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DIe Welt extrem subjektiv betrachtet

Wenn alles passt. Der Berlin Marathon 2019.

Foto: Alexander Pieske

Der Marathon ist unberechenbar. Man weiß nie was kommt. Das sind Binsen, die in etwa so viel Neuigkeitswert haben wie die Prognose, dass das Internet sich durchsetzen und nicht wieder verschwinden wird.

Das macht die Sätze aber nicht unrichtiger. Und traf natürlich auch für den Berlin Marathon 2019 zu. Ich hatte mir einiges vorgenommen: Ich wollte eine neue Bestzeit erreichen (die bei 2:40:13) lag und ich wollte nun endlich, im dritten Anlauf die Marke von 2:40:00 durchbrechen und unterbieten. Und: Es sollte mein vorerst letzter Marathon sein, den ich mit diesen für mich ambitionierten Zielen angehen würde, denn nächstes Jahr sollte ein Ultrajahr kommen und was im Mai mit dem WHEW100 begonnen hatte, sollte dann seine Fortsetzung finden.

Aprospos WHEW100. Auch das eine Frage, die ich mir stellte: Wie würde das Training für einen schnellen Marathon den langen Monaten der Ultra-Vorbereitung anlaufen?

Viele Fragen und die kommenden Wochen lieferten die ersten Antworten. Das Training nach einer relativ kurzen Regenration nach den 100 Kilometern von Wuppertal startete gut und ich bekam sehr schnell auch wieder richtig Lust auf die 42,195 km-Distanz. Sicher auch ein Vorteil: Ich konzentrierte mich zu hundert Prozent und ausschließlich auf diesen Höhepunkt im Herbst, sagte den Rennsteiglauf und den Brüder-Grimm-Lauf ab und reduzierte auch die Vorbereitungsrennen aus das Nötigste.

Adrian, mein Coach, und ich gestalteten das Training trotz der klaren Struktur sehr abwechslungsreich, nicht nur auf der Laufstrecke. Ich hatte erstmals Klimmzüge, Box Jumps und Überkreuzheben in meinem Trainingsplan.

Was das Lauftraining anging, haben wir diesmal auch etwas anders gearbeitet: In der gesamten Marathonvorbereitung war ich äußerst selten auf der Bahn und habe auch die Marathon-Pace-Einheiten (oder schneller) weitestgehend in meinem Hauspark gemacht, der im Bezug auf den Bodenbelag und inklusive der einen oder anderen Straßenüberquerung deutlich anspruchsvoller zu laufen ist, als eine ebene Asphaltstraße. Das macht im Training vielleicht nicht immer nur Spaß, was es aber bringen würde, sollte ich im Rennen später sehen.

Die einen oder anderen Trainingsphilosoph*innen sollten kurz weghören, oder zum nächsten Absatz wechseln: Ich habe auf „Power Yoga“-Einheiten komplett verzichtet und nur hin und wieder kurze Lauf-ABC Elemente absolviert, dafür aber deutlich häufiger, aber nur sehr kurz, gedehnt und etwa alle zwei Tage auf der Faszienrolle gelegen. Meinen Beinen hat das gut getan.

Manche Einheiten waren hart. So hatte ich zum Beispiel zweimal vor 5 Uhr morgens Training, weil ich im Anschluss beruflich unterwegs war. Aber auch hier kann ich sagen, dass sich meine persönliche Einstellung bestätigt hat: Außer Krankheit gibt es für mich keine Entschuldigung, eine Trainingseinheit ausfallen zu lassen. Und das ist kein Vorsatz, sondern Gesetz. Ich putze schließlich auch nicht nur dann Zähne, wenn es in meinen Zeitplan passt…

Es ist also ein großes Glück, komplett gesund durch die Vorbereitungen der letzten Monate gekommen zu sein und es gab keine Trainingseinheit, die den Vorsätzen im Plan nicht entsprochen hatte. Es fehlte also nicht an Selbstvertrauen und dem Wissen, bereit zu sein, an der Startlinie am 29. September, in meiner Lieblingsstadt – bei meinem Heimspiel.

Und vielleicht lag es auch an diesem Selbstbewusstsein, verbunden mit den vielen lieben Grüßen und gedrückten Daumen, die mich über diverse Online- und Offline-Kommunikationskanäle erreicht haben, dass ich mit einer großen Gelassenheit am Sonntagmorgen in die S-Bahn stieg und zur Friedrichstraße fuhr. Ich bin extra eine Station früher ausgestiegen, um noch 10 Minuten Fußmarsch zu haben und nochmal meine Gedanken zu sammeln.

