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DIe Welt extrem subjektiv betrachtet

Warum das Laufen sich die Einsamkeit bewahren sollte

Laufen ist voll im Trend. Wobei Trend ja eigentlich schon gar nicht mehr passt, wenn man darunter eine "über einen gewissen Zeitraum bereits zu beobachtende, statistisch erfassbare Entwicklungstendenz" (Duden) versteht.

Also ist Laufen längst ein echter Volkssport, was man vielleicht daran festmachen kann, dass es bereits innerhalb des Laufsports schon wieder eigene Trends gibt - etwa das Ultra-Laufen oder das Trailrunning oder das Ultratrailrunning (abgesehen von Triathlons, Swim-Runs, Spartan-Races und OCRs).

In Berlin kann man inzwischen kaum mehr vor die Tür gehen, ohne nicht mindestens auf eine kleinere oder (was wahrscheinlicher ist) eine größere Laufgruppe zu stoßen. Und damit ist nicht eine überschaubare Anzahl von Menschen gemeint, die Abends mal ein kleines gemeinsames Ründchen dreht, sondern sich im selbst-deklarierten "Flow" bewegende Communities mit eigenem Outfit, Coaches, Soundanlagen und Flaggenträgern, die das eigene Logo so platzieren, dass der mitlaufende Fotograf auch gleich die richtigen Motive für die Insta-Reihe in den Kasten bekommt.

Die Stadt ist der Weg und das Ziel ist der eigene Store oder der gebrandete Team-Bus, an dem Kaffee und Iso ausgeschenkt werden. Vielleicht sogar Craft-Beer (?).

Neben der Laufgruppe gibt es die passenden Pendants online, damit auch die virtuelle Community wächst.

Läuft bei uns!

Das sind alles grundsätzlich gute Entwicklungen, weil sie Menschen dazu bewegen, sich zu bewegen und dies auch gerne zu tun und ohne sich quälen zu müssen - wobei man vielleicht auch darüber nachdenken darf, warum in unserer Gesellschaft eine semantische Affinität von 'Qual' und 'Bewegung' so selbstverständlich hingenommen wird.

Was beim ganzen Gemeinschaftsgefühl des Laufens, dem Gruppen- und Communitygedanken, aber im Moment etwas zu stark aus dem Fokus gerät, ist etwas, das ich für das vielleicht alles Entscheidende halte, der Grund, warum ich diesem Sport so uneingeschränkt verfallen zu sein scheine: Für mich ist Laufen auch und vor allem eine Art Meditation und eine der reinsten Formen des Bei-Sich-Seins.

Natürlich: Ich laufe gerne mit anderen und oft finden die besten Gespräche bei gemeinsamen Kilometern statt. Der Support, den ich in meiner Community finde, ist unbezahlbar und würde sich niemand für meine Aktivitäten interessieren, würde ein nicht ganz unwesentlicher Aspekt fehlen, wenn es darum geht, die eigene Motivation zu stärken. Laufen schweißt zusammen. Das möchte ich nicht missen.

Und natürlich laufe ich auch deshalb, weil hartes Training und die Jagd nach neuen Bestleistungen Spaß machen und einem die mentalen und körperlichen Möglichkeiten auf zeigen, die einen auch für alle erdenklichen anderen Lebensbereiche stärken und festigen.

Aber es ist letztendlich diese nur schwer zu beschreibende Einsamkeit, die das Laufen für mich so einzigartig macht.

Wenn man zwei, drei oder vier Stunden in einem Tempo läuft, in dem man nicht darauf fixiert ist, irgendwie durchzuhalten (und in 95 Prozent der Fälle sollte das auch nicht der Fall sein), dann ist man geradezu gezwungen, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Und wenn schon der gesamte Rest des Körpers zu tun hat, wieso sollte das dann nicht auch für den Kopf gelten?

Gedanken schweifen, man denkt über Dinge nach, die sonst keinen Platz auf dem Fließband der Alltags-Reflexion und oberflächlichen Beobachtung haben.

Mal ist man fokusiert auf ein Thema, das man bewusst überdenken möchte, oder eine Entscheidung, die ansteht und die getroffen werden will.

Mal lässt man sich einfach überraschen, was im eigenen Kopf passiert, während man so dahinläuft, und man spinnt etwas weiter, was einem angeboten wird oder verwirft es und bittet um den nächsten Gedanken.

Und mal lässt man sich einfach tragen, von der Umgebung, die man durchläuft, von der Musik, von der man sich begleiten lässt oder vom eigenen Atem, der sich mit den Tap-Geräuschen der Füße zum ganz eigenen Rhythmus vereint.

Ich bin ein großer Fan der Selbstrelexion und nie kann ich dieser Leidenschaft besser frönen als bei einem frühen langen Sonntagmorgenlauf in Einsamkeit und Ruhe.

Vielleicht ist die Einsamkeit des Laufens zu vergleichen mit der magischen Langeweile, die Kinder brauchen, um ihr Potenzial an Kreativität voll auszuschöpfen, und die ihnen heute nur noch sträflich selten gelassen wird, weil sie nicht mehr in unsere Welt des ständigen Höher-Schneller-Weiter passt. "Bedenken second!", wie wir dieser Tage ja immer wieder lesen müssen.

Womit wir wieder bei den Trends wären. Vielleicht entsprechen jene Entwicklungen im Laufsport hin zum Ultra- und zum Trailrunning genau dieser Sehnsucht nach wiedergefundener Einsamkeit. Das sehr persönliche und individuelle Naturerlebnis, der ganz persönliche Umgang mit den eigenen Grenzen und deren Überwindung, die relativ kleinen Teilnehmerzahlen, die langen, sehr langen Strecken ohne Kontakt nach außen, die Unerreichbarkeit während des großen Abenteuers: Vielleicht ist das alles eine Bewegung zurück zu einem sehr persönlichen Lauferlebnis, das einem wieder mehr Lust auf die eigenen Gedanken macht und die vielleicht zu einem Glücksmoment der Ausgeglichenheit führt, die man beim wöchentlichen Gruppenevent nicht erleben kann.

Das Schöne ist, hier geht es nicht um ein "Entweder oder", sondern um ein "Sowohl-Als-Auch".

Aber hattet Ihr schonmal ein Runner's High bei einem Gruppenlauf?

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