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DIe Welt extrem subjektiv betrachtet

Bin mal eben Zigaretten holen…

Zigaretten.jpg.scaled1000Wenn man mal ein paar Tage nicht im Büro ist, dann gibt es da eine tolle Funktion, die bis vor Kurzem den sehr (bürokraten-)deutsch klingenden Namen "Abwesenheitsassistent" hatte - ein Begriff, der so unbeholfen klingt, dass ihn Microsoft inzwischen abgeschafft und durch "Automatische Antworten" ersetzt hat. Die Funktion selbst, die gibt es also bekanntermaßen immernoch. Aber Kommunikation ist ja nun etwas mehr als der inzwischen schon weitgehend etablierte Emailverkehr. Und da stellt sich eine ganz interessante Frage, die eng in Zusammenhang mit der Frage nach unbegrenzter Verfügbarkeit steht: Habe ich eine moralische Verpflichtung, Menschen mit denen ich überdurchschnittlich häufig kommuniziere darüber zu informieren, wenn ich einmal über längere Zeit nicht online sein kann - wenn ich also absehbar in eine analoge Ausnahmesituation gerate: Familienausflug in die Berge, Picknick am See, 75ster der Oma, die an einem Ort feiert, den der Breitbandausbau noch nicht erreicht hat? Die Frage mag etwas seltsam klingen - ist sie aber eigentlich nicht. Sie erinnert ein bisschen an die inzwischen klassischen Anrufe a la: "Ich wollte nur mal schnell nachfragen, ob Du meine Email bekommen hast, weil noch keine Antwort kam", worauf ich persönlich fast immer antworte: "Ja, aber ich habe sie noch nicht gelesen". Ich frage mich ernsthaft noch immer, warum mir jemand eine Email schickt, und dann wenige Minuten später nachfragt, ob ich sie bekommen habe... Ähnlich ist es, wenn man relativ lange nicht twittert, keine Facebookpostings macht, oder auf DMs nicht reagiert. Es gibt zumindest bei Twitter die Möglichkeit, seinen Followern ein deutliches Signal zu geben, dass man die nächsten paar Stunden nicht erreichbar ist oder nicht erreichbar sein möchte: Das "twoff", wobei man hier nicht den Fehler machen sollte "twoff #ausgründen" zu schreiben, denn dies führt wiederum zu massiver Verunsicherung und garantiert Nachfragen a la: "Was ist passiert?", "Aus welchen Gründen denn?" oder "Aber Du kommst schon wieder, oder?" Alternativ: Sollte man einfach eine Massen-SMS an seine 20 Top-Follower und Influencer schicken, mit dem Hinweis, man verabschiede sich mal kurz ins Analoge und könne die nächsten Stunden einfach nicht auf die Timeline oder die Pinnwand kucken? Aber was, wenn ich keine Handynummer der Betreffenden habe. Jedem eine DM senden? "Bin mal kurz off. Aber keine Sorge, alles in Ordnung". Und steigert sich die moralische Verpflichtung der digitalen Abmeldung synchron zur Höhe des persönlichen Kloutscores? Auch solche Fragen stellen sich im Zuge der digitalen Revolution. Und wie viele Moralfragen, die nicht von Knigge oder dem SZ-Magazin gelöst werden können, muss man auch hier bisweilen mutig sein, und das von Fall zu Fall selbst entscheiden. Man mag es als Zwang sehen, wenn man ein schlechtes Gefühl dabei hat, unentschuldigt offline zu sein. Man mag es aber auch als seine persönliche Freiheit betrachten, einfach mal twoff zu gehen, ohne "#twoff" zu twittern. Dabei erinnere ich mich an einen Sticker aus meiner Kindheit, den einst unser Nachbar an seiner Eingangstür kleben hatte, und auf dem ein abhebendes Flugzeug abgebildet war, auf dem Weg Richtung Sonne und Meer. Darunter stand: "Bin mal eben Zigaretten holen" ...

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