Auch wenn sich das vielleicht nicht besonders sozialkompatibel anhört, aber ich war in diesem Moment sehr froh, niemanden getroffen zu haben, den ich wusste, was ich in diesen Minuten am besten brauchen konnte: Keinen Smalltalk, keine Ablenkung – ich war ganz bei mir und den Stunden, die vor mir lagen. Ich liebe es, mit anderen zu kommunizieren – aber ich bin letztendlich auch gerne der stille Athlet, der mit sich und für sich läuft und die Einsamkeit des Langstreckenläufers schätzt und benötigt.

Ich hatte genug Zeit, mein Gepäck abzugeben, mich zum Startbereich zu bewegen und mich noch zehn Minuten einzulaufen. Auch die Tatsache, dass die Startblöcke völlig überfüllt waren (überhaupt wäre zu überlegen, ob eine Starter*innenzahl von über 46.000 Menschen wirklich sinnvoll ist, aber das ist ein anderes Thema), brachte mich nicht aus einer inneren Ruhe, eine Ruhe, die auch für mich nicht selbstverständlich ist bei so wichtigen Rennen. Ebensowenig machten mich die die Erwartungen nervös, die ich an der ein oder anderen Stelle durch meine großspurige Ankündigung, die 2:40 knacken zu wollen, geschürt hatte.

Das Rennen ging los und auch wenn ich relativ weit vorne starten konnte, war es in diesem Jahr noch schwieriger, in der Masse der ersten Kilometer ins Rennen zu finden. Die ersten 1000 Meter war dann auch etwa zehn Sekunden langsamer, als sie hätten sein sollen. Ich nahm es als natürliche oder schicksalsgewollte Überpace-Bremse und versuchte, meine Lücken zu suchen und in den Takt zu kommen.

Das gelang schließlich und ich versuchte, mich immer wieder möglichst nah an der Ideallinie zu orientieren. Wenn es am Ende um 14 Sekunden Verbesserung geht, können ein paar unsauber genommene Kurven durchaus den Unterschied machen.

Ich möchte nicht zu sehr ins Detail gehen, denn manche Rennberichte können schnell zu überlangen Feinschmecker*innen-Berichten werden und sich dadurch in viel zu vielen Details verzetteln.

Aber einige der folgenden Dinge gehören hier einfach her: Zum einen das messbare offizielle Ergebnis, mit dem ich bei einer Zeit von 2:37:05 meine persönliche Bestzeit um über drei Minuten verbessern konnte. Das langjährige verfolgte Ziel der „Sub 2:40“ war geschafft und zudem hatte ich auch noch einen negativen Split – was ich bisher noch nie bei einem Marathon geschafft hatte.

Zum anderen sei das „Wie“ erwähnt: Ich fühlte mich bis Kilometer 35 locker und habe bisweilen mit Verwunderung auf meine Uhr geblickt, die mir konstant eine Pace von unter 3’45/km anzeigte. Wann würde dieses gute Gefühl verschwinden? Wieder auf den letzten vier bis fünf Kilometern, wenn es über den Ku’Damm und Richtung Potsdamer Platz geht – die vielleicht schwierigste Stelle des ganzen Rennens?

Wir bogen auf den Ku’Damm ein und ich fühlte mich noch immer gut. Immer wieder dachte ich mir: Denk an Deine Haltung, halte die Spannung und lauf sauber. Lauf gut weiter.

Natürlich kam dann doch irgendwann der Schmerz – aber er kam spät und er kam nicht mit dem Hammer, sondern zeigte einfach, dass er jetzt da ist. Er sagte nicht: „Jetzt mach ich die fertig, jetzt bis Du gleich am Ende“, sondern er kündigte an: „Hier bin ich. Nimm mich mit und wir ziehen das letzte Stück zusammen durch. Ich gehöre dazu, also bekämpfe mich nicht.“

Und so war es. Nach 36 Kilometern darf es weh tun, der Schmerz ist hier nicht, wo er nicht sein darf. Ich nahm das Angebot war, ich nahm ihn mit.

Schon als ich den Potsdamer Platz kurz vor der 39K-Marke überquerte wusste ich: Diesmal würde es klappen – und es würde nicht mal besonders knapp werden mit den 2:40.

Ich musste an einen Freund denken, der unter einen Instagram-Post von mir prognostiziert hatte, ich würde in 2:37:44 ins Ziel laufen. Mein Gedanke zu diesem Zeitpunkt: „Mal sehen, vielleicht liegst Du gar nicht so falsch. Go for it!“

Ich überquerte die 40K-Marke. Ich hatte noch ausreichend Zeit. Ich fühlte mich stabil genug, um das Tempo zu halten. Nur noch wenige Kurven, dann würde ich das Brandenburger Tor sehen. Der Blick auf die Uhr: Aktuelle Pace noch immer deutlich unter 4 Minuten.

