LilaBlog

DIe Welt extrem subjektiv betrachtet

EM-Overdose

Ein Nachteil der sog. "neuen Kommunikationsformen" ist die Tatsache, dass man immer weiß, was andere Menschen so denken, was Newsportale und Agenturen so melden, was Zeitungen schreiben und was Fernsehsender so den ganzen Tag über senden. Ist doch kein Nachteil, mag man da sagen. Stimmt. Ist es ja auch nicht. Es ist sogar richtig großartig! Im Normalfall. Im Ausnahmefall ist es das aber eben nicht, und ein solcher Ausnahmefall ist die Fußballeuropameisterschaft 2012, die #euro12.

emoverdose.jpg.scaled1000Klar, man soll hier nicht die nationale und internationale Hochstimmung vermiesen. Und ich bin ja auch ein Fan von Euphorie, Begeisterung und (vor allem) positiver Emotionen, wo wir doch allgemein eher zu der Gattung der Nörgler zählen. Und ich gebe auch ganz klar zu, dass durch die EM mit #DENGER und #PORNED zwei der witzigsten Hashtags der vergangenen Wochen #imInternetgeboren wurden.

Aber so, wie man bei der letzten WM den unsäglichen Einsatz dieser Vuvuzelas, dieser wohl schlimmsten aller "Musikinstrumente" (welch ein Euphemismus!) allerzeiten kritisieren musste, so muss man diesmal auch ein anderes Phänomen zumindest einmal ansprechen: das "Zuvieldesguten".

Ich habe bisher bei keinem gesellschaftlichen Großereignis soviel Akkumulation von inhaltlich immer wieder Gleichem gesehen wie bei dieser EM. Ein Beispiel für ganz besondere Penetranz der wenig originellen Messages, ist etwas, das ich jetzt mal ganz spontan als "pseudopolitischen Länderwitz" bezeichnen möchte. Die diversen Timelines waren bis zum Bersten voll mit Holland-Käse- oder Griechenland-Pleite-Witzen. Meist waren diese Witzchen auch noch mit irgendwelchen Wordart-Tools oder miesen Powerpoint-Gimmicks aufgemotzt, damit sie einem auch wirklich gleich anspringen und man unwillkürlich ein bitterböses Rageface vor Augen hat, das einem zubrüllt: Teile mich oder ich sage jedem, dass Du ein langweiliger Spielverderber ohne Humor bist! Und ich möchte gar nicht wissen, welche Sprüche und self-made Karrikaturen uns erwartet hätten, wären wir im Halbfinale auf England oder im Finale auf Frankreich gestoßen... Alles halb so wild möge man da einwenden, vielleicht hab ich auch einfach zu viele Leute in der Timeline, die sich für das Gleiche interessieren. Und dass ein Mario Gomez, der im ersten Spiel noch öffentlich zum Totalversager abgestempelt wurde, im zweiten Spiel zwei Tore macht, und tags darauf zum "Giganten" (Bild) ausgerufen wird... das ist zwar auch irgendwie unverhältnismäßig, aber längst bekannt und nichts Neues. Aber leider geht es ja gar nicht nur um nervige Bildchen, unwitzige Wortspiele oder überzogenes Indenhimmelheben. Zumindest nicht nur. Denn wenn die thematische Omnipräsenz dazu führt, das jedes Mal von neuem darüber diskutiert wird, ob es nun Patriotismus ist oder Vergangenheitsverleugnung, oder noch etwas viel Schlimmeres, wenn Millionen von Menschen sich auf den Fanmeilen dieses Landes versammeln; wenn bei jedem Spiel unserer Nationalmannschaft Leute auf Twitter darüber berichten, dass sie Hautausschlag bekommen, wenn die Fans in ihrer Kurve "Sieg" rufen; und wenn man aufgrund eines Tweets, in dem man schreibt, dass man "Für Deutschland" sei, mit Menschen verglichen wird, die Naziparolen gegen Ausländer in der Berliner U-Bahn gröhlen, und man seinen Namen neben einem Link wieder findet, der auf einen Artikel verweist, der "Von Lemberg bis Auschwitz" überschrieben ist, dann ist das genau jenes "Zuvieldesguten", das einem gehörig auf die Nerven geht. Letzteres führt dann bei Vielen wiederum zu leicht überpointiertem Jetzt-erst-recht-Patriotismus - der durchaus auch schnell mal nerven kann. Außerdem muss die Frage erlaubt sein: Warum schimpfen wir zwei Jahre lang auf alles und jeden in unserem Land, um dann plötzlich einfach alles und jeden um uns herum vier Wochen lang schwarzrotgold einzufärben, um schließlich, wenn die Megaleinwände wieder verschwunden sind, wieder wild los zu schimpfen? (Blöde Politiker, blödes Fernsehen, blöde Zeitungen, blödes Internet, blöde Tatortkommissare, blöder FC Bayern - und überhaupt!) Und wenn ich jetzt noch auf mein Lieblingsthema, das Tierorakel, komme, auf das ich auch diesmal nicht weiter eingehen möchte, das aber DAS Symptom für nationale Nonsense-Schlagzeilen bleibt, dann wird klar, dass all diese Aspekte alleine und für sich genommen, schon etwas irritieren können. In der Anhäufung dieser Einzelnabsonderlichkeiten muss man dann leider auch zugeben, dass man doch irgendwie wieder froh ist, wenn sie dann vorbei ist, die EM. Eigentlich geht es bei diesem Turnier übrigens um Fußball. Aber das sei nur am Rande erwähnt. Denn Fußball ist ja bekanntlich die schönste NEBENSACHE der Welt. Genau dies scheinen sich zu viele Menschen in diesem Land bei dieser EM zu sehr zu Herzen zu nehmen: Fußball ist hier bloß Nebensache. Schade eigentlich. tl, dr; Manchmal ist weniger mehr - gehts raus, spielts Fußball!

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