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DIe Welt extrem subjektiv betrachtet

Sklave des eigenen Chronisten? Müssen wir uns mehr von unseren Laufuhren distanzieren?

Es gibt so etwas wie Strava-Poesie: “5×1000 @MRT / EL + AL”, “Meditationslauf auf der Bahn”, “Pyramide 1, 2, 3, 4, 5, 4, 3, 2, 1” – “Treppe 5, 4, 3, 2, 1 mit 400m TP” – typische Titel, wie man sie auf der Onlineplattform findet und die ein Teil der Bandbreite der Trainingsgestaltung der vielen Athleten erahnen lässt, die man dort finden kann. Von harten Tempoeinheiten, Fahrtspielen und Steigerungsläufen, die mit den entsprechenden Formeln gekennzeichnet werden bis hin zu poetischen Titeln wie “Sonnenscheinlauf” oder “Entspannt über Wiesen und Felder” findet sich auch bei mir eine Mischung aus harten und lockeren Läufen, aus ausgeklügelten Intervallen und Spaßläufen (“Spontanmarathon auf der Bahn”). Immer dabei: Meine Uhr. Selbst wenn eine Einheit den Zusatz “Ohne Uhrfokus”  im Titel trägt – es ist eben niemals “Ohne Uhr”.

Immer wieder kommt die Diskussion auf, ob wir uns alle nicht zu sehr zu Sklaven unserer technischen Ausstattung machen – eine sehr interessante Diskussion dazu gibt es zum Beispiel in einer aktuellen Folge des Wechselzone-Podcasts.

Ich gebe zu, und so viel Ehrlichkeit muss an dieser Stelle sein, ich laufe nie ohne GPS-Uhr und ich tracke jeden, wirklich jeden meiner Läufe. Zeitweise habe ich sogar getrackt, wenn ich meinen Weg von 4,5 Kilometern ins Büro nicht per Fahrrad, sondern zu Fuß im flotten Spaziergang zurückgelegt habe: “Walk ins Büro” oder “Walk work2home” hießen die Einheiten dann. Damit habe ich aber schließlich wieder aufgehört – vor allem wegen der nervenden Unterbrechungen durch rote Ampeln, an denen ich jedes mal die Aufzeichnung stoppen musste.

Jede auch noch so kleine Gelegenheit auszunutzen, seine Aktivität zu dokumentieren, mag auch tatsächlich der Grenze zum Manischen recht nahe kommen. Sämtliche Bewegung zu analysieren und der Öffentlichkeit zu präsentieren, das 10-minütige Stretching, die 15 Minuten Faszienrolle: Hier habe ich mir die Stravaisierung wieder etwas abgewöhnt.

Beim Laufen aber ist es anders. Jeder Lauf wird getrackt.

Um also gleich meine Conclusio vorwegzunehmen: Ich glaube nicht, dass die Verbindung zum Fitnesscomputer am Armgelenk uns zu Sklaven macht, denn Sklaverei heißt ja immer, dass man von jemandem gezwungen wird, etwas bestimmtes zu tun und dass dies zum eindeutigen Nachteil des Versklavten geschieht.

Die Uhr aber trage ich freiwillig und sie ist unmittelbar mit etwas verbunden, das ich nicht als Zwang, sondern als pure Liebe empfinde: Das Laufen.

Natürlich kann man jetzt einwenden, das Tracking sei dann eben auch eine Form der Sucht, wie das tägliche Herumgerenne. Und hier fällt mir eine Gegenthese in der Tat bedeutend schwerer, denn ja: Vielleicht bin ich süchtig danach zu laufen – eine These, die auch an anderer Stelle schon besprochen wurde und immer wieder ein interessantes Thema darstellt. Vielleicht macht mir das aber nichts aus und vielleicht ist eine solche nahezu bedingungslose Hingabe und Konzentration auf diese eine Sache auch notwendig, wenn man bestimmte oder auch ganz allgemeine persönliche Ziele erreichen möchte.

Vor Kurzem habe ich irgendwo gehört, der Unterschied zwischen einem Traum und einem Ziel sei, dass man sich bei letzterem bereits auf den Weg dorthin gemacht habe. Auf einem solchen Weg braucht man meistens gewisse Dinge, die einen begleiten. Und dazu gehören dann auch technische Hilfsmittel, die einem zeigen, wo man sich auf diesem Weg gerade befindet.

