LilaBlog

DIe Welt extrem subjektiv betrachtet

Laufen motiviert – und polarisiert!

img_1451.jpgLaufen ist der große Trend der letzten Jahre. Das ist überall zu lesen. Und die Ursachen werden sehr unterschiedlich definiert. Viele sagen, das habe mit einem allgemein veränderten Gesundheitsbewusstsein zu tun. Andere sagen, die Digitalisierung und die damit verbundenen Motivations- und Selbstdarstellungsmöglichkeiten seien der Grund. Eine weitere These, die ich erst vor kurzem in dem Buch „Born to Run“ von Christopher McDougall gelesen habe, ist die, dass in unsicheren Zeiten, wenn die Menschen eher das latente Gefühl der Gefahr verspüren, der Fluchttrieb unterschwellig stärker wird und damit der Drang zur Bewegung wahrnehmbar zunimmt. Sicher eine gewagte, aber keine uninteressante These.

Ich bin mir sicher, dass die erwähnte technologische Entwicklung eine entscheidende Rolle spielt: Man kann seine Aktivitäten heute perfekt dokumentieren, analysieren und andere davon ungefragt in Kenntnis setzen. Wer mir auf Twitter folgt, der weiß: Mein morgendlicher Gruß ist meistens mit der NIKE-Runningapp generiert und lässt alle Follower wissen, wieviele Kilometer ich zurück gelegt habe. Will vielleicht nicht jeder lesen, aber hey: Es ist Twitter – da geht es nicht (immer) um Relevanz!

Was mir in letzter Zeit auffällt, ist, dass sich so langsam ein gesellschaftliches Sättigungsgefühl einstellt. So, wie es vermutlich jedem Trend ergeht, provoziert auch der Lauftrend einen Skeptizismus denen gegenüber, die diesem noch immer folgen. Anfängliche Bewunderung kippt in vorsichtiges Befremden. Die Augenbrauen ziehen sich leicht nach oben.

Das ist grundsätzlich ein begrüßenswertes Phänomen, weil damit immer auch Entwicklungen hinterfragt werden, die in der allgemeinen Euphorie und ihrer medialen Begleitung oftmals völlig unkritisch zum Nonplusultra hochstilisiert, zum absoluten Must hochgejazzt werden (ich liebe diesen Ausdruck immer noch). Bist Du nicht dabei, bist Du raus. Hast Du kein iPhone, hast Du kein iPhone.

Beim Laufen finde ich es dennoch bemerkenswert: Denn hier kann man feststellen, dass bisher als positiv geltende Eigenschaften plötzlich negativ bewertet werden. Das Streben nach persönlichem Erfolg, das „Sich-Quälen“, das „Dranbleiben“, die Definition von hohen (vielleicht auch vermessenen) Zielen und das Streben danach und schließlich eine Leidenschaft und Konsequenz im Handeln, die vermutlich mit dem leider längst abgegriffenen Anglizismus „commitment“ gar nicht schlecht getroffen sind: Sie alle können sehr schnell eine Bedeutungsverschiebung hin zum Manischen und Fehlgeleiteten erfahren.

Neben der Kategorie von Vegetarier- und Jungmütterwitzen etabliert sich gerade der Joggerwitz als neues Genre von Mems im Netz.

Vielleicht (und vermutlich) ist dies aber auch gar keine beklagenswerte Situation, auch für uns Läufer nicht. Denn natürlich gehört zur eigenen Leistungsanalyse immer auch die Betrachtung des Verhaltens sich selbst, seiner (auch seelischen) Gesundheit und seinen Mitmenschen gegenüber. Man muss sich nicht unbedingt nach dem Spiegel richten, den andere einem vorhalten, aber hineinsehen sollte man hin und wieder schon.

Der Briefmarkensammler, der Jahreskarteninhaber mit Auswärtsoption, die Opernabonnentin, der Groupie einer Band – sie alle leben in einer eigenen Welt neben dem vermeintlich normalen Alltagsgeschehen. Und sie tun es, weil es ihnen gut tut. Warum sollten Läufer da anders sein?

Und schließlich sind wir dann ja auch ein bisschen selbst schuld mit unseren ewigen Instagram-Filterbildern, Facebook-Laufselfies, Nikeplus-Tweets und Urkundenpostings.

„Na und?“, möchte man da fragen. Vielleicht leben wir dafür eben länger – wenn auch mit Knieschmerzen und Rücken.

Letztens sagte ein Freund zu mir: „Du motivierst mich jedes Mal, wenn ich Deine Postings lese“. Man möge mir das glauben, oder auch nicht: Das motiviert mich zurück – mehr als jeder Trainingsplan. Und solange ich solche Sätze höre, werdet Ihr auch weiterhin meinen morgendlichen Gruß auf Twitter lesen. Und meine Postings. Und meine Instas. Und meine Snaps. Isn´t it runtastic!?

Wer übrigens ein wirklich gutes Buch über die vielen Eigenarten der Läufer lesen möchte und feinsinnige Selbstironie klassischem Facebook-Humor vorzieht, dem empfehle ich: „42,195“ von Matthias Politycki.

Just run!

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