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DIe Welt extrem subjektiv betrachtet

Bewegung und Entschleunigung – Warum uns das Laufen helfen muss, unsere Geschichte(n) zu schreiben

Ich gebe ja zu, ich mag es, wenn Menschen behaupten, ich sei laufsüchtig. Und ich gebe auch zu, dass es mich amüsiert, motiviert und herausfordert zugleich, wenn Menschen mir sagen oder kommentieren, was ich alles zu viel, zu schnell, zu intensiv, zu exzessiv, zu verbissen oder zu unvernünftig gemacht hätte. Das alles ist für mich ein Synonym für: “Alles richtig”.

Manchmal frage ich mich aber natürlich auch, ob da vielleicht was dran ist an dem Vorwurf, ich sei süchtig nach dem Laufen. Vermutlich ist das mal wieder alles Definitionssache und ich weigere mich an dieser Stelle ausdrücklich, irgendwelche gegoogelten Wikipedia-Definitionen von “Sucht” zu zitieren.

Wenn ich darunter verstehe, dass ich etwas so sehr brauche, dass ich ohne dieses etwas nicht mehr gut leben kann, dann ist das vielleicht eine nur schwer oder auch gar nicht mehr kontrollierbare Abhängigkeit.

Und dann gebe ich auch zu: ja, dann ist es es eben eine Sucht.

Ich denke schon eine ganze Weile darüber nach, wie es zu dieser Abhängigkeit kommt, dazu, dass ich es buchstäblich BRAUCHE, zu laufen. Ich denke dabei nicht an die inzwischen ja unbestrittene Erkenntnis, dass der Mensch nicht für den Schreibtischstuhl geschaffen, sondern mit zwei kräftigen Beinen und einer Statur ausgestattet wurde, die sich dahin entwickelt hat, von diesen Beinen im aufrechten Gang auch ausgiebig Gebrauch zu machen. Eine Entwicklung, die allgemein schließlich auch als Evolution angesehen wird. Ich glaube zwar nicht, dass die Menschheit die Krone der Schöpfung ist, sondern eher deren tragisches Ende, aber zumindest dürften wir die Spezies sein, die den Ausdauerlauf mit am besten von allen Lebewesen beherrscht.

Ich glaube, inzwischen eine Erklärung gefunden zu haben und ich würde meine Erleuchtung vielleicht zusammenfassen mit: Nicht ich bin zu schnell, zu extrem, zu intensiv – sondern die Welt ist es. Das, was um mich herum stattfindet. Laufen ist also nicht Be- sondern Entschleunigung. Es ist kein “ab nach vorne”, sondern vielmehr ein “zurück zum Selbst”. Kein Drang an die Front, sondern Rückzug aufs Wesentliche. Nicht dorthin, wo die Show ist, auf die Bühne, sondern in die hinterste Ecke des Backstagebereichs, in die Katakomben der heilsamen Einsamkeit, wo nur ich mit mir selbst stattfinde.

Natürlich lässt sich dieser Erkenntnis schon mit nur ganz wenigen Worten zumindest scheinbar grundlegend widersprechen: “Instagram”, “Strava”, “Laufgruppe” – man nenne diese Begriffe und schon wird vermeintlich klar: Das hat nichts mit Einsamkeit, sondern mit Selbstvermarktung, nichts mit Ruhe, sondern mit Lautstärke zu tun. Es geht nicht um das Alleine-Sein, sondern um Vernetzung und das Gruppenerlebnis. Um Zustimmung, Daumen und Victory-Zeichen.

Und das alles stimmt. Genau so sehe ich es auch.

Aber: Das alles ist eben gerade kein Widerspruch.

Denn natürlich hat auch der einsame Läufer das Bedürfnis nach einem Rudel, nach Austausch, Anerkennung und Beziehung. Und natürlich habe auch ich Spaß daran, in kleineren oder auch größeren Gruppen zu laufen. Oftmals finden die besten Gespräche im Laufschritt statt und die wertvollsten Freundschaften können so entstehen. Ein Wettbewerb lebt auch von den MITstreitern, von der geteilten Anstrengung, vom gemeinsamen großen Erlebnis. Kaum ein Sport verbindet so sehr wie dieser – aus Gründen, die überall schon tausendfach behandelt und analysiert worden sind.

Und dennoch: Kaum ein anderer Sport lässt sich so sehr mit einem tiefen inneren Dialog verbinden, nirgendwo findet Reflextion, körperliche und mentale Selbstanalyse, ein Hinterfragen, Überprüfen und eine ganz wesentliche Neuausgestaltung oder Festigung der eigenen Lebensfundamente statt, wie auf einer einsamen Straße oder einem verlassenen Feld- oder Waldweg, über den man seine ganz persönliche Strecke zurücklegt. Die Laufstrecke als Definition des eigenen Lebenswegs.

