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DIe Welt extrem subjektiv betrachtet

Kinderfreie Zonen – ein Trend, der Angst macht

Unsere Gesellschaft hat sich zum Guten entwickelt. Zumindest, wenn es um Diskriminierung anderer Menschen geht, kann man das relativ selbstbewusst sagen. Niemand darf aufgrund seines Geschlechts, seiner Religion oder gar wegen seiner Hautfarbe ausgegrenzt oder benachteiligt werden. Wir sprechen über Frauenquoten und darüber, dass Menschen mit Migrationshintergrund in den Staatsdienst gelangen sollen. Und der mächtigste Politiker der Welt ist ein Mann dunkler Hautfarbe - was in der alltäglichen Diskussion eigentlich keine Rolle mehr spielt - ein gutes Zeichen. Wir diskutieren zwar wochenlang über einen "Veggie Day" und fühlen uns von den rund 7% deutscher Vegetarier in unseren Freiheitsrechten bedroht, aber im Großen und Ganzen sind wir eine tolerantere Nation als das vor, sagen wir: 20 Jahren noch der Fall war. Selbst Homosexualität wird von den meisten nicht mehr als ausgeflippter Spleen oder eine bedrohende Krankheit gesehen. Aber halt: Bevor wir uns jetzt alle darüber freuen, wie harmonisch es doch bei uns so ist, müssen wir leider feststellen, dass es da doch ein Thema gibt, das einen etwas beunruhigen oder zumindest nachdenklich stimmen sollte. Denn irgendwie scheinen wir ein Problem mit unseren Kindern zu haben. Deutlich wurde das ganz besonders bei den harten Debatten um das berüchtigte Betreuungsgeld, dessen uneingeschränkter Befürworter ich bin. Und das Schockierende an diesen Debatten war nicht, dass es Menschen gibt, die gegen diese familienpolitische Leistung sind, sondern die Tatsache, dass zahlreiche Gegner, unter ihnen auch viele vermeintliche Fachpolitiker, bewusst (das hoffe ich zumindest, denn sonst wäre es aus blankem Unwissen geschehen) falsche Fakten in die Diskussion einfließen haben lassen. Und noch viel schockierender als die offensichtlich für dieses Lager der Betreuungsgeldgegner selbstverständliche Tatsache, dass Betreuung zu Hause automatisch Betreuung durch die Mutter bedeutet, die selbstverständlich den ganzen Tag am Herd steht - denn was macht eine Mutter schließlich sonst, als zu kochen, Wäsche zu waschen und das bisschen Betreuungsgeld für Flachbilschirme und Alkohol auszugeben? - das eigentlich Schlimme also war die Sicht auf die Kinder selbst und ihre Stellung in unserer Gesellschaft. Es ist das Verständnis von Kindern als Karriere-Hürde, als Risikofaktor für den wirtschaftlichen Fortschritt und der starr arbeitsmarktpolitische Blikwinkel auf sie, der einen wütend machen kann. Es ist die Respektlosigkeit den Eltern gegenüber, denen die geradezu lebensnotwendige Zeit für Fürsorge und Bindung entweder mit arrogantem Seitenblick vorgeworfen oder mit pseudoaltruistischer Bevormundung gar weggenommen wird, die einen aufschreien lassen möchte. Und genau in diesem Zusammenhang kommt nun eine weitere Entwicklung, die einem geradezu die Angstschweißperlen auf die Stirn bringen muss: Immer öfter begegnet einem der Begriff "Kindefreie Zone", die nun zum Beispiel die zu Singapore Airlines gehörige Fluglinie Scoot Airlines eingerichtet hat, welche nun mit einem besonders entspannten Flugerlebnis wirbt. In einem Forum auf Brigitte.de, auf das ist über die Facbook-Seite "Schreiendes Balg" gelangt bin, die sich mit Kinderfreundlich- bzw. -feinlichkeit in unserer Gesellschaft beschäftigt, wird genau dieses Thema diskutiert und ein User schreibt: "Warum soll es z.b. für ältere oder ruhebdürftige, weil gestresste Menschen, keine Möglichkeit geben, ohne tobende und lärmende Kinder am Pool oder im Speisesaal zu urlauben?" Dieser Satz fasst so ziemlich alle Probleme zusammen, die dem fragwürdigen Trend der kinderfreien Zone den Nährboden bieten. Denn neben der traurigen Tatsache, dass manche Menschen die Anwesenheit von Kindern ganz selbstverständlich mit Lärm verbinden, muss ich mich schon fragen, ob jemand, der so gestresst ist, dass er unsere Jüngsten nicht mehr um sich herum ertragen kann, sich nicht ganz grundsätzliche Gedanken über sein Leben machen müsste. In diesem Fall wäre nicht der abgetrennte Beriech die nötige Hilfe für den Leidenden, sondern eine Visitenkarte eines guten Psychologen. Es wirkt befremdlich, wenn auf der einen Seite lustige Babybilder in den Social Media zu Rekordclickzahlen führen, ein ganzer Kontinent tagelang über nichts anderes spricht, als über ein Neugeborenes im englischen Königshaus und in großen Samstagabendshows die Jungs und Mädels immer jedes Publikumsvoting gewinnen, die Kinder aber auf der anderen Seite bitte möglichst weggesperrt werden sollen, wenn sie mal nicht so schön singen wie bei "Voice Kids" auf Sat.1, sondern quängeln, weinen und schreien. Und das vielleicht auch noch in einem Kaffee, wo ich bitte in Ruhe mein Gläschen Latte Macchiatto genießen und mein Sudoku machen, eben mal entspannen möchte, mal Zeit für mich haben - weil zu Hause nervt mich ja auch nur die verfressene Katze. Vielleicht ist die kinderfreie Zone die bisher extremste Fehlentwicklung der Individualisierung unserer Gesellschaft, in der Personalisierung und Selbstentfaltung ganz oben auf der Statussymbolliste stehen. Und so richtig die Entwicklung hin zu persönlicher Freiheit ist, so darf sie doch nicht dazu führen, dass der Wegfall von gesellschaftlichen Zwängen dazu führt, dass er nur Platz für neue schafft. Denn wo soll das Ganze denn enden, würde man den Gedanken der kinderfreien Zone konsequent weiter führen: Was, wenn sich jemand daran stört, dass im Flieger zu viele alte Menschen sitzen und man sich unwohl fühlt, weil man an seine eigene drohende Gebrechlichkeit erinnert wird? Denn wer möchte bitte auf dem Weg in den Urlaub daran denken müssen, dass man in einigen Jahren vielleicht nicht mehr zum Surfen an den Strand reisen kann? Gehen wir doch noch einen Schritt weiter in dieser Logik: Warum sollte man die Menschen nicht einfach nach Hautfarbe sortieren und für jede Gruppe einen eigenen Bereich reservieren? Damit man, wenn man das möchte, unter sich, quasi in seinem Kulturkreis bleibt - für ein ganz besonders entspanntes Flugerlebnis, für eine ungestörte Reise, für ein wohltuendes Kinoerlebnis? Oh... moment... das gabs doch schonmal irgendwann... da wollten wir doch eigentlich nicht mehr hin. Das hatten wir doch eigentlich alles überwunden. Hoffte ich bisher zumindest...

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