LilaBlog

DIe Welt extrem subjektiv betrachtet

Keinen Bock mehr auf Masse – warum mein 2013 deutlich vegetarischer wird

Ja. Jedes Jahr das Gleiche. Jedes Jahr findet man Fotos von Weihnachtsbäumen in seinen Timelines, jeder wünscht jedem "frohe" oder "gesegnete" oder "fröhliche" Weihnachten - manche auch lieber nur "schöne Festtage" - die Version mit der Political Correctness an der falschen Stelle. Und wenn das Fest dann vorbei ist, dann kommen sie: die vielen, vielen Vorsätze fürs neue Jahr.   Und deshalb will ich hier auch niemanden mit meinem Vorsatz verschonen, der da lautet: Weniger Fleisch, keine Jungtiere und kein Fleisch aus Massentierhaltung. Ich bin dann mal Mini-Vegetarier.  Ich gebe gerne zu: Wenn ich wirklich konsequent wäre, müsste ich eigentlich richtiger Vegetarier, wahrscheinlich sogar Veganer werden. Aber ich gebe auch zu: Das ist mir zu kompliziert. Und auf Milch, Schokolade undÄhnliches kann ich nicht verzichten. So ehrlich bin ich mir und der Welt gegenüber.  Und um es gleich zu sagen: Das Argument, man müsste dann auch auf Lederschuhe, -gürtel und sonstige Produkte verzichten, die etwas mit tierischen Produkten zu tun haben, lasse ich hier nicht gelten.  Ein Mehr geht immer, ein „strikter“ und „konsequenter“ ist immer möglich. Ich möchte aber nicht mein Leben komplett verändern, sondern passe meine Essgewohnheiten den Ergebnissen meiner persönlichen Erkenntnisse und meinen dadurch gewonnen Überzeugungen an. Nicht mehr und nicht weniger.  Der kleine Tierschützer in mir denkt sich dabei: Wenn jeder seinen Fleischkonsum auf ein Minimum reduzieren, und vor allem darauf achten würde, woher das eigentlich kommt, was er da gerade vor sich hat, wäre das auch ein großer Schritt in Richtung Weltverbesserung. Und so kurz nach Weihnachten, wenn es um die großen und die kleinen Vorsätze geht, sind solche Kategorien ja durchaus erlaubt: Make this world a better place... oder so ähnlich.  Wenn Menschen aufhören würden, bei einer für ihre katastrophale Tierhaltung weltbekannten Fastfoodkette 20 Hühnchenschenkel im Mega-Becher zu kaufen und mal darüber nachdächten, warum diese Teile eigentlich völlig überwürzt sind, und dass das vielleicht daran liegen könnte, dass jenes Billigprodukt im Karton mit Lebewesen nichts mehr zu tun hat und eigentlich total eklig schmecken würde, wenn man es nicht erst in Frittierfett ertränken und anschließend mit Paprika und Chilli einkleistern würde, wäre schon einiges gewonnen. Man kommt ins Grübeln, wenn man auf dem täglichen Nachhauseweg von der Arbeit immer wieder mal riesigen Tiertransportern auf dem Weg zum nahegelegenen Schlachthof begegnet. Man kommt ins Grübeln, wenn man sieht, wieviele „arme Schweine“ hier auf engstem Raum zusammengepfercht sind und man kommt ins Grübeln, wenn man den bestialischen Gestank noch Minuten lang wahrnimmt. Kann das wirklich sein, wie es sein sollte? Wohl kaum. Die ganzen Horrorstories, die es zur Massentierhaltung gibt, möchte ich jetzt gar nicht nacherzählen, weil ich meinen Zeigefinger nicht allzu weit hochheben möchte. Aber eins ist klar: Ich habe da definitiv keinen Bock mehr drauf.  Ohne jetzt allzu penetrant wirken zu wollen, erwarte ich von einem verantwortungsbewussten Menschen im Jahre 2013, dass er das, was er isst, wertschätzt und dass er sich dessen bewusst ist, dass das Riesenschnitzel, das neben einem Berg Pommes liegt, auch einmal gelebt haben muss. Und wenn dieses Stück Fleisch am "Riesenschnitzel-Dienstag" zusammen mit einem Getränk nach Wahl nur 4,99 € kostet (Ketchup kostet 20 Cent extra), dann ist auch klar, dass das Leben dieses Tiers kein gutes gewesen sein kann. In der Dezemberausgabe der „Neon“ beschreibt Lars Gaede in einem großartigen Artikel, wie er sich ein lebendes Schwein gekauft und das Tier von Ferkelalter an regelmäßig auf einem Bauernhof besuchte, wo es großgezogen, und schließlich für ihn geschlachtet wurde. Er beschreibt, dass er kein Problem damit gehabt habe, dieses Schwein schließlich bei einem schönen Abendessen mit Freunden zu verspeisen, weil er wisse, dass es ein gutes Leben und einen würdigen Tod gehabt hätte. Auf