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DIe Welt extrem subjektiv betrachtet

Das Laufjahrfinale – Mein Berlin Marathon 2017

"Ich fühl mich gut und hab richtig Lust auf morgen" - das habe ich am Samstag Abend Andreas, meinem Coach, geschrieben.

Und tatsächlich hatte ich zwar großen Respekt vor dem mir selbst gesteckten Ziel, aber eben auch ein richtig gutes Gefühl.

Zum einen war ich körperlich leicht und ausgeruht - das Knie, das die letzten beiden Wochen Probleme machte, fühlte sich gut an und auch mein rechtes Fußgelenk, das sich in den Vorbereitungen hin und wieder bemerkbar gemacht hatte, signalisierte grünes Licht.

Und ebenso wichtig: Magen-Darm-Infekte und Erkältungswellen in meinem direkten und indirekten Umfeld haben mich weitestgehend verschont.

Ich war gesund und fit und ich wusste: Egal wie dieses Rennen ausgehen würde, mit dem Laufjahr 2017 insgesamt betrachtet, würde ich zufrieden sein können.

Für den Berlin Marathon hatte ich mir ein dreistufiges Ziel zurecht gelegt:

Erstens: unter 02:45:00 sollte es sein. Das war mein Mininalziel.

Zweitens: eine neue PB, die ich dann - nach Hamburg im April - zum zweiten Mal in diesem Jahr verbessert haben würde.

Drittens: das Pojekt #sub240, also in einer Zeit unter 02:40:00 zu finishen. Das Maximalziel.

Eine der wichtigsten direkten Vorbereitungen am Vortag des Rennens und am Renntag selbst war das Motto: "Nur kein Stress".

Das ist mir gut gelungen: Früh ins Bett, früh aufstehen, in aller Ruhe frühstücken, duschen, umziehen. Die Tasche hatte bereits am Vorabend gepackt.

Dann entspannt zum Brandenburger Tor, kurzes Treffen mit ein paar Lauffreunden und etwa eine Stunde vor dem Start zur Kleiderabgabe.

An dieser Stelle sei festgestellt, dass jener stressfreie Ablauf auch damit zusammenhing, dass die Organisation des Berlin Marathons immer gut, in diesem Jahr aber geradezu perfekt war. Man musste nirgendwo anstehen, es waren einigermaßen ausreichend Dixies (und extra Pissoir-Container) aufgestellt (Toiletten kann es bei einem Rennen dieser Größenordnung wohl nie genug geben) und auch nach dem Lauf ging alles schnell und einfach. 6000 Helferinnen und Helfern sei hiermit von Herzen gedankt.

Nach der obligatorischen CLIFF-Bar (Macadamia White Chocolate) machte ich mich auf den Weg zu den Startblöcken, lief mich im Tiergarten ein paar Minuten warm und stellte mich in den Block.

Noch 12 Minuten. Die Aufregung stieg, aber insgesamt fühlte ich mich ruhig, konzentriert. Ich sagte mir immer wieder: "nicht zu schnell los, nicht zu schnell los. Das ist erst einmal die Hauptsache." Das Mantra des langen Laufs.

Dann der Startschuss und obwohl ich in Block B starten durfte (wo der Unterschied zwischen Brutto- und Nettozeit bei geschätzten 30 Sekunden liegen dürfte) hatte ich auf den ersten beiden Kilometern relativ wenig Platz. Die Gefahr des Überpacens war also zumindest ganz am Anfang ohne großes Zutun gebannt.

Ich fand relativ schnell in meinen Takt, war stellenweise zwar dann doch etwas zu schnell, konnte aber immer wieder etwas Geschwindigkeit herausnehmen.

Es lief gut, es lief locker, nach 5 Kilometern war ich im "Flow", absolut schmerzfrei, gleichmäßig atmend bei vertrauter Schrittfrequenz - ich war im Rennen.

Das Wetter war gut und lag mir. Hin und wieder störten die größeren Pfützen etwas (es hatte am Vortag und in der Nacht stark geregnet), aber das waren keine schwerwiegenden Probleme. Hin und wieder kamen mir einige Stellen etwas rutschig vor. Das frühherbstliche Laub war nach der sommerlichen Vorbereitung bisweilen gewöhnungsbedürftig.

