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DIe Welt extrem subjektiv betrachtet

Ein Rennen, das irgendwie doppelt zählt – Der Hamburg Marathon 2017

20170423_121748-01.jpegEs war kalt, es war stürmisch, es war nass und es war hart: Nein, ich spreche nicht vom Iron Man oder von Tough Mudder, ich spreche von dem größten Frühjahrsmarathon Deutschlands: Ich spreche von Hamburg.

Klar, man weiß, was einen erwartet (oder erwarten kann) und aus dem vergangenen Jahr kenne ich auch die Tücken und Gemeinheiten der Strecke. Aber mit mehrmaligem Hagel haben die meisten dann wohl doch nicht gerechnet.

Ich hatte, wie viele wissen und wie manche von Euch vielleicht gelesen haben, eine Rechnung offen mit Hamburg und bereits am Samstag, als wir mit unserer kleinen feinen Gruppe (Andreas, Julian und Fried) angereist waren, ließ mich die Stadt bei kaltem Sturm und Graupel wissen, dass sie es mir nicht unbedingt leicht machen würde, diese Rechnung zu begleichen.

Am Sonntag ging es dann nun endlich los. Und um schonmal eines klar zu sagen: Die Orga des Hamburg Marathons war sehr gut, es lief alles reibungslos - an dieser Stelle vielen Dank an alle, die mitgeholfen haben! Die Beschilderung auf dem Weg zur "Athletes Area" war in diesem Jahr allerdings etwas -  nennen wir es: zurückhaltend. Und so irrten wir erstmal eine halbe Stunde mit vielen anderen auf dem Gelände herum, bis uns ein Polizist schließlich sagen konnte, wo wir hin müssen. Immerhin konnten wir die Übung gewissernmaßen als Warming-Up verbuchen...

Und dann, etwa 30 Minuten vor dem Start, erstrahlte sie endlich: Die Sonne! Es gab sie noch und auch im Startblock waren die Temperaturen erträglich, der Himmel zu größeren Teilen blau.

Aber dann... Der Startschuss fiel, die roten und weißen Ballons stiegen in den Hamburger Himmel und der bedankte sich nach nur wenigen Minuten und noch im ersten Kilometer mit: Hagel!

Was folgte war ein zwar abwechslungsreiches, aber eher weniger unterhaltendes Programm der offensichtlich zu Späßen aufgelegten rauen Witterung: Wind, Regen, Sonne, Hagel - in dieser Reihenfolge und in stetem Wechsel. Letzterer begegnete mir drei Mal und meine größte Sorge war, dass die beachtlichen Körner noch beachtlicher und irgendwann richtig schmerzen würden.

Es ging letzten Endes aber gut.

Und überhaupt: Das Wetter war genau genommen das einzige, das nicht so optimal lief. Meine Beine, mein Körper und mein Kopf dagegen taten genau dies: sie liefen.

Die Tatsache, dass ich nicht ganz vorne startete, sondern in der Mitte des Blocks B, war in diesem Fall nicht der größte Nachteil, weil ich damit gezwungen war, einzuhalten, was ich mir fest vorgenommen hatte: nicht zu schnell zu starten, ins Rennen zu finden, lieber am Ende das Tempo nochmal anzuziehen, einen negativen Split zu laufen. All dies gelang.

Ich lief den ersten Kilometer in 4'02, den zweiten zu schnell (3'41) und den dritten dann wieder deutlich langsamer (3'58).

So pendelte ich mich langsam ein und spätestens an der 10er-Marke hatte ich das Rennen im Griff, mein Tempo gefunden. Es begann das, auf das man dann immer hofft: der Flow.

Die Beine fühlten sich gut an, es lief. Die Atmung war absolut gleichmäßig und ich hatte zwar immer wieder einmal schnelle Passagen, gerade wenn es mal etwas bergab ging, aber die Pace fest im Blick und weder nach unten noch nach oben größere Ausbrüche.

Etwas irritiert war ich zwar von der Tatsache, das die offiziellen KM-Schilder dann doch oft erst 150-200m nach meiner Garmin-Lap-Zeit am Wegesrand standen, aber ein solcher Puffer gehört ohnehin dazu. Er erschien mir hier allerdings manchmal ungewöhnlich groß.

Bei der Halbmarathonmarke zeigte die offizielle Bruttozeit 1:22:05 an und nachdem ich wusste, dass ich etwa 20 Sekunden später über die Startlinie lief (Mitte Block B), konnte ich mir ausrechnen, dass ich für das Ziel, unter 02:45:00 zu laufen, minimal zu schnell, aber noch im Bereich des Akzeptablen war.

