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DIe Welt extrem subjektiv betrachtet

Ich folge Britney. Zieht Eure Rückschlüsse! – Zur aktuellen Twitter-„Folgen“-Debatte.

Foto Folgen Jetzt haben wir also eine Art Pornogate. Das hört sich nicht schön an, obwohl es die Überdramatisierung, die damit verbunden ist, doch irgendwie bereits im Namen trägt. Pornogate, das klingt ein bisschen nach: Kann man sich damit beschäftigen... muss man aber nicht. So wie PromiBigBrother-Finale oder Dschungelcampstaffel-Start. Hinter dem Pornogate, das übrigens nicht offiziell so heißt, verbirgt sich die Tatsache, dass ein Bundestagsabgeordneter offensichtlich mehreren Twitteraccounts gefolgt ist, die nackte Männer und pornografische Inhalte zeigen. Das muss man nicht schön finden. Die Empörung wirkt ein bisschen aufgesetzt. Vor allem deshalb, weil solche Bilder nicht verboten sind – auch wenn der Autor des enthüllenden Artikels darauf hinweist, dass sich nicht sagen ließe, ob die dargestellten Männer volljährig seien. So ein Hinweis ist übrigens nicht ganz ohne, weil sie Dinge implizieren, die, ohne dass man sie nachweisen kann, jemanden in eine Ecke drängen können, aus der er nicht mehr ohne Weiteres heraus kommt. Wenn das einfach so in einem Nebensatz passiert, ohne den Sachverhalt wirklich überprüft zu haben, ist das sehr dünnes Eis. Auch und gerade für Journalisten. Jetzt muss man sich die Frage stellen, ob es klug ist für einen Politiker, wenn er solchen Accounts folgt, denn natürlich muss man wissen, dass die Liste „Folge ich“ auf Twitter öffentlich einsehbar ist. Und natürlich muss sich der Nutzer fragen, ob nicht automatisch von der Öffentlichkeit versucht wird, anhand dieser Liste Rückschlüsse auf bestimmte Interessen zu ziehen. Interpretiert wird immer. Irgendwie. Auch das mag man nicht so gut finden, aber: isso. Das muss jedem, der sich auf Twitter registriert, bewusst sein.  Aber eigentlich möchte ich hier gar nicht die Moralfrage stellen und auch die Tatsache, dass es im Internet nackte Menschen in Aktion zu sehen gibt, ist eine wenig spektakuläre Neuigkeit. (Man kann sich dem übrigens meistens ganz gut entziehen, wenn man das nicht sehen möchte). Eigentlich frage ich mich, warum man überhaupt solche Recherchen macht. Warum macht sich jemand die Mühe, mehrere Stunden seines Lebens dafür zu verwenden, eine Story daraus zu machen, wer welchen Accounts folgt. Accounts, die, und das ist ein entscheidender Aspekt bei dem Ganzen, nicht verboten sind. Es handelt sich hier nicht um strafrechtlich Relevantes. Keine Kinder, kein Hitlerbild oder Hakenkreuz (das gibt es übrigens – leider – auf Twitter auch) und auch keine Gewaltverherrlichung. Eine interessante Frage, die sich also offensichtlich stellt: Was sagt mein Twitteraccount über mich? Und bis zu welchem Grad und für wen ist er privat? Es gab schon öfter eine Debatte darüber, was Retweets eigentlich bedeuten, also die kommentarlose Weiterverbreitung eines Tweets. Unterstützt man das, was dieser Tweet aussagt, oder verbreitet man es nur „zur Kenntnis“ weiter? Was mich betrifft, retweete ich, wenn ich einen Beitrag interessant finde, wenn ich möchte, dass meine Follower ihn ebenso wahrnehmen oder wenn ich der Aussage, der Intention eines Tweets zustimme und ihn damit gewissermaßen unterstütze – somit greift dann übrigens auch automatisch Ersteres. Aber was bedeutet es, wenn ich einem Account folge? Um ehrlich zu sein, weiß ich selbst auch nicht, wen ich gerade alles in meiner „Folgen“-Liste habe. Man bekommt täglich Vorschläge nach einem geheimen Algorithmus, den man nicht hinterfragen muss, man findet irgendeinen Tweet gut und folgt dem Verfasser mal eben, man drückt den „Folgen“-Button, ohne erst die gesamte Tweetliste des betreffenden Accounts durchzusehen. Wenn ich möchte, dass jemand einen Account wahrnimmt, dann habe ich dafür den #ff. Wenn ich möchte, dass jemand ein bestimmtes Bild sieht, dann  retweete ich es, mit oder ohne Comment. Das bloße Folgen eines Accounts zeigt vielleicht eine gewisse Affinität, heißt aber noch lange nicht, dass ich damit ein Statement abgebe. Das Folgen auf Twitter ist weder eine Grundsatz, noch eine Gewissensentscheidung. Und es ist völliger Blödsinn, wenn – wie im aktuell diskutierten Fall geschehen – behauptet wird, durch das Folgen würden die betreffenden Inhalte weiterverbreitet. Das mit den Pornos ist vielleicht in der Tat ein bisschen ungeschickt. Aber was, wenn es in Zukunft ganz normal ist, dass man Rückschlüsse daraus zieht, wer wem folgt? Wenn man routinemäßig untersucht, wie unsere Timelines aussehen und wen wir besonders häufig retweeten und kommentieren? Was, wenn ein potenzieller Arbeitgeber mich einmal danach fragt, warum ich auf Twitter eigentlich so vielen Rockbands folge, oder zu vielen vermeintlich unseriösen Unterhaltungsportalen und weniger Bildungs-Angeboten und Nachrichten-Profilen? Machen sich Politiker in Zukunft verdächtig, wenn sie den falschen Journalisten folgen? Oder den falschen Kolleginnen und Kollegen?  Müssen wir in Zukunft, wenn wir etwas werden wollen, darauf achten, den richtigen Prestige-Accounts zu folgen? Soweit wird es hoffentlich nicht kommen. Im Moment ist es mal wieder eine Sommerloch-Geschichte. Ein weiteres Skandälchen in diesem weltmeisterlichen Skandalsommer der tanzenden Gauchos, der singenden Fußballer, der zu freundlichen Feuerwehrmänner und der gratulierenden Hauptstadtkorrespondenten. Damit eines klar ist: Ich folge auch weiterhin Britney Spears, einer meiner Jugendheldinnen. Zieht die entsprechenden Rückschlüsse!

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