Wann sonst hat man die Möglichkeit, zwischen Terminen, E-Mails, Nachrichten und unzähligen wichtigen und unwichtigen Verpflichtungen, zwei, drei, vier oder mehr Stunden “aus der Welt” zu sein, sich auszuklinken? Nicht erreichbar zu sein und sich mit nichts anderem zu beschäftigen als mit sich selbst oder den Dingen, die einem wichtig sind, ist ein Luxus geworden, der Läufer zu den reichsten Menschen der Welt macht.

Vielleicht würden viele Entscheidungen mit all ihren Folgen ganz anders gefällt, vielleicht Gewohnheiten und Dinge die so sind, “weil sie sich eben nicht ändern lassen”, ganz anders bewertet, wenn sich die Menschen, auf die es ankäme, mehr Zeit nehmen würden für Dinge, die nichts mit ihrer Arbeit zu tun haben oder damit, wie sich die Welt noch flotter drehen könnte. Gerade heute ist es nötig, das viel zu schnelle Leben zu verlangsamen, um komplexe Zusammenhänge in Ruhe zu durchdenken und vielleicht so etwas wie Empathie, das Hineinversetzen in andere, wieder nach oben auf die vollgepackten ToDo-Listen unserer Myriaden von Orga-Apps zu schieben.

Ich persönlich habe in den letzten fünf bis zehn Jahren viele Veränderungen durchlebt, habe zum Beispiel das Laufen (semi-) professionalisiert, meine Ernährung komplett verändert und viele auch gesellschaftliche und politische Positionen, die mir früher entweder gleichgültig waren oder für die ich sogar ein gewisses Verständnis aufbringen konnte, neu bewertet. Ich habe Wichtigkeiten neu sortiert und meinen Kompass immer wieder neu justiert und schließlich entsprechende Konsequenzen für mich gezogen.

Man kann ganze Bücher darüber schreiben, was man von einem langen Lauf alles für das Leben lernen kann und sicherlich gibt es diese Bücher längst in großer Menge.
Viel wichtiger aber ist es, seine eigene Geschichte zu schreiben, für sich und für diejenigen, die interessiert sind an diesen Erzählungen.

Vielleicht – oder ganz sicher – wäre ich heute ein anderer Mensch, wenn ich beim Austausch mit mir selbst die letzten Jahre keine Laufschuhe getragen hätte.  

Zurück zu Instagram, Facebook und Strava: Ich mag den Austausch, weil ich ein kommunikativer Mensch bin. Ich mag aber auch, wenn alles zur rechten Zeit und im richtigen Maße stattfindet. Auch die Kommunikation.

Manche sehen das alles kritisch. Manche sehen eine Verbissenheit und vermutlich auch ein Stückchen Unvernunft darin, was ich mache. Und durch die Offenheit meiner Kanäle muss ich das auch vollkommen in Ordnung finden. Ich mag Kritik durchaus und schätze sie, wenn sie genau das bewirkt, was ich oben mit ehrlicher Selbstreflexion beschrieben habe.

Manche Menschen schreiben mir aber auch immer wieder, wie sehr ich sie motiviere, inspiriere und ermutige. Und wenn ich sage: Ich laufe für mich, dann meine ich auch immer: Ich laufe für genau diese Menschen mit. Das ist manchmal Gesellschaft genug.

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One thought on “Bewegung und Entschleunigung – Warum uns das Laufen helfen muss, unsere Geschichte(n) zu schreiben

  • Schöne Gedanken, denen ich komplett zustimmen kann. Ich denke, wir haben da ganz ähnliche Abzweigungen in unserem Leben genommen. Mir ging es vor ein paar Jahren genauso: irgendwann machst du dir einfach ein paar mehr Gedanken, warum, wieso, weshalb. Das ändert einige Sichtweisen, die wir auf unser Leben und diese teils schreckliche Welt haben. Natürlich kann man immer sagen: das wäre auch ohne das Laufen so gekommen. Genau das glaube ich eher nicht. Durch das Laufen habe ich viel in meinem Leben über mein Leben gelernt: Ehrgeiz, Disziplin, Ziele setzen und erreichen, Fokussieren, richtig priorisieren, gut vorausplanen, mental stark sein – alles Dinge, die man beim Laufen automatisch „mitbekommt“. Dafür bin ich sehr dankbar. Nur das können eben viele, die nicht laufen, gar nicht verstehen. Müssen sie auch nicht. Dafür schreiben wir ja auch unsere eigene Geschichte!

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