Ich hatte mir am Morgen noch die Splitzeiten für die 10k, den Halbmarathon und die 30k-Marke ausgerechnet, weil ich mich nicht allein auf meine GPS-Uhr verlassen wollte (tatsächlich hat sie am Ende 42,5 Kilometer gemessen), und so wusste ich, dass ich nicht nur sehr konstant, sondern auch genau in der richtigen Geschwindigkeit unterwegs war, als ich die entsprechenden Stationen erreichte.

Immer wieder traf ich auf Supporter, die mit ausgestreckter Faust, winkend oder sogar mit einem Schild in den Händen an der Strecke standen und mir zuriefen. Einige erkannte ich und das Lächeln viel mir leicht.

Überhaupt kann ich sehr empfehlen, immer wieder einmal zu lächeln, ein fröhliches Gesicht zu machen - es wirkt beim Marathon regelrechte Wunder (und vermutlich nicht nur dort). Wann immer ich dachte, es könnte langsam schwierig werden, lächelte ich einfach - und dann ging es locker weiter.

Bei der Halbmarathonmarke fühlte ich mich bestens, die Zwischenzeit passte perfekt. Los in die zweite Hälfte, von jetzt an geht es nur noch nach Hause!

Bei der 30er-Marke war wieder ein guter Punkt, eine kleine Bilanz zu ziehen, den körperlichen und seelischen Wasserstand abzurufen: keine Schmerzen, die Beine machen sich insgesamt zwar etwas bemerkbar, aber das Tempo war weiter konstant. Mir war klar: Jetzt beginnt der Marathon.

Aus Erfahrung weiß ich, dass die wirklich kritische Phase bei mir fast immer bei Kilometer 34 beginnt und dass dann immer der eigentliche Kampf anfängt, der weniger ein Kampf gegen den eigenen Körper ist, sondern einer gegen den Kopf, gegen Zweifel, Erschöpfung und Unlust.

Und so war es auch diesmal: Bei Kilometer 35 bekam ich erstmals das Gefühl, dass es sehr hart werden würde, das Tempo zu halten. Komischerweise sagt einem die eigene Schaltzentrale nicht: "Juhu, nur noch 7 Kilometer", sondern stöhnt "Oh Gott, NOCH 7 Kilometer!"

Ich arbeitete in dieser Phase mit zwei Methoden, um der mentalen und physischen Krise zu begegnen: Zum einen versuchte ich, besonders locker und sauber zu laufen - weniger auf die Geschwindigkeit, sondern mehr auf den Laufstil zu achten.

Und zum anderen sagte ich mir immer wieder: Du hast alles, was Du brauchst in Dir - alles ist trainiert und Du bist perfekt vorbereitet in dieses Rennen gegangen. Ruf es einfach ab!

Zudem wusste ich: Würde ich den Rest des Rennens in einer Pace von 4'00/km zuende laufen, würde ich in einer Zeit unter 02:40:00 ins Ziel einlaufen, das Maximalziel erreichen.

Beide Methoden wirkten und ich konnte das Tempo bis in den 38. Kilometer halten.

Dann aber wurde es richtig schwierig und ich lief nicht mehr so sauber, wie ich sollte, was mir vermutlich die letzten Kraftreserven nahm. Kilometer 38 absolvierte ich in 3'58, Kilometer 39 in 4'01.

Ich passierte die 40er-Marke und wusste: Es könnte noch klappen mit den 02:40:00, aber ich würde nochmal zulegen müssen.

Wieder versuchte ich, locker zu laufen, was mir nicht mehr in dem Maße gelang, dass es sich positiv auf mein Tempo auswirken würde.

Die Uhr piepte, Kilometer 41 in 4'18. Zu langsam. Ich versuchte nochmals, zu beschleunigen, merkte aber, der Körper machte jetzt nicht mehr mit.

