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Taktik und Geballere – Der Brüder-Grimm-Lauf 2018

Es wird nicht mehr lange dauern, dann braucht man nicht mehr zu erklären, was der Brüder-Grimm-Lauf ist, der in diesem Jahr bereits zum 34. Mal im Main-Kinzig-Kreis stattfand. Dort, wo einst zwei Herren wirkten, die heute nur noch für Ihre Märchensammlung bekannt sind, in Wirklichkeit aber viel mehr waren und die zum Beispiel mit dem "Deutschen Wörterbuch" eines der ersten umfassenden Wörterbücher deutscher Sprache begonnen haben. Aber ich drifte ab. Es gibt eben so viel zu erzählen zu diesem außergewöhnlichen Wettbewerb.

Für die wenigen, die den Brüder-Grimm-Lauf noch nicht kennen: Das Rennen startet jährlich an einem Freitag Abend in Hanau und erstreckt sich über insgesamt 82 Kilometer in fünf Etappen. Samstag und Sonntag wird jeweils am Morgen und am Nachmittag gestartet und um das Ganze noch interessanter zu machen, sind die beiden letzten Etappen nicht nur die längsten (17 und 18 km), sondern auch die schwierigsten. Traditionell - und das scheinen die Organisatoren mit der für das Wetter verantwortlichen höheren Instanz fest vereinbart zu haben - gehört zur finalen Etappe, die in Steinau endet und zu 70 Prozent in offenem Gelände und auf freiem Feld verläuft, praller Sonnenschein und zwischen 25 und 30 Grad. Ich war bisher drei Mal dabei und es war noch nie anders.

Apropos Organisatoren: Zu den Besonderheiten dieser drei Tage gehört auch, dass alles perfekt geplant und umgesetzt ist. Von der Ankunft bis zum Ende, von der Startausgabe (bei der diesmal sogar vegane Starterbeutel vorbereitet wurden), über den Gepäcktransport von Punkt zu Punkt, bis hin zu den Ergebnislisten, die bereits Minuten nach dem Rennen ausgehängt und im Internet verfügbar waren (inklusive sämtlicher Wertungen): Es wurde an alles gedacht und mit viel Liebe und Engagement umgesetzt.

Ärztliche Versorgung, Fürsorgepflicht für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, souveräne Entscheidung bei schwieriger Wetterlage, direkte Ansprechbarkeit bei Fragen, umfassende Verpflegung - es hat alles gestimmt. Und das bei einer Startgebühr, die konkurrenzlos niedrig ist.

Das alles habe ich in dieser Art selten erlebt und es ist, was diesen Lauf zu dem macht, das er ist: professionell und doch familiär. Klein und doch ganz groß.

Und auch das sei erwähnt, weil ich es im letzten Jahr kritisiert hatte: An jeder, wirklich jeder Abzweigung stand ein Streckenposten. Es sei vorweg gesagt: Diesmal hat sich niemand verlaufen.

Jeder Marathon ist anders. Jedes Rennen ist anders. Das sind Binsen, die jede Läuferin und jeder Läufer kennt, die oder der schon an mindestens zwei Wettbewerben mitgemacht hat und wenn es grammatikalisch nicht so furchtbar falsch wäre - und den Grimms würden sich die Haare sträuben - müsste man sagen: Der "BGL" ist noch anderser als die anderen. Er ist noch mehr anders. Mehr besonders.

Denn erstens sind die Strecken so abwechslungsreich, so unterschiedlich in allen erdenklichen Aspekten (Boden, Gelände, Distanz, Klima), dass man nur schwer vorhersehen kann, wie es einem beim jeweiligen Zieleinlauf einer Etappe geht. Und zweitens ist das Teilnehmerfeld in jedem Jahr aufs neue eine Schatztruhe voller Überraschungen. Manche Namen kennt man, manche nicht. Alles ist möglich. Man kann dieses Rennen nicht planen - neben den Grimms hätte sich Bert Brecht noch gut als Namensgeber angeboten, mit seinem Wort aus der Dreigroschenoper und dem Lied von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens : "Ja, mach nur einen Plan! Sei nur ein großes Licht! Und mach dann noch’nen zweiten Plan, Gehn tun sie beide nicht."