Ich sehe die Laufuhr daher nicht als etwas, das man auch weglassen kann, sondern als etwas, das zum Laufen gehört wie die richtigen Schuhe. Natürlich könnte ich auch in alten Sneakers laufen – zumindest hin und wieder und vielleicht eher kurze Strecken. Aber: Warum sollte ich das tun?

Und natürlich – auch das gehört zur kritischen Selbstreflexion dazu – laufe ich nicht aus reinem Vergnügen, nur, um mich zu bewegen, sondern, weil laufen eben viel mehr bietet, als reinen Spaß. Es sagt etwas über den Körper, zeigt, in welchem Zustand sich der Geist befindet. Wenn ich nach einer Einheit einen Blick auf meine Daten werfe und dabei nicht nur die Zahlen im Blick habe, sondern auch in mich hinein höre, dann bekomme ich einen sehr guten Eindruck davon, ob alles in Ordnung ist. Fühle ich mich schwach, bin aber nur vergleichsweise langsam gelaufen, weiß ich, das etwas nicht in Ordnung ist. Fühle ich mich locker und sehe, dass ich auch noch relativ schnell, vielleicht überraschend schnell unterwegs war, dann weiß ich: Das gute Gefühl, das ich habe, scheint sich auch in der körperlichen Konstitution widerzuspiegeln.

Dass alles auch ohne Uhr gehen müsste, ist dabei unbenommen und gerade in einem Rennen kann man sich auch nicht darauf verlassen, dass Pace- und Distanzangaben der Wirklichkeit entsprechen. Aber auch hier ist sie im Training auf einen bestimmten Wettbewerb hin eine wichtige Hilfe, um eine bestimmte Pace einzutrainieren, sich daran zu gewöhnen und sie dann abrufen zu können.

Es geht beim Tracking und der Veröffentlichung der Einheiten auch nicht darum, sich mit anderen zu messen. Denn erstens gibt es immer Menschen, die schneller, weiter und höher laufen als man selbst, und das ist damit auch für alle einsehbar. Und zweitens weiß jeder, der auch nur ansatzweise etwas von der Trainingslehre versteht, dass ein Workout nie ein Wettkampf gegen andere, sondern immer eine gewisse Weiterentwicklung des eigenen Selbst ist. Man befindet sich nicht in einem ständigen Rennen, sondern in einem Spiel aus wohldosierten und durchaus intensiven Reizen und erholendem Genuss.


Die Tatsache, dass ich meinen Strava-Feed regelmäßig durchsehe ist tatsächlich der Tatsache geschuldet, dass mich interessiert, was andere Menschen machen, mit denen ich meistens auch eine persönliche Verbindung habe. Austausch und Inspiration stehen deutlich vor einem Kräftemessen der Datenbanken.

Und schließlich: Die Daten sind ein Teil eines Lauftagebuchs, das man hin und wieder gerne heranzieht, um darin zu lesen, Entwicklungen festzustellen, Erinnerungen wach zu rufen, und sich an bestimmte Orte zurück zu denken, an denen man gelaufen ist.

Es mag durchaus sein, dass es einem gewissen Gefühl der Freiheit entspricht, ganz ohne technische Begleitung zu laufen. Ich empfinde diesen Freiheitsdrang aber nicht. Vielleicht ist das eine Form der Abhängigkeit, womit der Suchtgedanke wieder ins Spiel kommt. Aber ich bleibe dabei: Ohne diesen kleinen Chronisten an meinem Armgelenk würde mir tatsächlich etwas fehlen beim Laufen.

Das soll nicht bedeuten, dass ein Lauf ohne Uhr weniger Wert sei. Auch Sprüche wie “Strava or it never happened” sind zwar witzig, sollen aber niemandem davon abhalten, sich auf den Weg zu machen. Denn jeder Schritt zählt, auch ganz ohne Uhr. Es braucht keine technischen Tools, um zum Läufer zu werden. Aber es spricht auch nichts gegen diesen kleinen dezenten und für jemanden wie mich doch sehr wichtigen und hilfreichen Begleiter.

Wer mir auf Strava folgen möchte, kann das hier tun.

Für alle meine Beiträge gilt der Gender Disclaimer.

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