Wir schlossen einen Pakt: Meine Beine würden mich sicher ins Ziel tragen und ich würde dafür das Tempo halten, nicht mehr beschleunigen.

Kurz vor dem Brandenburger Tor endete Kilometer 42. Die Uhr zeigte als Rundenzeit 4'20. Noch 200 Meter auf der Straße des 17. Juni. Von Weitem sah ich das Ziel und die Uhr, die gerade die 02:40:00 - Marke überschritten hatte.

Eine letzte Herausforderung, sagte ich mir: Wir bleiben unter 02:41:00. Das muss noch drin sein.

Ich biss die Zähne zusammen, weil Lächeln jetzt keine Option mehr war. Jetzt half nur noch der Beast-Mode.

Ich beschleunigte soweit es noch irgendwie ging und lief durchs Ziel: 02:40:56. Für das Hochreißen der Arme oder die "Devil Horns" aus Hamburg reichte die Kraft nicht mehr.

Ich war am Ende, torkelte der Medaille entgegen, die mir überreicht wurde, verischerte mich, wo das nächste Sanitätszelt war - für alle Fälle - empfand eine durch den gesamten Körper sich hindurch ziehende Erschöpfung - und war unendlich glücklich.

Es war ein Rennen, das leicht lief, das locker lief, das am Ende aber auch die letzten Reserven verbraucht hatte, so dass kein Raum mehr war für die berüchtigte zweite Luft.

Am Ende hatte der Marathon nochmal alles gefordert, was ich zu bieten hatte - so, wie sich das für ein solches Rennen gehört und erst, wenn man das Gefühl hat, alles, wirklich alles gegeben zu haben, was Körper und Geist zu geben haben und die Grenzen des Ertragbaren auf der Zielgeraden eigentlich schon überschritten sind, stellt sich dieses unbeschreibliche geistige Erfüllt-Sein ein, die vollkommene Zufriedenheit, die die körperliche Leere völlig unbedeutend macht.

Ich lief über den noch leeren "Bundes-Rasen" im Athletenbereich vor dem Reichstag und ließ die eine oder andere Träne fließen, während ich versuchte, mir irgendwie etwas Essbares einzuverleiben, auf dass der Blutzuckerspiegel wieder ins Lot komme.

Meine Bestzeit hatte ich um über 2 Minuten verbessert, ein fantastisches Laufjahr endete mit einem geglückten und intensiven Finale.

Nach einiger Zeit lässt der Schmerz in den Beinen nach und ein bekanntes Sprichwort sagt: "Der Stolz bleibt". Dazu kommt aber - und dies in bedeutend größerem Maße - eine tief empfundene Dankbarkeit: für einen gesunden Körper, der einen nicht im Stich lässt und für eine Familie, die die Eigenheiten eines Läufers hinnimmt und sogar unterstützt.

Dankbarkeit aber auch für die "Community", die einen auf den unterschiedlichsten Wegen antreibt, anfeuert und motiviert. Menschen, die mir Nachrichten schreiben oder mir vom Streckenrand zurufen und die auch jubeln, wenn es mal nicht so gut läuft.

Wenn mir solche Menschen dann schreiben, dass sie sich von mir inspirieren lassen und sich durch mich selbst motiviert fühlen, ist das eine größere Auszeichnung als jede Finisher-Medaille.

Dankbar bin ich auch für eine Freundschaft, die ohne das Laufen nie passiert wäre. Andreas, der nicht nur zu meinem Freund, sondern auch zu meinem Trainer wurde - ein für mich perfekter Coach, der mich antreibt, ermahnt, lobt und meckert und der mir bei aller nötigen Disziplin auch die Freiheiten lässt, im Training kleinere "Dummheiten" zu machen.

Fast immer im September sage ich mir (und anderen): Vielleicht laufe ich nächstes Jahr im Oktober endlich mal in Frankfurt statt in der Bundeshauptstadt. FFM steht schließlich schon lange auch meiner Bucket List.

Der Berlin Marathon 2018 findet am 16. September statt. Frankfurt muss weiter warten...

 

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2 thoughts on “Das Laufjahrfinale – Mein Berlin Marathon 2017

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