Letztes Jahr machten drei Läufer aus den Niederlanden das Rennen unter sich aus, die noch nie jemand zuvor hierzulande wahrgenommen hatte. Sie tauchten auf, rannten von Etappe zu Etappe vorneweg direkt auf das Siegertreppchen (zumindest zwei von ihnen) und ließen die Stammläuferschaft staunend zurück.

In diesem Jahr übernahm das der Belgier Filip Vercruysse (vom SCB Berlin). Aber dazu mehr. Denn dessen Auftritt sollte man nochmal gesondert erwähnen.

Etappe 1: Die Rotkäppchen-Etappe (15,5 km)

Der Start verlief bei schönem Wetter, es war warm aber nicht allzu heiß. Nachdem es die Woche über immer wieder zu Gewitterwarnungen kam, und wir uns alle an die Sturm- und Regenetappe von letztem Jahr erinnerten, waren wir also guten Mutes. Mein Plan war, moderat zu starten, Kräfte zu sparen, um endlich einmal das zu schaffen, was mir bisher nicht vergönnt war: Auf der letzten Etappe nicht komplett am Ende zu sein, und nicht dramatisch einzubrechen (wie beispielsweise im letzten Jahr). Treppchen wäre großartig, persönliche Bestzeit auf dem Kurs ein weiteres Ziel, Top 5 wäre schön. Das also wieder mein Dreistufen-Plan, den ich mir vor jedem Rennen zurecht lege: Immer drei Ziele. Eines davon sollte erreichbar sein, die beiden anderen Motivationspusher.

Die Stimmung war gut, wir machten unsere obligatorischen Teamfotos (ich lief gefühlt für mehrere Teams: Team Tauber, Vegan Runners, LG Mauerweg und hatte für jedes das passende Shirt dabei) und dann ging es endlich los. In diesem Moment sortiert man das Feld, soweit man es aus der versammelten Läuferschaft schon erkennen kann und ich stellte fest: Die drei Jungs vom letzten Jahr waren diesmal nicht dabei.

Inzwischen kennt man viele Gesichter, die bereits erwähnte Stammläuferschaft ist groß und auch die Spitze des Brüder-Grimm-Laufs ändert sich nur stellenweise. Ich wusste also, mit wem ich es zu tun hatte (bis auf eine Ausnahme, wie gesagt).

Und dann ging es los. Wie so oft - wie eigentlich immer - galt auch diesmal: Vorsichtig anfangen und Kräfte sparen für das Ende. Für das Ende bedeutete in diesem Fall: für übermorgen, für die letzte Etappe.

Und dazu kam - auch das immer und jedes Jahr aufs Neue: Beim Grimm-Lauf ist die erste Etappe die schnellste: Flaches Profil, Asphalt und fester Waldboden treffen auf wochenlange Vorfreude, gute Stimmung und frische Beine. Wie soll man sich da bitte zurückhalten?

Ich wusste, ich sollte nicht schneller als Marathon-Tempo laufen und ich erinnerte mich immer wieder an den schmerzlichen Einbruch in der vorletzten und letzten Etappe 2017 - ein Gedanke, der mir in den kommenden Läufen immer wieder helfen sollte. Denn so richtig es ist, dass man Enttäuschungen schnell abhaken sollte, sollte man sich die dazugehörigen Lehren doch immer sehr bewusst im Hinterkopf bewahren. So wie ich in Hamburg 2016 viel über den Marathon gelernt hatte, so habe ich im letzten Jahr viel über den Etappenlauf gelernt.

Hier wie in vielen Situationen: Lernst Du aus dem Lauf, lernst Du fürs Leben.

