LilaBlog

DIe Welt extrem subjektiv betrachtet

Ein Jahr vegan. Eine kleine, nicht besonders überraschende Bilanz

Kleine Anmerkung zu Beginn: Wer glaubt, der Witz "Woran erkennst Du einen Veganer..." sei durchaus sehr treffend, sollte diesen Beitrag vielleicht besser überspringen. Denn dieser Text ist die Pointe: Ich möchte es Euch erzählen.

Vor fast genau einem Jahr, zwei Wochen vor dem Berlin-Marathon, am Beginn der Tapering-Phase, wo man nichts mehr verändern sollte, veränderte ich alles. Oder wenn nicht alles, so doch relativ viel. Meine Ernährung, meinen Lebensstil.

Nachdem ich vier Jahre vegetarisch gelebt hatte, entschloss ich mich, den nächsten Schritt zu gehen. Lange genug hatte es gedauert. Aber jetzt war es soweit: Ich war vegan.
Schuld war ein letztes Tröpfchen, das mein moralisch durch Milch, Käse und Eier bis zum Rand gefülltes Fass der persönlichen Lebenseinstellung zum Überlaufen und Umkippen brachte.

Das Tröpfchen lieferte der Film "What the Health" und mit ihm kam zum Aspekt des Tierleids auch noch der des gesundheitlichen Wohlbefindens und damit hatte ich kurz vor dem großen Wettbewerb, dem sportlichen Jahreshöhepunkt, bereits ein Ziel erreicht, dass ich lange für unerreichbar gehalten hatte.

Auch wenn sich das für manche, die mich kennen, an dieser Stelle vielleicht etwas zu vorhersehbar anhören mag, aber ich muss es trotzdem feststellen: Ich fühlte mich von der ersten Minute des Entschlusses an befreit. Eine moralische Last war von mir abgefallen, eine gedankliche Hürde einfach weggebrochen. Was ich viel zu lange vor mir hergeschoben, auf die Seite gedrängt oder ausgeklammert hatte, es wurde zu vollendeten Tatsachen: Go vegan! - Done. Und es fühlte sich großartig an.

Beim Veganen Sommerfest 2018 in Berlin hielt ich einen Vortrag darüber, warum das Laufen und die pflanzliche Ernährung wesensverwandt seien und eine Parallele, die ich erkannt habe - vielleicht eine ganz Entscheidende - ist die Tatsache, dass vieles von dem, was zunächst so schwer zu sein schien, im Rückblick geradezu absurd einfach war.

Zum Beispiel, auf Joghurt, Käsefondue und (oh my god!) aufSchokolade zu verzichten. Inzwischen ist es nämlich absolut kein Problem mehr, auf Soja oder Lupinen-Joghurt umzusteigen. Ein Fondue aus Cashewnüssen und Hefeflocken (und weiteren Zutaten, die ohnehin nichts mit tierischen Produkten zu tun haben) schmeckt so herrlich, dass ich darin baden wollte. Und Schokolade gibt es inzwischen in vielen unglaublich guten veganen Variationen. Interessant auch, dass man sehr schnell entdeckt, dass viele Sorten auch ohne Kennzeichnung von Natur aus keine tierischen Stoffe enthalten. Wer hätte das gedacht?

Zwei Dinge haben mich dann doch überrascht, denn dass ich mich im Kopf damit gut fühlen würde, den moralischen und ökologischen Wahnsinn der (Massen)Tierhaltung nicht mehr mitzumachen, war mir klar.
Überraschend war allerdings tatsächlich, wie gut ich mich körperlich fühle. Die Fitness ist das eine (ich habe in diesem Jahr auch läuferisch neue Wege beschritten und beispielsweise meine Ultrakarriere begonnen).

Das andere aber sind die kleineren Freuden des Wohlbefindens. Das ermüdende Völlegefühl nach einer reichhaltigen Mahlzeit: ich kenne es nicht mehr. Ich esse vor allem am Abend sehr viel und meistens sehr kohlehydratreich. Aber weder rebelliert mein Magen, noch kann ich mich über Schwierigkeiten beim Einschlafen oder über unruhige Nachtstunden beklagen. Ich fühle mich satt - angenehm satt, nicht matt.

Eine weitere Überraschung, mit der ich zumindest in diesem Maße nicht gerechnet hatte: Man muss praktisch nichts ersetzen, es ist unglaublich einfach und unkompliziert, sich pflanzlich zu ernähren. Was ich entdeckt habe ist, was alles "von Natur aus" vegan ist. Ich esse jetzt Gemüse, das ich früher nicht gegessen hätte. Und nachdem vor allem in Fertiggerichten und verarbeiteten Lebensmitteln oftmals versteckt oder offensichtlich tierische Stoffe stecken, und ich auf solche Lebensmittel vorher ohnehin schon eher gemieden hatte, muss ich auf so gut wie nichts verzichten, dass ich vorher lieb gewonnen hatte.

