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DIe Welt extrem subjektiv betrachtet

Magische Augenblicke eines Großstadtmorgenläufers – Der Hopper-Moment

Im Wohnzimmer meiner Eltern hing jahrelang ein Bild. Direkt gegenüber der großen Couch, der gegenüber wiederum der Fernseher stand. Ich hatte dieses Bild oft im Blick, weil ich ein relativ unsportliches Kind war und zu viel Zeit auf jener Couch verbracht habe.

Es ist das Bild einer Bar zu später (oder sehr früher Stunde) mitten in einer Stadt. In der Bar sind drei Männer und eine Frau zu sehen. Die Stadt selbst scheint menschenleer.

Es ist das wohl bekannteste Werk Edward Hoppers: "Nighthawks", und ich hatte weder eine Ahnung davon, wer dieser Hopper war, noch, dass das Bild bekannt war. Aber es faszinierte mich. Die Stimmung des Bildes, das Licht, der Stil, die Kombination aus Wärme und Kälte.

Dass ich an eben dieses Bild zwei Jahrzehnte später während eines Laufs durch Berlin wieder denken würde, konnte ich damals nicht wissen.

Und doch hat es sich so stark eingeprägt, dass es sofort da war, als ich eines Sonntagmorgens - sehr früh am Morgen - die Kastanienallee in Richtung Rosenthaler Platz hinunter lief:

Es ist Winter und es ist kurz vor 6 am Morgen - die letzten Stunden einer nicht allzu kalten Nacht, gelb-orange erhellt durch die eher dezente Berliner Straßenbeleuchtung in Prenzlauer Berg.

Weit und breit sind weder Autos noch Menschen auf den Straßen zu sehen. Die Geschäfte sind dunkel, selbst Taxen sind nicht oder nur äußerst selten irgendwo in der Entfernung zu sehen. Ich laufe in der magischen Leere zwischen Nacht und Tag - zwischen noch nicht ganz zu ende erzählten und noch kaum entstandenen Geschichten.

Aber irgendwann sehe ich ein helles Licht an der rechten Straßenseite. Der Schein macht aus dem Dunkelblau des Asphalts ein Hellgrau, das nicht grell, sondern wohlig warm wirkt. Plötzlich öffnet sich eine Tür und ein Pärchen wankt heraus. Ob sie einfach nur lachen oder freudig singen oder sich etwas Albern-Scherzhaftes zurufen, kann ich nicht hören, weil ich Kopfhörer trage - was mich in diesem Moment fast ein wenig ärgert.

Ich laufe auf das Pärchen zu und versuche zu berechnen, auf welche Seite sie nun wohl schwanken oder gar fallen würden, um ihnen rechtzeitig ausweichen zu können. Sie bleiben stehen und heben jeweils eine Hand.

Beim Vorbeilaufen drehe ich den Kopf und werfe einen Blick ins Innere, dorthin, wo das Licht herkommt. Ein Gruppe von Menschen sehe ich dort, versammelt um einen Tresen und einen großen Holztisch, der vollgestellt ist mit Gläsern, Flaschen und Tellern voller... Essen?

Da war ich schon vorbei und auf dem Weg weiter in die sonntagmorgendliche Stadt. Ich musste an dss Bild im Wohnzimmer meiner Eltern denken.

Es war ein Augenblick, wenige Sekunden nur, ein paar schnelle Schritte, ein paar Atemzüge, und doch oder gerade deshalb musste ich an genau diese wenigen Sekunden denken, als ich vor Kurzem von jemandem gefragt wurde, was so die schönsten Momente seien, die ich bisher beim Laufen erlebt hätte.

Natürlich gehören dazu die vielen tollen Wettbewerbe, die großartigen Strecken mit all ihren architektonischen oder natürlichen Besonderheiten, die einsamen und meditativen Runden beim Morgengrauen im Park oder auf der Bahn.

Aber es sind eben auch diese Edward Hopper-Momente, die man nur und nur dann hat erlebt, wenn man an einem sehr frühen Sonntagmorgen durch eine Stadt wie Berlin läuft, zu einer Zeit, in der sonst niemand oder nur sehr wenige Menschen laufen, zu einer Zeit, in der viele Menschen im Bett liegen oder auf einer Couch sitzen, eingeschlafen vor dem Fernseher, während drei Männer und eine Frau in rotem Kleid aus einem Bilderrahmen unbemerkt auf den Schlafenden herab blicken.

Notes:

Infos zu Hoppers "Nighthawks"

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