Eine weitere Erkenntnis dieser ersten 15 Kilometer, die mir die Kontrolle über mein Tempo erleichterte, war das Läuferfeld an der Spitze. Es waren jene bekannte Gesichter, die ich aus den letzten beiden Jahren kannte. Zwei davon waren vor mir und blieben es an diesem Abend auch. Ich beendete die Etappe als Dritter und fühlte mich gut. Ich hatte viel, aber längst noch nicht alles gegeben.

Wir - das war die Berliner Fraktion unseres Teams (Andreas, Julian und Fried) verbrachten den Abend, wie man so einen Abend eben verbringt: beim Italiener bei Pasta und alkoholfreiem Weizen.

Man könnte die Zusammenfassung der Etappen verkürzen, einige Höhepunkte anschneiden und ein schönes Gesamtfazit ziehen. Beim Brüder-Grimm-Lauf passiert aber so viel, das einem das fast unmöglich scheint. Ich versuche dennoch, mich kurz zu fassen, denn vermutlich ist gar nicht möglich, wiederzugeben, was da im Kopf und im Körper alles passiert.

Etappe 2: Die Dornröschen-Etappe (14 km)

Die zweite Etappe beginnt mit dem - wie finde - schönsten Start des Brüder-Grimm-Laufs. Man erkennt einige der Läuferinnen und Läufer, grüßt sich, nickt sich zu, schlägt ein und es stellt sich ein allgemeines Gefühl des Amgekommenseins in morgendlicher Frische ein: Man ist warmgelaufen, hat schon ein kleines Stück geschafft, die spätere Ermüdung ist noch in einigermaßen weiter Ferne.

Das Wetter war gut: warm, sonnig aber nicht zu heiß. Ich hatte gute Laune und nahm mir vor, mich wieder an die Spitze vom Vorabend zu halten. An dieser Stelle sei erwähnt, dass diese Spitze mit mir aus 4 Läufern bestand: Neben Björn Kuttich und David Schön war da noch Lorenz Köhl, ein BGL-Urgestein, AK 50 und jedes Jahr als heimlicher Pacer vorne dabei. Letztes Jahr hatte er einmal gefehlt - und promt sind wir falsch abgebogen.

Der Startschuss fiel, es lief entspannt und wir fanden unser flottes aber kontrolliertes Tempo. Mit dabei in unserer Gruppe war ein junger Man, der bereits nach dem zweiten Kilometer an seinem Limit zu laufen schien. Er ruderte mit den Armen und atmete laut, sein Blick war alles andere als entspannt. Seine Startnummer wies ihn nicht als Einzeletappenläufer aus. Ich machte mir keine ernsthaften Sorgen, fragte mich aber, warum man sich so früh so etwas antun müsse. Das könne nicht gut gehen und könne doch auch wirklich keinen Spaß machen. Nach drei Kilometern lies er sich zurückfallen. Später im Ziel sah ich, wie er - gestützt von zwei anderen Läufern - Richtung Verpflegungsstand begleitet wurde. Ich habe ihn dann nicht mehr gesehen und hoffe, es ist alles gut für ihn ausgegangen.

Wir liefen weiter, es kamen die ersten Anstiege und der erste längere Downhill stand an. Jetzt galt es, es "rollen" zu lassen: eine etwas abgegriffene Formulierung für das sehr angenehme aber nicht unanstrengende Gefühl, nach einem Anstieg plötzlich ganz andere Muskeln beanspruchen zu können und die Schwerkrapft die Arbeit im eigenen Sinne machen zu lassen. Vor mir waren wieder die beiden anderen, ich war Dritter, die Platzierungen liefen sich fest.

Plötzlich hörte ich Schritte hinter mir. Schnelle Schritte. Ich konnte kaum unsehen, da wurde ich auch schon überholt. Wobei das noch gelinde formuliert ist. Ein großer Mann schoss geradezu an mir vorbei und lief, bis ich ihn nach wenigen Minuten nicht mehr sehen konnte. "Na da bin ich ja mal gespannt", dachte ich. Würde das eine einmalige Aktion sein oder tauchte hier plötzlich jemand auf, den in der ersten Etappe niemand bemerkt hatte?

