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DIe Welt extrem subjektiv betrachtet

Die vier Grundübel unserer Zeit: Alkohol, Drogen, Internet und Musik

Kopfhörer.jpg.scaled1000Im Jahr 2011 gab es 7 Prozent mehr Verkehrstote als im Jahr davor. Das gab Anfang 2012 das Statistische Bundesamt in Wiesbaden bekannt. Bei den Fußgängern gab es sogar 21 Prozent mehr Todesfälle. Für viele ist die Ursache völlig klar. Schuld sind: Kopfhörer! Und auch für den Wiesbadener Polizeichef gibt es eine einfache Erklärung: "Wir stellen immer wieder fest, dass es durch lautes Hören von Musik im Straßenverkehr – gerade durch Fußgänger innerorts – zu Verkehrsunfällen kommt." In einem Beitrag des ZDF kommen dann auch "Die Experten" zu Wort, wie immer haben diese keine Namen - wahrscheinlich weil es so viele sind. Sie raten jedenfalls: "Musik hören nur, wenn man sich fahren lässt". Dem schließt sich selbstverständlich auch der Verkehrssicherheitsrat an. Also: Ab 0,5 Promille oder 80 db (A) ist Schluss mit Straßenverkehr - und wenns noch lauter wird, dann bitte ausschließlich zu Hause - wenn sich sonst niemand in der Wohnung befindet! Wahrscheinlich werden wir in Zukunft, wenn es nicht ganz verboten werden sollte, Kopfhörer in der Öffentlichkeit zu tragen, auf jeder Verpackung den Hinweis finden: "Musik hören kann tödlich sein" - es wird dazu sicher eine EU-weite Regelung geben. Alkohol, Drogen, Internet und nun auch Musik - das sind die vier großen Gefahren für die Gesundheit und das Wohl unserer Bevölkerung. Und vor allen diesen Dingen sollte man die Menschen gleichermaßen schützen! Da denke ich spontan an die lustigen U-Bahn-Zeichnungen - ja ich habe sie noch "in echt" gesehen - die einen jungen Punk und einem älteren Herrn nebeneinander sitzend zeigten, und die zumindest noch für ein Lächeln sorgten, weil noch ein Hauch von Humor in der Diskussion zu erkennen war: "Aus dem Walkman dröhnt es grell - dem Nachbarn juckt's im Trommelfell". Es ist ja richtig: Manchmal ist man tatsächlich genervt, wenn jemand seine Musik so laut aufdreht, dass der halbe Zugwaggon mithören kann, wobei dieses Problem ja eigentlich auch eher eines der 90er ist. Heute nerven eher kleine Gruppen Jugendlicher, die Ihre Musik direkt über die blechernen und völlig übersteuerten Handy-Lautsprecher hören, Ihr Smartphone quasi als modernen Ghettoblaster nutzen. Aber zurück zu den Kopfhörern. Die haben nämlich eine wesentlich tiefgründigere Bedeutung als das bloße Zudröhnen und eine egoistische Rücksichtslosigkeit einer reizüberfluteten Jugend. Im Gegenteil: Sie sind gewissermaßen der Schlüssel zu einem ganz persönlichen Exklusivbereich, eine Möglichkeit, sich herauszunehmen aus dem Treiben, das um einen herum stattfindet. In einer immer flexibleren Gesellschaft, in der wir nicht mehr nach der Programmzeitschrift fernsehen, Emails nicht mehr zwischen 9 und 17 Uhr checken und Kommunikation nicht mehr zu abgemachten Zeitpunkten an vereinbarten Orten, sondern immer und überall und mit jedem stattfindet, sind Kopfhörer die Werkzeuge, um sich in seine kleine aber feine innere Privatsphäre zurück zu ziehen. Und dieses Zurückziehen wird immer stärker perfektioniert, wenn Anbieter damit werben, dass Ihr Produkt so gut wie keine Nebengeräusche mehr wahrnehmen lässt: "Das Schallschutzdesign dämpft Umgebungsgeräusche und verringert die Abstrahlung von Schallwellen" (SONY). Rückzugsorte sind eben immer weniger reale Orte: Es gibt Statistiken darüber, dass ein beträchtlicher Teil der Menschen seine Mails auch auf der Toilette checkt und schreibt - was vielleicht den Inhalt der ein oder anderen Nachricht besser erklärt. Was früher ein heiliger Ort des absoluten Alleinseins war, ist heute wie fast jeder andere Ort auch Teil des kommunikativen Marktplatzes, auf dem man an jeder Ecke angesprochen werden kann. Das alles schafft großartige Möglichkeiten. Das Bedürfnis der Menschen, hin und wieder dann doch für sich zu sein, wird dadurch