LilaBlog

DIe Welt extrem subjektiv betrachtet

Lauf-Apps widerlegen die Theorie vom Niedergang der Zivilisation

Internetsucht fördert die Gesundheit. Stimmt natürlich nicht… zumindest nicht uneingeschränkt. Vor allem nicht, wenn man den Begriff richtig definiert und nicht mit „ich bin süchtig, weil ich immer online bin“ umschreibt. Wir haben viele Gewohnheiten, die manche selbsterklärten Medienexperten konsequenterweise auch als suchtähnlich bezeichnen müssten. Zum Beispiel, morgens eine Tasse Kaffee oder Tee zu uns zu nehmen. Oder abends noch ein gutes Buch oder eine Zeitschrift oder einfach irgendwas zu lesen. Oder den Fernseher einzuschalten: Machen fast alle - für mehrere Stunden täglich! Durch das Internet gibt es neue „suchtähnliche“ Lebensgewohnheiten, die durchaus auch ihre positiven Aspekte haben können. Lauf-Apps zum Beispiel, die neben der reinen Aufzeichnung für einen selbst inzwischen auch immer mehr einen sozialen Aspekt bekommen. Man kann sich dadurch nicht mehr nur Abends auf die Couch setzen und gründlich analysieren, wie der eigene Lauf am frühen Morgen so war – in dem Wissen, heute schon richtig was für sich und seine Gesundheit getan zu haben: „Du bist 1,12 km mehr und 0‘02‘‘/km schneller als der Durchschnitt deiner letzten 7 Läufe gelaufen“ (Quelle: Nike+). Nein, man kann sich auch mehr und mehr mit seinen Freunden, Bekannten, Kollegen und sonstigen Sportsfreunden messen lassen. Man kann den Wochensieg über die gesammelten Laufkilometer anpeilen und dabei immer gleichzeitig die Monatsstatistik im Auge behalten. Das an sich einsame Joggen wird damit zum Mannschaftssport. Das Netz trägt hier also nicht zur Vereinsamung bei, wie von so manchen älteren Herren in harten aber fairen Talkshows gerne immer und immer und immer und immer wieder behauptet wird, sondern macht aus einer rein individuellen Betätigung, über die man früher kaum gesprochen hat, ein social-mediales Gruppenerlebnis, das sich dadurch übrigens immer mehr zum interpersonellen Plausch im real Life eignet: „Hab schon gesehen: Du bist heute Morgen wieder gelaufen… Ich muss heute Abend auch noch! Sonst ziehst Du davon!“ Böse Zungen würden wahrscheinlich sagen, dass diese permanente Dokumentation, verbunden mit dem Urtrieb des Kräftemessens zur Sucht werden kann. Außerdem sei das ja typisch Mann: Auf die Brust klopfen und jeden daran teilhaben lassen. Dass es nur ja jeder sieht, liest, hört…. Ich möchte übrigens bezweifeln, dass Joggen ein typischer Männersport ist. Und gleiches, vermute ich jetzt mal, trifft auf die Nutzung der laufbegleitenden Smartphone-Anwendungen diverser Anbieter zu. Zahlen habe ich dazu aber natürlich nicht… Anyone? Menschen, die einen differenzierteren Blick als die berüchtigten Gesellschaftspessimisten haben, werden das auch wesentlich entspannter sehen - Menschen, die beim Anblick eines Smartphones, das man aus der Jackentasche zieht nicht gleich Panikattacken bekommen, weil die Welt immer schlimmer wird, die Menschen immer mehr vereinsamen und die einst so ausgeprägte Intelligenz im Land der Dichter und Denker und auch sonst überall in der Welt – vor allem in Amerika! - sich immer weiter in Richtung Altpaläolithikum zurückbildet. Die eher positiv gestimmten Menschen werden vermutlich sagen: Durch Lauf-Apps und das proaktive Offenlegen der sportlichen Tätigkeit werden dem Menschen und vor allem dem digitalen Menschen ganz einfach ureigene Bedürfnisse nach Anerkennung, (Selbst-) Bestätigung und Aufmerksamkeit durch andere befriedigt. Bedürfnisse, die - werden sie maßlos - zu Zwängen, permanentem Stress und Ängsten führen. Bedürfnisse, die im richtigen Maß aber durchaus hervorragende Motivationselixiere sind. Wenn jemand jeden Morgen seinen eben absolvierten Lauf postet, alle 2 Stunden auf seine Freundesrangliste in der entsprechenden App nachsieht, ob er noch immer unter den ersten Drei steht und wieviele Kilometer noch zur Spitze fehlen, dann mag man ihm einen gewissen Hang zu einer allzu exzessiven, vielleicht sogar suchtartigen Nutzung unterstellen können. Aber es überrascht immer wieder: Die Maxime „alles mit Maß und Ziel“ funktioniert auch mit Dingen, die den wahrscheinlich größten Feind der „Guten Alten Zeit“ betreffen: Das Internet. Lauf-Apps sind dabei ein weiterer Beweis, dass die „Gute Alte Zeit“ eben auch zu Recht alt und vergangen ist und sich getrost zur Ruhe setzen darf. Sie sind ein Beispiel dafür, dass „digital“ nicht nur Fertigpizza, Cola, und dicke Brillengläser mit dicken Rändern auf pickeliger Nase bedeutet. Dass das alles nicht nur mit Saufbildern, sinnlosem aber grafisch beeindruckend aufgemotztem Geballere und orkanartigen Shitstorms zu tun hat. Das Internet kann auch gesund sein. Und die Grundvoraussetzung dafür ist – tadaaaaaa - Weltneuheit – Sensation – EIL: DASS MAN ES RICHTIG NUTZT! Einen runtastischen Tag wünsche ich Euch!

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