Ich nehme es vorweg: Bereits erwähnter Filip Vercruysse, der auch aus Berlin kommt, gewann diese Etappe, gewann auch die restlichen Etappen (alles andere als knapp, sondern jeweils mit deutlichem Vorsprung) und holte sich den Gesamtsieg in weniger als fünf Stunden. Eine unglaubliche Leistung.

Ich beendete die Etappe als Vierter. Bis auf unseren Berliner Überraschungsgast lief das vordere Feld in der Reihenfolge ein wie auch am Vortag. Ein Trend?

Etappe 3: Die Schneewittchen-Etappe (17k)

Wir waren in unserem "Brüder-Grimm-Flow" und alles lief nach dem inzwischen gewohnten Programm: Vom Ziel zum Supermarkt, um Essen und Verpflegung zu holen, von dort ins Hotelzimmer, unter die Dusche, ins Bett, zurück in die (frischen) Laufklamotten und vor die Haustür, wo wir abgeholt wurden. Die dritte Etappe schont nicht mehr. Es geht in die Anstiege, in den Wald, auf den Berg und wieder runter. Das letzte Stück führt wieder über Feld und Wiesen und man sieht den Zielort Gelnhausen mit seiner wunderschönen Marienkirche lange Zeit am Horizont. Diese Kirche ist das Vorbild für die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin. Auch hier also die Verbindung zu meiner Wahlheimat.

Was das Feld betrifft, war alles wie gehabt und ich lieferte mir noch ein kleines Duell mit Lorenz, das ich dann doch deutlich in den Beinen spürte und das ich erst knapp eine Meile vor dem Zieleinlauf für mich entscheiden konnte. Was die Etappe nicht unbedingt einfacher machte, war die Tatsache, dass der Start kurzfristig um 30 Minuten nach hinten verschoben wurde, weil die Strecke von einem stärkeren Gewitter heimgesucht wurde. Das ist nicht schön, aber auch hier ein Lob an die Organisatoren: Richtig reagiert und gut kommuniziert.

Im Ziel traf ich noch einige andere Läuferinnen und Läufer, und an dieser Stelle geht ein großes Shoutout unter anderem an Katrin und Daniel von bevegt.de und Daniel, Niklas, Franzi und Tristan (gute Genesung!) vom Erdnussbutter-Racingteam (Laufen Liebe Erdnussbutter). Wir waren uns einig: Es beginnt langsam, weh zu tun: Willkommen beim Brüder-Grimm-Lauf 2018!

Es ging zurück zum Hotel und am Abend stand dann die inzwischen auch schon zur guten Tradition gehörende Nudelparty bei unserem Freund und Teamkapitän Peter auf dem Programm. Hier sei gesagt, dass Peter nach einer sehr ernsten und langen Krankheit bis zum Start nicht wusste, ob er die 82k schon wieder zu bewältigen können und wie es ihm dabei gehen würde. Nun, er zog es durch, ohne Probleme und in beachtlichem Tempo. Ein Sieg, der mich nicht nur sehr freut, sondern der am Ende weit wichtiger ist, als jede Medaille und jedes Treppchen. Welcome back, Peter!

Und nach einem ausgiebigen Carbo-Loading ging es schließlich zurück und ins Bett. Wir hatten noch was vor.

Schließlich war er gekommen: Der nächste Morgen. Der letzte Tag. Die beiden schwierigsten und längsten Etappen standen an.