aber nicht geringer. Sie müssen die Möglichkeit dieses Rückzugs nach Innen dann wahrnehmen, wenn er sich zeitlich bietet. Das kann immer und überall sein, und das Schöne ist, dass der Schlüssel dazu ebenso immer und überall verfügbar ist. An vorgegebene Sendezeiten und Playlists von Radio oder CD ist man gottseidank längst nicht mehr gebunden. Der Kopfhörer hat dabei den Vorteil, dass er gleichzeitig zu seinem Wirken nach Innen auch ein Zeichen nach außen abgibt: "Ich möchte jetzt nicht gestört werden - wie Ihr sehen könnt". Es ist die wesentlich ehrlichere Variante des Ungestörtseinwollens, als sich eben mal schnell das Handy ans Ohr zu halten, wenn man jemandem begegnet, mit dem man in diesem Augenblick gerade eigentlich so gar sprechen möchte. Übrigens sagt es durchaus auch etwas über unseren momentanen Zustand aus, wie wir Musik hören und uns verhalten, wenn wir die Knöpfe im Ohr haben. Da gibt es die gutgelaunte Germanistikstudentin, die mit einem Lächeln im Gesicht ihre Lippen leise zu Bruno Mars bewegt und immer wieder leise mitsummt. Den Biker im Manowar-Shirt (bei dem selbstverständlich die Ärmel hochgekrempelt sind), der die Augen zusammendrückt, eine Schnute bildet und einen leicht gequälten Gesichtsausdruck bekommt, wenn er die gehörten Riffs auf seiner imagniären Luftgitarre nachspielt, und sich die passenden Gesten dazu verkneifen muss, weil es sonst vielleicht doch zu peinlich wird. Es gibt die Sportlerin, die mit High-Tech Headphones, die natürlich wasserdicht und abwaschbar sind, versucht, noch das Letzte aus sich herrauszuholen. Oder den scheinbar ewig Gleichgültigen, dem man nicht anmerkt, ob er nur so tut als höre er Musik. Und es gibt die Verträumte, der man auch ohne dem Erkennungszeichen am Ohr angesehen hätte, dass sie sich im Moment überall, aber nicht in der realen Welt befindet. Musik, das ist hinlänglich untersucht, ist ein unerlässlicher Bestandteil im Leben der Menschen. Sie fördert die Kreativität, lässt Endorphine ausschütten, ändert oder verstärkt Stimmungen, und ihre Omnipräsenz war noch nie so ausgeprägt wie heute. Warum sollte sie nicht auch als Rückzugsmöglichkeit in einer schnelllebigen reizüberladenen Welt der ständigen Verfügbarkeit und der ununterbrochenen Kommunikation dienen. Kopfhörer sind gewissermaßen der Garant für die persönliche Freiheit, sich auch als Teil einer immer enger werdenden Öffentlichkeit, trotz öffentlicher Präsenz seinen gedanklichen Privatangelegenheiten zu widmen: Sich seiner Freude, Trauer, Wut, Melancholie seinem Glück oder auch einer emotionalen Gleichgültigkeit hinzugeben, ohne andere immer auch teilhaben zu lassen. In einer Gesellschaft, die sich den Gedanken des "Teilens", "Kommentierens" und "Beurteilens" auf die Fahnen geschrieben hat, ist dies ein wohltuender Anachronismus. Und nochmal zurück zu den vier vermeintlichen Grundübeln: Alkohol und Drogen - geschenkt. Da dürfte inzwischen so ziemlich jeder begriffen haben, dass die eher schaden als nützen. Dass das Internet nicht das Ende der Zivilisation, sondern unser aller Horizont auf fast unbeschreibliche Weise erweitert, wird hoffentlich auch bald den meisten klar sein, ist hier aber jetzt nicht das Thema. Aber es steht fest: Dass Kopfhörer als Mittel zum Zweck etwa lebensgefährlich sein sollen und zur Verdummung der Menschheit beitragen, wie es ein ehemaliger Englischlehrer mir etwa sechs Jahre lang versuchte klar zu machen, muss hier auch mal in aller Deutlichkeit als völliger Unsinn zurückgewiesen werden. Wer sich noch an die besseren Zeiten der Loveparade erinnert (übrigens auch eine Veranstaltung, die von mancher Stelle als das Ende von Kultur und Zivilisation gesehen wurde), der erinnert sich vielleicht auch an einen ihrer Slogans, der eigentlich nicht weiter erklärt werden muss, und der ein schönes "too long, didn't read" für diesen Beitrag darstellt: "Music is the only drug". Punkt.

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