und unüberlegt. Hätte ich Magenkrämpfe oder Übelkeit verspürt, ich hätte mich nach dem Rennen vermutlich halb zu Tode geärgert, etwas getan zu haben, das ich im Training nie ausprobiert hatte. Ein absoluter Anfängerfehler.

Aber offenbar kam der Impuls aus dem Innersten meines Körpers, übertrumpfte den Verstand und erwies sich als richtig. Es tat mir gut. Ich sollte es nicht bereuen.

Als ich auf den Ku'Damm einbog (etwa bei Kilometer 35), erinnerte ich mich an das vergangene Jahr: Hier war der Kampf damals schon auf einem Höhepunkt, ich ging an meine letzten Reserven.

In diesem Jahr fühlte sich immer noch alles richtig an. Ich lief absolut konstant, jeden Kilometer in einer Geschwindigkeit zwischen 3'44 und 3'46. Mir war noch immer klar: Es würde auf Sekunden ankommen am Ende - und dennoch durfte ich jetzt keine Dummheiten machen, durfte nicht versuchen, diese Sekunden aufzuholen und damit kostbare Kräfte zu verschwenden. Ich würde sie auf den letzten Metern dringend benötigen.

Bei Kilometer 38 kamen sie dann, die Schmerzen in den Beinen, ich erwartete die härteste Phase des Rennens. Es ging an der Philharmonie vorbei auf den Potsdamer Platz. Ab hier hatte ich die letzten Jahre kaum noch Kräfte und ich hatte wichtige Sekunden verloren, war meistens etwa eine halbe Minute pro Kilometer langsamer als auf den Kilometern zuvor.

Ich sagte mir immer wieder: Noch nie ist der Schmerz so spät gekommen, jetzt geht es nur noch darum, ihn auszuhalten. Nimm ihn an, er gehört dazu. Es geht nicht mehr um Taktik, es geht nicht mehr um Planung, es geht einzig darum, diesen Schmerz anzunehmen und durchzustehen, nicht gegen ihn, sondern mit ihm über die Ziellinie zu laufen. Es tut weh, weil Du alles gibst und Du trainierst jeden Tag genau dafür, dass dieser Schmerz an dieser Stelle möglich ist. Es mag paradox klingen, und wahrscheinlich muss man in dieser eigenen Welt des Langstreckenlaufs leben um so zu denken: Aber auch dieser Schmerz ist etwas, wofür ich dankbar bin, weil er ein Ergebnis dessen ist, das ich liebe und jeden Tag lebe.

Eliud Kipchoge, der an diesem Tag in Berlin ein schier übermenschliches Rennen abliefern und den Weltrekord deutlich brechen sollte, sagte kurz nach seinem Sieg: "Marathon ist Leben". Und genau das sind auch jene Schmerzen. Sie sind ein Signal Deines Körpers: Ich bin ziemlich kaputt, aber ich bin noch da. Zusammen ziehen wir das jetzt durch, auch wenn es schwer fällt. Sie sind eine Abmachung: Wir geben nochmal alles bis zum Ziel, Kopf und Körper kämpfen bis zum Schluss. Danach aber ist Ruhe. Diese Schmerzen gehören dazu und machen das Ende umso grandioser.

Bei Kilometer 40 blickte ich wieder auf meinen Unterarm, wo ich meine errechneten Zwischenzeiten für eine Zielzeit unter 2:40:00 notiert hatte und bekam bestätigt, was ich früh ahnte: Es würde um Sekunden gehen.

Jetzt ging es darum, das Tempo zu halten. Ich blieb unter 4 Minuten pro Kilometer. Als ich die letzte Kurve nahm und das Brandenburger Tor vor mir sah, dachte ich an nichts anderes mehr als daran, einfach irgendwie die Geschwindigkeit und Intensität zu halten, blickte immer wieder auf die Uhr. Noch 90 Sekunden, noch eine Minute. Ich lief durch das Tor.