Etappe 4: Die Frau Holle-Etappe (17 km)

Die vierte Etappe startet auf dem schönen Marktplatz von Gelnhausen und geht sofort in die Vollen: Es beginnt bereits mit einem Anstieg und es gibt kein Einrollen, kein Pace-Finden. Die Beine machen sich von Anfang an bemerkbar. Nach etwa zwei Kilometern steht am Beginn eines weiteren Anstiegs immer (auch dies Tradition) ein Mann in Teufelskostüm. Welcome in hell! Vorne bot sich diesmal wieder das gewohnte Bild: Ich lief in unserer Vierergruppe und wir gingen es diszipliniert an. Nach einigen Kilometern setzte sich der spätere Sieger ab (mal wieder) und ward nicht mehr gesehen. Wir liefen weiter, reichten uns gegenseitig Wasserflaschen, machten unser Tempo. Nachdem wir alle nahezu das gleiche Niveau hatten und das Gesamtranking, das nach jeder Etappe abzurufen war, genau kannten, war es für uns alle eher auszuschließen, dass sich an den Platzierungen noch bedeutend viel ändern würde. Es musste entweder einer von uns aus- oder einbrechen, um hier noch Verschiebungen herbeizuführen. Beides schien uns allen höchst unwahrscheinlich.

Diese Sonntagmorgen-Etappe ist gekennzeichnet durch den vermeintlichen Höhepunkt des Brüder-Grimm-Laufs, nicht nur emotional, sondern auch geografisch: Nach etwa 11 Kilometern kommt nämlich der Anstieg zu den "Vier Fichten", einem geschichtsträchtigen Ort. Der Weg dort hinauf zählt zu den härtesten Streckenabschnitten des Wettbewerbs und oben angekommen, erwartet einen eine Gruppe jubelnder und Kuhglocken-schwingender Menschen. Ein kleines Rennen im Rennen. Von dort geht es nur noch bergab: Im wahrsten Sinne des Wortes. Es folgt die längste und steilste Downhill-Strecke des Laufs und das mit wechselnden Bodenbelägen von Asphalt über Waldboden bis hin zu sehr groben Schotter. Hier ist nicht nur gutes Schuhwerk, sondern vor allem Schnelligkeit, Stabilität und Koordination gefragt. Nicht wenige Läuferinnen und Läufer halten das schnelle und doch kontrollierte steile Bergab-Laufen für wesentlich unangenehmer als einen gepflegten steilen Anstieg. Ich gehöre dazu.

Wir hatten in unserer Gruppe vereinbart, bis zu jenem Gipfel zusammen zu bleiben und die Strecke von dort an "frei" zu geben. Ab jetzt wurde geballert und das Feld zog sich etwas auseinander.

Am Ende der letzten Bergab-Passage, am Fuß des Berges, wo man in die letzten beiden Kilometer in den Zielort einbog, stand wieder der Mann Teufelskostüm und entließ einen zurück in die Zivilisation. Die vermeintliche Hölle war überstanden.

Zum Zieleinlauf selbst ist nicht mehr viel zu sagen. Wir liefen in der gewohnten Reihenfolge ein. Ich war wieder Vierter und fühlte mich im vergleich zum Vorjahr um ein Vielfaches besser. Ich hatte keinen Horror vor der letzten, der längsten und klimatisch herausforderndsten letzten Etappe: Ich freute mich darauf!

Es ging nochmal zurück ins Hotel, davor kurz zum Asiaten um die Ecke, um ein gemeinsames Mittagessen einzunehmen und dann war es soweit: Die letzten 18 Kilometer lagen unmittelbar vor uns.

Vor dieser Etappe sammelt man sich noch einmal. Man rechnet sich aus, wo man im Gesamtklassement steht und wo man am Ende stehen könnte. Man vergleicht seine Zeit mit der Vorjahreszeit und seiner Bestzeit und man hört in sich hinein um zu prüfen, was möglich sein könnte.

