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DIe Welt extrem subjektiv betrachtet

Mehr Obama ins Müsli – Ein bisschen Amerikanisierung kann uns nicht schaden

Vor einigen Tagen fand in Charlotte der Parteitag der US-Demokraten statt und die drei Momente, die weltweit wohl am meisten Aufmerksamkeit erregt haben, waren die Reden von Michelle Obama, Bill Clinton und Barack Obama selbst. Und natürlich - was gibt es Absehbareres als dies - haben zahlreiche "Politik-Experten" (Stichwort "Quelle: Internet") an verschiedenen unpassenden Stellen mal wieder betont, wie leicht durchschaubar und überinszeniert das im US-Wahlkampf alles sei - egal ob man sich nun die Romney oder die Obama-Kampagnen ansieht.

Obama.jpg.scaled1000Es ist richtig: Es werden für deutsche Verhältnisse unvorstellbare Summen in Spots, in Kampagnen und in Parteitagsregie investiert. Es ist richtig: Die Conventions sind perfekt inszeniert - jede Einblendung passt zum am Rednerpult Gesagten. Wenn Obama vom Ende des Krieges im Irak spricht, sieht man im Publikum zwei Veteranen, wenn der Präsident über das Gesundheitssystem redet, sieht man ein ihn anhimmelndes älteres Ehepaar, wenn er etwas zur Bildungspolitik sagt, lächelt ihm ein junges Mädchen zu, dass trotz ihres durchschnittlich vermögenden Elternhauses nicht schlechter gestellt werden dürfe, als Kinder aus reichen Familien. Natürlich wirkt das alles für uns überinszeniert.

Aber: In einer Zeit, in der man schließlich alles maßgeschneidert bekommt, und sich aus Maximalangeboten sein perfektes Produkt zusammensetzt, wie das in Internet zu komponierende Frühstücksmüsli, sollte man sich vielleicht überlegen, ob man das deutsche Diskursmenü nicht doch ein bisschen mit amerikanischen Köstlichkeiten anreichern sollte, und vielleicht auf ein Übermaß schwer verdaulicher Kost, an der sich eine Vielzahl der Menschen längst satt gegessen hat, verzichten sollte. Vor allem über die Zubereitung sollte man sich aber zweifellos ernsthafte Gedanken machen. Denn man hat durchaus gemerkt, dass neben der Amerikanisierungs-Schelte auch ein gehöriges Maß an Bewunderung und vielleicht sogar Sehnsucht dabei war, wenn man die First Lady so über ihren Mann und dessen Motivationen sprechen gesehen und gehört hat. Den persönlichen Charakter, den eigenen Antrieb und die optimistische Leidenschaft mit den komplexen politischen Großthemen und dem steinigen Weg nationaler und internationaler Herausforderungen zu verbinden, ist die Brücke, über die man gehen muss, wenn man die Menschen emotional erreichen möchte. Natürlich konnte man die Strategie hinter dem Triumvirat Obama/Clinton/Obama leicht durchschauen: Michelle war zuständig für den rein persönlichen, emotionalen Teil, Clinton sollte Witz, Emotionen und politische Inhalte im Stil eines Elder Statesman verbinden und Obama schließlich betonte besonders die Fakten, verbunden mit seiner immer noch großen Vision von Hoffnung und gemeinschaftlicher Arbeit. Aber funktioniert hat das Ganze trotzdem. Und man hat sich unterhalten gefühlt, ohne das Gefühl zu haben, Worte ohne Inhalt gehört zu haben und seine Zeit verschwendet zu haben. Am Ende der jeweils knapp 40 Minuten war man nicht erschlagen von Zahlenmaterial, zitierten Studien oder platten Angriffen auf den politischen Gegner (denn glücklicherweise hat das Obama-Team in den Reden weitestgehend auf den Negative Campaigning-Ansatz der TV-Spots verzichtet). Wie perfekt das alles geschehen kann, merkt man an solch vermeintlichen Nebensächlichkeiten, wie der Tatsache, dass Barack Obama während seiner Rede nicht nur in das Weite der Halle, sondern immer wieder direkt in die Kamera blickt - also wirklich jeden anspricht, der seine Worte über welches Medium auch immer verfolgt. Ich kann mich nicht erinnern, das jemals bei einem deutschen Politiker oder einer Politikerin gesehen zu haben. Wortwahl und vor allem auch die Tonalität, semantisch wie artikulatorisch, sind bei Obama und Co. darauf ausgelegt, nicht hauptsächlich Journalisten oder "Politik-Experten" anzusprechen oder die eigenen Delegierten zufrieden zu stellen - sondern die Menschen, die "Dear Fellow Americans", das "We". Und der Ansatz dabei ist immer auch ein bisschen visionär oder soll zumindest den Eindruck einer grundpositiv-visionären Weltbetrachtung erwecken - nicht umsonst erwähnt der "POTUS" den Meister des Formats einer visionär geprägten Vortragsstils, Steve Jobs, persönlich. Am Ende einer solchen Rede bleibt ein Gefühl, eine Grundstimmung, die bei uns offensichtlich zu oft noch unterschätzt wird. An Tagen wie solchen, an denen ein Politiker vor Tausenden von Menschen auf einer Bühne steht, wo Millionen von Menschen eine Rede außerhalb der Halle mitverfolgen und mit kommentieren - da kommt es genau darauf an: Welches Gefühl haben die Menschen während und nach diesem Auftritt und wie ist das Gefühl, wenn im Nachgang einer solchen Großveranstaltung darüber gesprochen und diskutiert wird und Eindrücke und Meinungen millionenfach weiterverbreitet werden? Kurz gefasst: Beeindruckt mich eine Zahl, eine Statistik oder ein Datum für sich, oder beeindruckt mich die Art und Weise, wie mir diese Zahl, diese Statistik und dieses Datum vermittelt wird? Merke ich mir die blanke Info und erzähle davon oder ist es nicht entscheidend, was ich in Zusammenhang mit dieser Information empfinde? Das sind Fragen, die wir uns vielleicht ein bisschen intensiver stellen sollten. Hier könnte das Geheimnis verborgen liegen: In einer Zeit der modernen Kommunikation sind Emotionen die magischen Zutaten, um die Menschen für ein politisches Thema zu sensibilisieren. In einem Überangebot an Information, an Unterhaltung, an Ablenkung und an Austausch ist es nur über die emotionale Ansprache möglich, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Um nochmal den Müsli-Vergleich zu bemühen: In der alltäglichen Flocken-Nüsse-und Milchpampe wünscht man sich frische Früchte, Geschmacksnoten, die lange im Mund bleiben und an die man sich auch den Rest des Tages gerne erinnert. Die am Morgen schon die Aufmerksamkeit auf sich ziehen und am Abend eine angenehme Vorfreude auf den nächsten Tag erzeugen. "I approve this message".

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