LilaBlog

DIe Welt extrem subjektiv betrachtet

Das Ladekabel als gesellschaftlicher Kitt

Ladekabel.jpg.scaled1000Erst vor Kurzem habe ich irgendwo gelesen, dass das Internet so viel Strom braucht, dass es eigentlich eine ökobilanzielle Katastrophe sei. Das Versenden einer Email kostet ca. tausendmal so viel an Energie, wie ein durchschnittlich gebauter Postbote bei der Zustellung eines Briefes in einer ebenso durchschnittlichen Großstadt an Kalorien verbrennt... oder so ähnlich. Klingt ein bisschen nach Waldorfsprech und Umweltkritik aus der Namentanzfraktion. Aber es stimmt: Nie war der Strom, und ganz besonders dessen Ursymbol: Die Steckdose! so wichtig wie heute. Man erkennt die gesellschaftliche Relevanz dieses Themas auch daran, dass sich problemlos und völlig berechtigt DIE philosophische Grundsatzfrage aller öffentlich-rechtlichen TV-Dokus stellen lässt: "Was war zuerst da? Strom oder Steckdose?" Ich weiß, liebe Physiker, in Wahrheit kann man das eindeutig beantworten, aber ein naturwissenschaftlicher Banause wie ich zitiert die Frage trotzdem mal. So grundsätzlich. Das Leben ist ein Leben gegen die Akkulaufzeitverkürzung geworden, und häufig hört man Menschen bei Veranstaltungen diese eine, so vertraut gewordene Frage stellen, die an kommunikativer Prominenz sogar der Einschätzung über das Wetter den Rang abzulaufen droht. Die Frage: "Und? Wie viel Akku hast Du noch so?" Früher war einer der (schon immer schlechten, aber dennoch) am häufigsten angewandten Anmachsprüche das klassische: "Sag mal, woher kennen wir uns nochmal?". Heute wird daraus ein wesentlich glaubwürdigeres: "Sag mal, hast Du hier irgendwo ne Steckdose gesehen?" - wobei interessant wäre, mal eine Studie darüber zu lesen, welche der beiden Fragen eigentlich mehr Menschen zum gemeinsamen Glück geführt hat. Und ein bereits jetzt zum am weitesten verbreiteter One-To-Many-Satz der digitalen Gesellschaft ist das latent verzweifelte: "Hat irgendjemand von Euch ein Ladekabel dabei?" Allein dieser Satz drückt das Lebensgefühl einer ganzen Generation aus. Die Veröffentlichung persönlicher Nöte verbunden mit dem Grundsatz des Teilens als sozialem Akt des mitteilungsfreudigen Senders, Sharing als Hilfsleistung, um andere wieder an Gesellschaft und Interaktion teilhaben zu lassen. Das Ladekabel als Brücke zwischen einer alten Welt mit ihrer kommunikativen Beschränkung und der neuen Welt mit ihrer (gefühlt) grenzenlosen Freiheit. Gesellschaftliche Grenzen, parteipolitische Gräben und generationenkonfliktbedingte Hürden werden überwunden, wenn es darum geht, andere Menschen um Erste Hilfe für den darbenden Akku zu bitten bzw. Helfer in der Not zu sein, wenn jemand "bei nur noch 2%" steht. Eltern und Verbrauchermagazine werden auch weiterhin Sätze sagen wie: "Vergiss den Helm nicht, wenn Du Fahrrad fährst", "Schnall Dich an wenn Du im Auto bist", "Verwende Sonnencreme, wenn Du am Strand liegst" und "Aktiviere unbedingt die Lautstärkenbegrenzung bei Deinem iPod". Neu dazu wird kommen: "Vergiss Dein Power Pack nicht - bein ALLEM, was Du tust!" tl, dr; Wenn Du nach draußen gehst, vergiss das Kabel nicht.

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