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DIe Welt extrem subjektiv betrachtet

Grimms Märchenstunde ist vorbei…

lilablog_Hexe Eines des besonders schönen Dinge des Elternalltags ist das Vorlesen - und ich möchte jetzt gar nicht darüber nachdenken, in wievielen Familien die Begriffe "Vorlesen" und "Alltag" in einem Satz entsetztes Befremden auslösen. Das wäre ein ganz eigenes Thema.  Bei aller Begeisterung für die Möglichkeiten der digitalen Aufbereitung schätze ich es dabei noch immer sehr, ein Buch aus echtem Papier in der Hand zu halten und aktiv zu erzählen. Auch darüber könnte man einen eigenen Beitrag schreiben. Aber es soll hier vielmehr um die Auswahl der Bücher gehen und da habe ich eine Erkenntnis gewonnen, die mich im ersten Moment fast ein bisschen überrascht, vielleicht sogar ein bisschen schockiert hat. Irgendwann stoßen nämlich vermutlich 90 Prozent der Eltern bei eben jener Auswahl der Vorleselektüre auf unsere geschätzten Volksmärchen, die in der Regel in der Sammlung der Grimms in den Bücherregalen der Deutschen stehen. Und die für mich plötzlich so plausible und fast schon zwangsläufige Frage, die sich mir nach kurzer Zeit geradezu aufgedrängt hat war: Warum zur Hölle stehen die da eigentlich? Denn was beim ersten Mal „Selbstlesen“ der Volksmärchen erkennen musste, war, dass das in großen Teilen doch ein ziemlicher Unsinn ist, den wir da wieder- und damit an unsere Kinder weitergeben. Was auffällt ist: Grimms Texte sind nicht nur sprachlich auf einem heute kaum mehr adäquaten Niveau für Kinder, sie bedienen sich auch einer Metaphorik, die mehr als fragwürdig ist. Die Texte vermitteln kaum mehr eine Liebe zur Erzählung oder Freude an der Sprache, sondern lassen eher eine extrem mies verschleierte Intention erkennen, Moralvorstellungen und Werte in die Köpfe unserer Kinder zu befördern, die teilweise hoffnungslos veraltet sind, sich aber in jedem Fall unerträglich drastischer Bilder bedienen, die auf Angst und Ekel basieren. Alte Frauen, die Kinder in Käfige sperren, um sie zu verspeisen, eine böse Frau, die einen Jäger beauftragt, ihre Stieftochter abzustechen und ihr das Herz des Opfers auf den Tisch zu legen, siedendes Pech und ausgekratzte Augen - das alles und noch viel mehr gehört zu jenem Repertoire, das unsere Kinder vor dem Einschlafen (!) präsentiert bekommen sollen.  Ich bin mir sicher, würden solche Szenen in Computerspielen für Kinder vorkommen, oder im KiKa laufen, es würde einen politischen Aufschrei geben und eine Verbotsforderung würde die nächste jagen. Grimms Märchen haben in meinem Kinderbücherregal jedenfalls nichts mehr zu suchen, und es ist auch ein Verdienst eines großen amerikanischen Geschichten- und Unterhaltungskonzerns, der viele dieser heute lieblos anmutenden Erzählungen neu verarbeitet, mit neuer Liebe (auch zum Detail) erzählt und kindgerecht vermittelt hat - dass Cinderella, Schneewittchen und Rapunzel zu fröhlichen Geschichten geworden sind, an die man gern denkt, die unsere Kinder weitererzählen und nachspielen und die nicht mehr allzu viel mit der Horrorstunde zu tun haben, die die Grimms mit ihrer Sammlung einem präsentieren, bevor das Licht in Deutschlands Kinderzimmern gelöscht wird. Es gibt so viele so großartige Kinderbücher. Zum Beispiel die Geschichte einer kleinen Maus, die so mutig ist, dass sie ihre eigene Angst und ein echtes (und eigentlich doch ganz harmloses) Monster überwältigt - und zwar nicht, indem es ihm den Bauch aufschlitzt, sondern durch Witz und sprachliche Schlagfertigkeit („Der Grüffelo“). Oder das Büchlein über einen Bärenvater, der seinem kleinen Sohn die Angst vor der dunklen Nacht nimmt, indem er ihm zeigt, dass die Dunkelheit gar nicht schlimm ist, wenn man sie gemeinsam erlebt und sich seinen Ängsten stellt. („Can’t You Sleep, Little Bear“ – eines der wundervollsten Kinderbücher, die ich kenne.) Und dies sind nur zwei stellvertretende Beispiele für Tausende von Büchern, die jährlich erscheinen, und die man für ihre Kreativität, ihre Poesie und den Spaß am Erzählen nicht hoch genug schätzen kann. Für Literaturwisschenschaftler sind Grimms Märchen sicher interessant und der näheren Betrachtung wert. Für unsere Kinder sind sie aber einfach nur: zu schlecht und völlig ungeeignet.

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