Ich tat all das. Im Ranking würde sich nicht mehr viel verändern: Der Erste war unerreichbar, der Zweite zu weit weg. Der Dritte lag knappe zwei Minuten vor und der Fünfte knappe fünf Minuten hinter mir. Die persönliche Bestzeit war ebenfalls so gut wie nicht mehr möglich, das Ergebnis würde vergleichbar sein mit dem vom letzten Jahr. Mit einem für mich wichtigen Unterschied: Ich fühlte mich gut und ich hatte noch Reserven. Ich war mir sicher, der Einbruch würde trotz Sonne und relativ hohen Temperaturen auch am Ende dieses weiten Weges nicht kommen. Er kam auch nicht. Soviel sei schonmal verraten.

Etappe 5: Die Händel und Gretel-Etappe (18 km)

Wir starteten und wieder blieben wir in der Gruppe zusammen. Diese Etappe zeichnet sich durch zwei Besonderheiten aus: Zum Einen, das hatte ich bereits erwähnt, läuft sie in der zweiten Hälfte zwischen Felder hindurch und ist komplett schattenfrei. Zum anderen beginnt sie auch gnadenlos: Es geht in den - zumindest nach meinem Empfinden - härtesten Anstieg des gesamten Laufs. Einen, der noch viel stärker in die Beine geht und kräftezehrender ist als besagte "Vier Fichten". Über mehr als einen Kilometer erstreckt sich das Teilstück und es geht dabei steil bergauf. Man hat zu diesem Zeitpunkt  mehr als 60 Kilometern in den Beinen. Das schmerzt. Immer.

Aber auch dieser Anstieg war irgendwann geschafft, es ging wieder in eine längere Downhill-Passage und nun also wartete ich gespannt darauf, welche Signale mir mein Körper und mein Geist so senden würden.

Wir passierten die 8k-Grenze und ich erinnerte mich daran: Genau an dieser Stelle war es im letzten Jahr vorbei. Kopf und Körper spielten nicht mehr mit, es wurde eine Qual zwischen Trab und mittelschnellem Lauf. Schmerz und Erschöpfung waren mir damals anzusehen.

Nichts davon heute. Wieder blieben wir zusammen, rannten alle vier unser Tempo. Unser Berliner Freund war bereits am Anfang weg gezogen. Wir sprachen uns nicht ab, wir liefen einfach alle unser Tempo: Nah am Limit, aber nicht darüber hinaus. Wir blieben in der Gruppe. Es ergab sich so.

Bei Kilometer 12 dachte ich im letzten Jahr an eine Gehpause. Heute schmerzten die Beine zwar, aber an ein reduziertes Tempo musste ich keinen Gedanken verschwenden. Wir scherzten sogar noch etwas, dass auf der Strecke heute für einen Sonntag ja doch einiges los sei und einem Spaziergänger riefen wir zu: "Achtung, da kommen noch 500 andere!" Das war bei Kilometer 15.

Bei Kilometer 16 lies sich Lorenz, der seine Altersklasse gewinnen sollte, schließlich etwas zurückfallen. Wir drei liefen unser Tempo weiter und blieben zusammen. Jeder von uns wusste: Ausbrechen würde niemandem mehr etwas bringen, und ich gebe auch zu: Dazu reichte meine Kraft dann vermutlich auch nicht mehr. Ich lief flott, ich lief nahe an der Schmerzgrenze, aber überschreiten musste ich sie heute nicht mehr. Ich würde alles geben, aber noch nicht nahe am Zusammenbruch stehen.

Als wir auf die Zielgerade in Steinau einbogen und noch etwa 300 Meter bis zum Ende hatten, fragte einer der beiden anderen: "Zusammen einlaufen?" Wir stimmten zu und so machten wir es: Wir liefen zu dritt nebeneinander und zeitgleich über die Ziellinie - jeder mit einem Lächeln auf den Lippen und uns gegenseitig applaudierend. Ich bin normalerweise kein großer Freund von solchen Aktionen, denn ein Zieleinlauf ist ein Zieleinlauf, ist ein Zieleinlauf. Ein Finale, bei dem  man nochmal alles investiert, das noch irgendwo abrufbar ist.