Und nein, auch die Vollmilchschokolade oder die Kuh-Milch in den Cornflakes oder Haferflocken: Ich vermisse sie nicht im geringsten und habe das keine Sekunde getan. Im Gegenteil: Nur sehr sehr ungern würde ich auf meine morgendliche Mandelmilch im Müsli und meinen Haferdrink im Kaffee verzichten.
Natürlich: Es gibt auch Betrübliches. Zum Beispiel die Erkenntnis, worin sich überall tierische Stoffe befinden. In manchen Cerealien zum Beispiel. Und noch schlimmer wird es, wenn man das Feld der Lebensmittel einmal verlässt. Herstellungsprozesse und diverse Materialien beinhalten Stoffe tierischen Ursprungs und man fragt sich oft, wirklich unfassbar oft diese eine Frage - und das in vielen Kontexten: "Warum?"

Dieses "warum" ist mir tatsächlich ein sehr treuer Begleiter geworden: "Warum essen die Menschen so viel Fleisch, ohne darüber nachzudenken, woher es kommt? Warum essen sie Kühe und Schweine, aber keine Hunde? Warum haben Schlachthöfe und Farmen so große Angst davor, dass jemand die gut verschlossenen Türen aufsperrt und dokumentiert, was dahinter passiert? Warum trennen wir Babies von ihren Müttern? Warum trinken wir als einzige Spezies die Milch eines anderen Säugetiers? Warum müssen wir Schlangenlederschuhe tragen? Warum hinterfragt niemand, woher der Pelz kommt, der die Kapuze des Wintermantels säumt? Warum müssen Bären auf Drahtseilen und Elefanten auf Miniaturpodesten tanzen? Und warum fliegen junge Royals aus England nach Brandenburg, um fröhlich auf Tiere im Wald zu schießen?"

Nein, keine Sorge: Ich möchte nicht moralisch sein. Und ich höre hier auch auf damit, meinen inneren Monolog auszubreiten. Aber ich möchte dokumentieren, welche Fragen ich mir so stelle, auf die ich keine Antworten finden kann und welche Konsequenzen es für mich hat, wenn diese Fragezeichen nicht weniger, sondern von Tag zu Tag mehr werden.

In diesem einen Jahr des veganen Lebens habe ich mehr gelernt als in vielen Jahren des unverblümten oder nur halbbewussten Wirkens davor. Ich habe viel Neues erfahren: über mich selbst, über meine Mitmenschen, über das "Mensch-Sein" im Allgemeinen und darüber, was das Verhältnis von Mensch und Natur eigentlich ausmacht oder ausmachen sollte und wie weit wir davon eigentlich entfernt sind. Wenn wir ernsthaft noch darüber diskutieren müssen, ob man Kücken in einen Schredder wirft oder Schweinen die Schwänze abschneiden darf, bekommt man nur eine Idee davon, wie weit der Weg noch ist. Ich habe einen persönlichen daraus gemacht. Und am Wegesrand gibt es einiges sehr Spannendes zu entdecken.

Der Schritt hin zum veganen Leben war eigentlich gar nicht so groß, aber es war sicher einer der großartigsten für mich.

Ich habe mich körperlich und geistig noch nie so gut gefühlt, ich war in diesem Jahr übrigens nicht ein einziges Mal krank oder verletzt und habe extrem kurze Regenrationszeiten (vielleicht hatte ich die auch vorher schon - sie sind jedenfalls trotz höheren Alters nicht schlechter geworden).

Vieles von dem, was man im Dialog über das vegane Leben so hört, ist absurd und wirkt umso dümmlicher, wenn man es mit den eigenen Erfahrungen vergleicht. Das jüngste Beispiel ist vielleicht die Vorgabe des Berliner Senats, in jeder Berliner Kita müsse mindestens ein Fleischgericht angeboten werden (basierend auf den ohnehin oftmals fragwürdigen Empfehlungen der DGE).

Erfreulich aber finde ich, dass es durchaus Menschen gibt, die ernsthaft interessiert sind und nicht selten ist es der Sport und die vermeintliche Unvereinbarkeit von Pflanzen und Leistung, die die Tür öffnen zu einem Gespräch, an dessen Ende ich zumindest das Gefühl habe, mein Gegenüber denkt ernsthaft über das Gehörte nach und hat gerade das eine oder andere Vorurteil auf den Komposthaufen der eigenen Lebenswirklichkeit geworfen.

Ich habe es bereits gesagt: Dass ich mich gut fühlen würde mit dem Leben als Veganer, war keine große Überraschung. Dass es aber so einfach sein würde, das hat mich dann doch beeindruckt.

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