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DIe Welt extrem subjektiv betrachtet

Der Fußball und die Hühnerfarm – Werder Bremen mit dem ersten Megafail der Saison

Dass ein Fußballverein wirtschaftlich arbeiten muss, dass zum professionellen Management die Suche nach Geldgebern und Sponsoren dazugehört, und dass ein Club mit internationalem Anspruch nicht nur durch Werbung für einen lokalen Biobauernhof die nötigen finanziellen Mittel für den sportlichen wie wirtschaftlichen Wettbewerb erreicht, ist klar und wird niemand bestreiten. Und dass man seine Partner nicht erst durch einen externen Ethikrat überprüfen und eine Umfrage über das Einverständnis der Fans einholen muss - auch das ist selbstverständlich.

Werder.jpg.scaled1000Der FC Bayern hat vor rund 2 Jahren zum Beispiel eine Partnerschaft mit Yingli Solar unterzeichnet und in der Halbzeit chinesische Drachentänze auf dem Rasen veranstaltet. Die Partnerschaft mit einem Unternehmen aus China, von dem wohl keiner der 69.000 Anwesenden in der Allianz-Arena bis dahin je etwas gehört hatte und das in der ohnehin nicht leicht zu unterhaltenden Südkurve Reaktionen zwischen Befremden und völliger Gleichgültigkeit hervorgerufen hatte, muss man nicht unbedingt aus vollstem Herzen feiern, kann man aber ohne große Bedenken akzeptieren. Und dass Burger King als Fastfood-Fleisch- und Fett-Lieferant nicht automatisch zu einem Sportverein passt, mag zwar sein, finde ich als ernsthaften Kritikpunkt aber ein bisschen überzogen.

Eine ganz andere Kategorie des Fehlgriffs hat sich nun aber Werder Bremen geleistet (hat da eigentlich Willi Lemke noch was zu sagen?): Die Wahl des Trikotsponsors "Wiesenhof" ist ein dermaßener Griff ins PR-Klo, dass man sich fragen muss, ob die Verantwortlichen des Clubs neben den Sportteil auch den Wirtschafts- oder den Politikteil der Zeitungen lesen und neben Sport1 auch einmal n-tv oder Phoenix in den Büros laufen lassen. Dann nämlich wüssten sie, dass man weiter eigentlich gar nicht daneben greifen könnte bei der Wahl seines Haut- also Trikotsponsors. Die Vorwürfe, die es gegen Wiesenhof gibt, sind weitestgehend bekannt, auch wenn sie es durchaus wert wären, sie hier noch einmal aufzuführen. Zahlreiche Tierschutzorganisationen und eben auch eine eindrucksvolle und schockierende Dokumentation, die in regelmäßigen Abständen auf dem den Bremern offensichtlich unbekannten Nachrichten- und Dokumentationskanal der ARD zu sehen ist, führen sie zusammen. Interessant und bedauerlich zugleich ist im Fall Werder Bremen aber, dass erst durch die Proteste der Fans überhaupt auf diese problematische Seite des neuen Premium-Partners reagiert wird - und dass nicht etwa nachdenklich und mit einem Mindestmaß an Selbstreflexion, sondern ganz nach der Manier eines Gerhard Schröders: alles gut. Vorwürfe Blödsinn. Basta. Bei einem Fußballverein ist es manchmal so wie in der Politik. Da mag vieles wirtschaftlich und formal sauber sein, moralisch aber hoch problematisch. Zugegeben: Wenn man prinzipiell mit überzogenen Moralvorstellungen an einen Deal, an eine Kampagne oder an eine Aktion herangeht, erweist man der Sache oftmals einen Bärendienst. Und irgendwas zu meckern findet man schließlich fast immer. Das ist Nörgelei. Das nervt und das ist auch alles andere als konstruktiv. Wenn man aber davon spricht, dass ein Fußballclub auch ein gewisses Lebensgefühl repräsentieren und vermitteln soll, wenn man möchte, dass Menschen ihr Herzblut in den Verein fließen lassen, und Woche für Woche Zeit und Geld investieren, um dieses Herzblut als den Treibstoff tiefst-emotionaler, lautstarker Unterstützung zu verwenden, dann muss man auch dafür Sorge tragen, dass der Beigeschmack nicht zu bitter ist. Dann muss man darauf achten, dass einem das Herz oberhalb des Trikotaufdrucks nicht deshalb blutet, weil man das Gefühl hat, mit der richtigen auch eine grundlegend falsche Sache zu unterstützen, und seine Verbundenheit auch noch öffentlich zur Schau zu tragen. Wenn dann ein Sportchef erklärt, den Spielern und der Vereinsführung sei es nicht egal, welchen Sponsor man auf dem Trikot stehen hat, und dass man sich als Beweis dafür gemeinsam einen Hühnerhof der betreffenden Firma ansehen wolle, dann ist das im besten aller Fälle naiv. Das ist dann in etwa so, als wenn ich mit einer Delegation nach Russland fahren und mir von Vertretern der Partei "Einiges Russland" erklären lassen würde, dass alles bestens sei mit der Demokratie. Auch das Argument, man habe die Werberechte an einen Vermarkter abgeben, wirkt eher befremdlich. Sollte das wirklich so sein, frage ich mich, ob eine Vereinsführung nicht dafür sorgen sollte, dass sie in einer so schwerwiegenden Entscheidung für die Außenwirkung nicht für ein wie auch immer geartetes Vetorecht sorgen sollte. Ein bisschen wirkt das Ganze in seiner Kommunikation so, als ob man wieder einmal nicht verstanden hätte, dass Totschweigen und Aussitzen heute eben nicht mehr so ohne Weiteres funktionieren. Ein Beispiel dafür mag die Facebookgruppe "Wiesenhof als Werder-Sponosor? NEIN Danke!" sein, die immerhin schon rund 23.000 Fans hat und die übrigens in erfreulicher Weise zeigt, dass Fußballfans durchaus sehr differenziert darauf blicken, was der eigene Verein so alles treibt. Natürlich kann Werder Bremen nicht im Entferntesten etwas dafür, dass Wiesenhof die Tiere so behandelt, wie das offensichtlich der Fall ist. Aber wenn man den Namen einer Firma knapp unter dem Herzen trägt, wenn man seine Trikots mit eben diesem Namen drauf millionenfach in die ganze Welt verkaufen möchte, und wenn man damit europaweit in den Stadien um einen Platz der besten Vereinsmannschaften dieses Kontinents kämpfen möchte, dann unterstelle ich eine gewisse Affinität bei der Wahl seiner Partner, da es ansonsten tatsächlich einzig und allein ums Geld geht - was einen Ausverkauf von Tradition und Werte, die zumindest die Fans mit einem Club verbinden, bedeuten würde. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass das ein Verein gerne von sich behaupten würde. In einer Welt, in der Öffentlichkeit alles ist und in der Menschen immer weniger bereit sind, Dinge als gegeben hinzunehmen, in dieser Welt wird das Motto "friss oder stirb" zum selbstbewussten: "Bevor ich das esse, was Du mir da hinwirfst, probiere ich erstmal davon. Und wenn es mir nicht schmeckt, haue ich es Dir eher um die Ohren, als dass ich es schlucke". Willkommen in der Welt der Information und Kommunikation, liebe Werderaner Vereinsverantwortlichen. Wenn Ihr das einmal verstanden habt, dann klappt's vielleicht auch wieder mit dem Fußball.

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