Aber hier war es doch anders, denn niemand hätte etwas von einem Schlusssprint gehabt und dieses gemeinsame Finish passte einfach perfekt zum Gesamtverlauf des Brüder-Grimm-Laufs 2018: Wir haben uns gegenseitig gezogen und kontrolliert zugleich. Wir waren ein Team im gegenseitigen Wettbewerb. Und so war dieser Abschluss ein würdiger und angemessener. Lorenz kam nur kurz hinter uns ins Ziel. Wir klatschten ab: "Super gemacht!"

Ich ging zur Verpflegung, aß eine von insgesamt unzähligen Bananen, die ich dieses Wochenende konsumiert hatte und nahm einige Becher Wasser und Iso-Drinks zu mir. Ich ging ins Steinauer Rathaus, holte mir mein Finisher-Shirt und stellte mich an die Ziellinie, um einige der weiteren Ankommenden zu begrüßen.

Ich war erschöpft, aber wo ich 12 Monate vorher Minuten lang vor mich hin stierend in einer Ecke in einer kühlen Ecke saß (Andreas sagte damals: "Du siehst nicht gut aus"), ging ich heute über den Platz, schlug mit anderen ein, lachte, scherzte, duschte endlich und versammelte mich schließlich mit meinem Team. Der #BGL18 war Geschichte.

Das Ergebnis war erfreulich: Ich belegte den 4. Gesamtplatz und wurde 2. in der Altersklasse (leider gehörte der Berliner Durchstarter und Gesamtsieger genau meiner Altersklasse an. Da war also nichts zu holen).

Mit der Zeit bin ich nicht so ganz zufrieden. Denn die war mit 5 Stunden und 16 Minuten  nochmal ein wenig langsamer als im vergangenen Jahr und lang ganze neun Minuten über meiner Bestzeit.

Dafür aber war ich mit der Renneinteilung zufrieden, weil ich die Kräfte richtig eingesetzt hatte, nichts unnötig "verballert" und auch nichts übervorsichtig aufgespart hatte.

Das Wetter mit den doch relativ hohen Temperaturen und einer gewissen Schwüle hat vielleicht seinen Beitrag zur eher moderaten Zeit geleistet - zumindest körperlich aber habe ich das nicht sonderlich wahrgenommen.

Im Hinblick auf meine Konzentration auf die Ultraläufe also war der Brüder-Grimm-Lauf 2018 eine weitere wichtige Etappe.

Er war - und dieser Wert ist kaum zu überschätzen - ein echtes Lauferlebnis mit wunderschönen Strecken, ganz vielen tollen Menschen, die dem Ganzen bei allem Wettbewerb diesen familiären Touch geben, eine Mischung die ein Stadtmarathon nie bieten kann.

Ich möchte und kann inzwischen meine Rennen nicht mehr ein ganzes Jahr im Voraus planen. Ich würde 2019 vielleicht gerne den Rennsteig laufen, der auch um diese Zeit stattfindet. Außerdem soll es Richtung 100k gehen und der Rodgau50 ist eigentlich auch schon relativ fest auf der Agenda. Daher weiß ich noch nicht, wie das nächste Jahr verlaufen wird.

Aber dass ich am Brüder-Grimm-Lauf 2019 nicht teilnehmen werde: Es ist möglich, vorstellen kann ich es mir aber eigentlich nicht. So gar nicht!

Die Ergebnisse des Brüder-Grimm-Laufs 2018.

Fotos by Anna B. Kuhlmann http://bgl.kuhlmann-foto.de        

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One thought on “Taktik und Geballere – Der Brüder-Grimm-Lauf 2018

  • Sabine sagt:

    Hallo Ludwig!
    Danke für diesen tollen Bericht und die vielen lobenden Worte! Nur in einem muss ich dich korrigieren: wenn die Grimms ordentliche Hessen waren, ist „annerster“ ein ganz alltägliches Wort 😉
    Bis nächstes Jahr!
    Liebe Grüße,
    Sabine

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