Im Vorfeld des Berlin Marathons und danach denkt man immer wieder daran, welch ein Glück es ist, diese Schritte auf dem Pariser Platz tun zu können, die vor gar nicht so langer Zeit aufgrund der politischen Verhältnisse nicht möglich gewesen wären. Welch ein großartiges Symbol der Freiheit und des Friedens diese Schritte sind.

Es mag ernüchternd klingen, aber nichts davon denkt man in genau dem Moment am Ende dieses Marathons, wenn das Ziel noch 200 Meter vor einem liegt.

Foto: André Roosen

Wieder der Blick zur Uhr und es gelang mir, was mir in Berlin zuvor noch nie gelang, und auch bei allen anderen Marathons nicht: Ich legte nochmal an Tempo zu. Die Beine brannten, ich hielt die Pace, blickte immer wieder auf die offizielle Zeit am Zielbogen und hoffte, dass die Differenz zwischen der Brutto- und der Nettozeit die fehlenden Sekunden ausgleichen würde. Ich lief über die magische Linie und stoppte meine Uhr am Handgelenk. Und da wusste ich, was ich ab etwa Kilometer 39 ahnte: Ich hatte eine neue Persönliche Bestzeit erreicht, hatte sie um mehr als 40 Sekunden unterboten. Ich war am Ende, ausgepowert - aber nicht zerstört. Ich war unsagbar glücklich, dankbar und einfach unendlich zufrieden. Euphorisiert und ruhig zugleich. Ich war bei mir. Es hat vermutlich keinen Sinn, dieses Gefühl weiter beschreiben zu wollen. Es gibt dafür keine passenden Worte.

Ich ging den noch relativ leeren Zielkorridor entlang, nahm Getränke zu mir. Die ein oder andere der Betreuerinnen fragte mich, ob alles in Ordnung sei: Ich antwortete: "Oh ja!"

Nach einer kurzen Massage holte ich meinen Kleiderbeutel, zog mich um und legte mich auf den Rasen vor dem Reichstag. Auf meinem Handy erreichten mich die ersten Glückwunsche und in diesem Zusammenhang erfuhr ich auch meine offizielle Zeit: "Herzlichen Glückwunsch zu 2:40:13".

Ich hatte meine Bestzeit deutlich unterboten. Die 2:40:00 offiziell zu knacken, hatte ich denkbar knapp verfehlt. Ich ärgerte mich kurz darüber, dann war es mir egal. Und das Ziel für Berlin 2019 steht damit auch schon fest. Eine Denkaufgabe weniger.

Dank zum Saisonabschluss: Ich erhielt viele Glückwünsche auf verschiedenen Kanälen und bereits vor dem Lauf schickten mir einige Leute Nachrichten und wünschten mir ein gutes Rennen. Allen, die mich unterstützt haben, sei hier von Herzen gedankt. Das bedeutet mir wirklich sehr viel. Allen, von denen ich Nachrichten erhalten habe, und den Freundinnen, Freunden, Kolleginnen und Kollegen, die an der Strecke gestanden haben, an die Freundinnen und Freunde von der LG Mauerweg und den Pankrunners und an alle, die ich vor Ort nach dem Ziel noch getroffen habe: Ein großes Danke!

Das höchste Lob für mich ist immer, wenn mir jemand sagt, ich sei eine Inspiration. Auch solche Nachrichten habe ich wieder erhalten. Mehr geht nicht, eine größere Auszeichnung kann ich mir nicht vorstellen. Auch dafür ein großes Dankeschön.

Und schließlich noch ein Dankeschön an Andreas, der mich inzwischen so gut kennt, dass er das Training perfekt auf mich abstimmt.

Dass dieser großartige Sport nicht ohne eine großartige Familie zu machen ist, ist selbstverständlich. Vielleicht manchmal zu selbstverständlich.

Am Ende der Saison bleibt Dankbarkeit. Und Vorfreude auf die nächste.

 

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