Dann die letzte Kurve und ich befand mich Unten den Linden. Normalerweise nehme ich an dieser Stelle kaum noch etwas wahr. Diesmal war es anders: Ganz bewusst lief ich auf das Brandenburger Tor zu, und realisierte (was passiert hier eigentlich im Kopf?), dass die Ideallinie hier nicht aufgemalt, sondern aufgeklebt war – war das schon immer so?

Ich durchlief dieses Symbol der Freiheit, überquerte die ehemalige Mauergrenze und sah die Ziellinie. Noch etwa hundert Meter. Ich beschleunigte nochmal, blickte auf die Zeitanzeige und sah, dass auch die Brutto-Zeit die 2:38:00 noch nicht überschritten hatte.

Nach exakt 2:37:05 überquerte ich die Ziellinie. Das Gefühl, das sich in diesem Moment einstellte, gehört in keinen Rennbericht, denn es gibt keine passenden Worte dafür. Vielleicht kann man solche Momente auch gar nicht teilen. Es sind Minuten, die für niemanden anders bestimmt sind, als für einen selbst. Augenblicke, die niemals wieder genommen werden können, die einem für immer gehören.

Kurz nach meinem Zieleinlauf begann der Regen. Ich nahm ein alkoholfreies Weizenkaltgetränk zu mir und holte meinen Kleiderbeutel ab. Ich wechselte mein Oberteil, behielt die kurzen Hosen an, weil ich die Temperatur ohnehin nicht wahrnahm und machte mich auf in Richtung S-Bahn-Station. Die ersten Glückwünsche trafen ein und ich dachte an einige liebe Menschen, von denen ich wusste, dass sie sich noch auf der Strecke befanden. Ich wünschte Ihnen eine gute Schlussphase bei sehr unangenehmen Wetterbedingungen.

Mit dem Berlin Marathon endet auch diese Saison. Die beste, die ich bisher hatte, in der so viel passiert ist: Die unglaubliche Enttäuschung in Rodgau bei den 50K gleich zu Beginn des Jahres. Dann das wunderbare und für mich wegweisende Abenteuer rund um den WHEW 100 und mein „echtes“ Ultradebüt. Und schließlich dieser Sonntag in Berlin.

Für mich war klar, dass dies erstmal der letzte Marathon sein sollte, den ich ambitioniert laufen würde. Dass ich mich von nun an ganz auf die Ultra-Distanzen konzentrieren würde. Dies wird auch die Richtung sein, in die es nun gehen wird: Die Distanzen werden länger, was im Mai in Wuppertal begonnen hat, wird nun weiterentwickelt.

An dieser Stelle gehört es sich, allen zu danken, die mich auf diesem Weg begleitet haben und weiterhin begleiten. Die, die es wissen müssen, wissen hoffentlich, dass sie damit gemeint sind. Der Dank kommt ganz tief aus dem Herzen. Und damit sich sich diese Zeilen nicht nach Oscar-Preisverleihung anhören sollen, stellvertretend für alle anderen. Danke an meine Familie, die viel ertragen muss. Und Danke und an meinen Coach Adrian („Wer sich Grenzen setzt, ist selbst schuld“).

Ich war davon ausgegangen, dass ich mein Plateau im Marathon erreicht haben würde. Ich wollte die fehlenden 14 Sekunden gewinnen und die für mich magische Marke von 2:40:00 endlich durchbrechen. Damit hätte ich ein ganz wichtiges persönliches Ziel erreicht und der Herbstmarathon 2020 hätte getrost ausfallen können. Ich hätte stattdessen auch hier einen Ultra angesetzt. Jetzt habe ich meine Bestzeit um 3 Minuten verbessert… … …

Das offizielle Ergebnis


6 thoughts on “Wenn alles passt. Der Berlin Marathon 2019.

  • Torsten Weil sagt:

    Herzlichen Glückwunsch und wirklich ein lesenswerter Bericht! Mir steht mein allererster Wettkampf noch bevor, ich habe ihn noch nicht mal terminiert und wenn ich mein Pensum für den Halbmarathon betrachte, dann wird mir etwas schummerig 🙂

  • Markus sagt:

    Toller und inspirierender Bericht. Ich selber werde mein Marathon-Debut im April in Hamburg geben und hoffe mal, dass meine Vorbereitung auch so gut verläuft wie bei Dir.
    Noch eine gute Regeneration und vor allem viel Erfolg bei Deinen Ultra-Zielen 2020. Vielleicht sieht man sich ja beim BGL 2020 wieder.

    Viele Grüße aus dem Rheinland,
    Markus

    • LudwigR sagt:

      Vielen Dank, lieber Markus. Ich wünsche Dir viel Erfolg für Hamburg, der ein absolut toller Marathon mit einer sehr schönen Strecke ist.

  • Martin sagt:

    Wow. Starke Leistung und ein toller Bericht. Unfassbar, wie man mit so einer Pace 42 Kilometer rennen kann.

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