LilaBlog

DIe Welt extrem subjektiv betrachtet

Jeder Mensch sollte ein Lieblingsgedicht haben

Lyrik war eigentlich nie so mein Fall: in der Schule nicht, wo man durch die Auswendiglernerei sowieso mehr auf die Hülle geachtet hat und darauf, auch wirklich jedes Wort zu erinnnern - und weniger auf den eigentlichen Inhalt der Texte oder die Wirkung der Sprache.

In der Uni nicht, weil mir viele Texte zu kryptisch waren. Wobei ich Gedichte des Dadaismus schon fast wieder unterhaltsam fand: Ottos Mops kotzt.

Aber ein Gedicht hat mich von der ersten Zeile an gefesselt, bereits beim ersten Lesen – wobei ich nicht mehr weiß, ob meine erste Begegnung mit dem Text nun eigentlich im Deutsch-Leistungskurs oder doch erst im Studium stattgefunden hat.

Jeder kennt den Text: Es ist Rilkes „Herbsttag“.

Und weil der Text vor allem durch die Atmosphäre wirkt, die er verbreitet, dieses Geheimnis zwischen Hoffnung und Endgültigkeit, zwischen Gebet und Bilanz, will ich ihn hier gar nicht groß interpretieren, sondern einfach wiedergeben.

Für alle die ihn kennen, um ihn mal wieder zu lesen, und für alle, die ihn nicht kennen, damit sie ihn nicht verpassen. Jeder Mensch sollte ein Lieblingsgedicht haben. Dies ist meins.

Herbsttag

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.

Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren, und auf den Fluren lass die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein; gieb ihnen noch zwei südlichere Tage, dränge sie zur Vollendung hin und jage die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben und wird in den Alleen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

-Rainer Maria Rilke 

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