Fleisch aus dem Supermarkt habe er allerdings keine Lust mehr. Er kommt zu dem Ergebnis, dass sich unser Verhältnis zu Tieren sehr zum Negativen verändert habe, weil es ein reines Massenprodukt geworden sei. Und man möchte hinzufügen: Weil das schön drapierte Fleisch, dass man in der Wursttheke oder in der Familienpackung findet, kein Gesicht mehr hat undvweil gar nicht mehr wahrgenommen wird, dass es sich dabei um ein Lebewesen gehandelt hat. Durch die Masse an Fleisch, die man so unreflektiert zu sich nimmt, durch die ständige und unbegrenzte Verfügbarkeit und eine völlig verschobene Prioritätensetzung, was das Ausgeben von Geld und die persönliche Budgetplanung angeht, haben wir ein gestörtes Verhältnis von Mensch und Tier und letztere sind zu Billigware geworden - zum Massenartikel, der in Großpackungen verhökert wird.  Auf der anderen Seite pflegen wir eine Delikatessenkultur, die keinerlei Interesse dafür zeigt, wie es zu der jeweiligen Feinkost eigentlich kommt. Da wird Leid und Qual akzeptiert, die eigentlich  in längst vergangene Zeiten und in dazugehörige Schauermärchen gehören. Ein Höchstmaß an Perversion, das ich in diesem Zusammenhang einmal hören musste, war der Satz: "Durch den Überlebenskampf und die Todesangst wird das Fleisch besonders zart" - Geht's noch!?  Ich werde die Massentierhaltung nicht abschaffen können. Ich werde Petitionen gegen Stopfgansleber und Ähnliches unterschreiben können, und werde mich weigern können, so etwas zu kaufen geschweige denn zu essen. Aber die Essgewohnheiten meiner Mitmenschen werde ich nicht nachhaltig ändern können - hier bleibt nur die Hoffnung.  Vielleicht geht es uns beim Fleisch ja irgendwann einmal so wie beim Kaffee: Da wurde auch Jahrzehnte lang Filter-Plörre getrunken, die stundenlang in verkalkten und unappetitlichen Kannen vor sich hin geschwappt ist, bevor sie dann den Angriff auf unsere Mägen starten konnte - zusammen mit einem halben Liter Sahne, damit man den eigentlichen Geschmack nicht wahrnehmen musste. Bis sich endlich so etwas wie ein bewusstes Kaffeetrinken entwickelte und heute jeder halbwegs bewusste Konsument eine Nespressomaschine oder einen Vollautomaten zugelegt hat. Ich für meinen Teil kann immerhin dafür sorgen, dass ich kein schlechtes Gewissen mehr haben muss, wenn ich mal zu einem Steak greife: Weil ich dann weiß, dass das Tier in Würde gelebt hat und artgerecht gehalten wurde und dass es nicht verenden musste, bis es in Folie eingeschweißt zum nächsten Discounter gekarrt wurde.  Ich kann alle beruhigen, die in Zukunft mit mir essen gehen möchten. Ich werde kein missionarischer Vollblut-Veganer: Nennen wir es einen bewussten Gelegenheitsfleischesser, der gerne auf den obligatorischen Sonntagsbraten verzichtet, der wissen möchte, wo das Fleisch und das dazugehörige Tier herkommt, und der sicher sein möchte, dass mit dem Gericht auf dem Teller keine Qual und kein Leid verbunden ist. Auf fragwürdige Delikatessen zu verzichten, die gerade in einer aufgeklärten Gesellschaft wirklich nicht mehr sein müssen, halte ich ohnehin für selbstverständlich. Wer also Hummer, Froschschenkel oder Fois gras mit mir essen möchte, kann auf meine Toleranz nicht zählen.    Prosit Neujahr!

2 thoughts on “Keinen Bock mehr auf Masse – warum mein 2013 deutlich vegetarischer wird

  • Horst sagt:

    Mich interessiert vor allem, die praktische Umsetzung dieser Vorsätze. Auch ich habe dieses Problem, dass es mir eigentlich zu wieder ist die Folienwurst und Fleischartikel im supermarkt mitzunehmen. Allerdings stellt es sich als ziemlich kompleziert dar, in der Stadt zugang zu einem Metzger zu erhalten, der mir garantieren kann, dass seine Produkte von glücklichen Tieren stammen. Ein absolutes Dilemma, dass mich paralysiert und zum Schluss nichts ändern lässt. Deshalb wäre ich dankbar hier noch mehr als zwei Monaten noch einmal einen Erfahrungsbericht von der Umsetzung zu lesen.

    • LudwigR sagt:

      Danke für die Anregung. Bericht steht auf der ToDo-Liste. Schonmal so viel vorne weg: Ich bin inzwischen Vegetarier geworden. LR

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