Aber das Beste: Ich hatte keinerlei Beschwerden. Es lief weiterhin. Und ab jetzt ging es "nach Hause". Nur noch ein Halbmarathon! Ich dachte mir, ich stehe an der Startlinie und habe ein 21k-Rennen vor mir.

Bei Kilometer 30 erkannte ich die Stelle wieder, an der ich im letzten Jahr merkte, dass es eng, die Kräfte möglicherweise nicht reichen würden. Ich hörte wieder tiefer in mich: alles gut. Lauf weiter!

Wenig später war ich an der Stelle, an der ich ein Jahr zuvor die erste Gehpause einlegen musste. Ich lächelte und wusste, Gehpausen würde es heute nicht geben. Aber noch waren es 12 Kilometer und die Strecke würde noch einige Herausforderungen aufbieten. Man soll den Marathon nie vor der Zielmarke loben! Also: cool bleiben. Weiterlaufen!

Und es lief weiter. Natürlich spürte ich die Beine, aber ich spürte auch, dass es nicht schlimmer werden würde. Ich spürte die Waden, aber es war kein Schmerz, sondern ein Gefühl, dass man aus den Halbmarathonrennen kennt. Alles im Griff, schlimmer wird das (erstmal) nicht.

Bei Kilometer 35 stand eine Gruppe von Zuschauern mit großen Lautsprecherboxen. Es lief "Can't Stop the Feeling" von Justin Timberlake: "Just dance, dance, dance!" Und ich stellte mir vor, dass es genau das noch sein würde auf den letzten Kilometern: ein Tanz! Es fühlte sich tatsächlich noch immer alles gut an. So langsam durfte man an das Ende denken.

Bei Kilometer 37 sah ich auf meiner Uhr die Rundenzwischenzeit von 3'41. Es war der zweitschnellste Kilometer des ganzen Rennens. (Hier das Rennen auf Strava.)

Ich rechnete mir aus: Um meine Zielzeit zu erreichen, könnte ich die restliche Distanz in einem 4er-Schnitt laufen.

Ich wusste zwar, dass ich in allen bisherigen Marathons (das hier war mein neunter) auf den letzten Kilometern noch wertvolle Sekunden verloren habe, glaubte aber nicht daran, dass jetzt noch der große Einbruch kommen würde. Mag sein, dass der "Mann mit dem Hammer" seinen zweifelhaften Spaß diesmal als Petrus verkleidet am Hamburger Wetter auslebte, mich jedenfalls würde er nicht treffen!

Bei Kilometer 40 wusste ich, ich könnte fast einen 5er-Schnitt laufen, und würde noch immer unter meiner magischen Zielzeit bleiben.

Und dann war ich an der Marke 41km angekommen. Ich überholte einen anderen Läufer und rief ihm zu: "Hau rein!" Er antwortete: "Wir haben's gleich geschafft".

Noch ein guter Kilometer und wie immer, war es auch diesmal der längste. In Hamburg biegt man auf den letzten 1000 Metern noch drei Mal ab und jedes Mal glaubt man, jetzt sehe man gleich den roten Teppich. Es gab nochmal die eine oder andere heftige Böe gegen die Brust und ja, jetzt spürte man sie deutlich, die Beine.

Aber dann war er da, der rote Teppich. Und die Uhr: von weitem sah ich die 02:42 stehen. Die Sekunden nahm ich nicht wahr. Mit den "Devil Horns" an beiden Händen und zwei oder drei lauten "Yes!" lief ich nach 02:43:08 über die Ziellinie.

Es war fantastisch.

Das "neue" Training hat sich ausgezahlt, ich habe darüber geschrieben.

Aber ich habe noch eine weitere, sehr spannende Erfahrung gemacht, die ich einem Tipp von Andreas Butz zu verdanken habe, dessen Expertise (unter anderem auf seinem Youtube-Kanal) ich Euch übrigens sehr empfehlen kann: Ich habe insgesamt vier Mal getrunken. Es war ausschließlich Wasser. Keine Elektrolyte, kein Gel, keine Cola, keinen Tee und keinen Energy Drink. Keinen Snack und nur einen Riegel 30 Minuten vor dem Start (nach einem Frühstück mit Müsli, Banane, Honigbrot und ohne Kaffee drei Stunden vor dem Start).

Der Körper hat es mir gedankt.

Und: ich bin ohne Handy gelaufen. Der Ballast am Arm ist völlig überflüssig, führt zu einem Ungleichgewicht und belastet völlig unnötig.

Wieder was gelernt. Danke Hamburg! Und: Jetzt sind wir quitt.

Das nächste Ziel ist im Blick. Ihr könnt es Euch vermutlich denken...

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