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DIe Welt extrem subjektiv betrachtet

Ein Buch, anders als alle anderen: „Ein ganzes halbes Jahr“ von Jojo Moyes

FotoEGHJGeht man nach dem Klappentext, dann handelt es sich bei „Ein ganzes halbes Jahr“ um „eine Liebesgeschichte, anders als alle anderen“. Das klingt zunächst logisch: Denn die Leser sollen ja neugierig werden. Würde da stehen: „Eine normale Liebesgeschichte“, oder „eine Liebesgeschichte, wie Sie sie ohnehin schon kennen“, würde das Buch keiner kaufen. Ein Buch, das gefeiert wird wie „Ein ganzes halbes Jahr“, von dem wirklich jeder sagt, man müsse es lesen - musste ich natürlich lesen. Allein schon aus Neugierde, denn ich glaube bis heute, dass Bücher auch deshalb gefeiert werden, weil sie gut sind und nicht, weil sie besonders eklig sind oder von einem prominenten Menschen geschrieben wurden. Dieser Glaube ist vielleicht naiv. Aber auch irgendwie schön, weshalb ich ihn mir beibehalte. Und klar wird man dabei dann auch manchmal furchtbar enttäuscht. Bei „Ein ganzes halbes Jahr“ muss man sagen, dass man mit dem guten Glauben richtig liegt: Denn dass ein Buch gefeiert wird, das so gut ist, dass man es quasi noch während man den Schlusssatz liest, in den berühmten Koffer legen möchte, den man immer bereit hat, sollte man tatsächlich einmal auf diese einsame Insel verbannt werden, von der immer alle reden, spricht dafür, dass die Menschen da draußen noch immer Sinn für großartige Literatur haben. Das Buch von Jojo Moyes handelt in der Tat von einer Liebesgeschichte, von Lou und Will, die unterschiedlicher nicht sein können. Lou ist eine junge Frau aus einfachen Verhältnissen, die ihren Job im Café verliert und notgedrungen, weil sie den Rest der Familie finanziell versorgen muss, eine Stelle annimmt – eine Stelle im Haus von Wills Familie. Das ist nicht irgendeine Stelle - und hier beginnt die Besonderheit der Geschichte: Lous Aufgabe ist die Betreuung von Will, der Tetraplegiker, also querschnittsgelähmt, ist. Will, aus wohlhabendem Hause, der einstige Abenteurer, der vermutlich jemand war, der heute als glücklicher Mensch gilt, jemand, der nichts auslassen wollte im Leben, der es sich auch leisten konnte, nichts auszulassen und der auch noch eine attraktive Freundin an seiner Seite wusste, erlitt nämlich einen schweren Unfall, der zur Folge hatte, dass sich sein Leben und das seiner Familie von einer Sekunde auf die andere grundlegend veränderte. Die beiden treffen also aufeinander und das Spannende ist nicht etwa, zu beobachten, wie die beiden sich aneinander gewöhnen- sich schließlich tatsächlich ineinander verlieben. Das Spannende ist, dass in dieser Geschichte keine Feigenblätter verteilt oder eine künstliche Romantik-Brille aufgesetzt wird. Es ist nämlich nicht so, dass Will plötzlich aufblüht und die beiden heiraten und eine ungewöhnliche aber glückliche Ehe beginnen. Nein: Will möchte sein Leben beenden, er wählt den Tod, arrangiert einen Termin bei der Schweizer Freitodbegleitung „Dignitas“. Er möchte sterben, weil er sein Leid und die Schmerzen nicht mehr ertragen kann, weil er weiß, dass er nicht mehr der sein kann, der er war und der er sein möchte, und weil er sein Schicksal nicht akzeptieren kann. Wenigstens die Entscheidung über Leben und Tod, und damit die absolute aller Entscheidungen möchte er selbst treffen.  Und Lou hat nur eben jenes halbe Jahr Zeit, diesen ihr zunächst fremden, außergewöhnlichen Menschen vom Leben zu überzeugen. Natürlich werde ich nicht verraten, ob ihr das gelingt. Aber verraten werden muss, dass diese Geschichte eben deshalb so gelungen ist, weil sie ungeschminkt und dennoch wunderschön ist. Moyes bewertet nicht, sondern stellt fest. Sie zeigt die vielen Facetten des Lebens, die immer gleichzeitig wirken, sich gegenseitig relativieren oder verstärken. Glücksmomente wechseln sich nicht mit Unglück ab, Freude und Trauer folgen nicht aufeinander, Mut und Verzweiflung befinden sich nicht im regelmäßigen Wechsel – sie finden gleichzeitig statt. Die Frage, ob jemand, der in einer für ihn hoffnungslosen Situation ist, selbst darüber entscheiden darf, wann er sein Leben beenden möchte, wird hier vielleicht gestellt und auch die Frage, ob eine Mutter den Freitod ihres Sohnes zulassen darf: Beantwortet wird sie nicht, weil auch das zur Erkenntnis der Lektüre gehört: Manche Fragen kann man vielleicht gar nicht beantworten. „Ein ganzes halbes Jahr“ orientiert zunächst sich an äußerlichen Gegensätzen und arbeitet sich dann immer weiter vor bis es den Gegensatz, die Ambivalenz, die berühmten zwei Seiten der Medaille als Grundstruktur des Lebens erkennt und zum eigentlich großen Thema dieser Geschichte macht. Die ganze Tiefsinnigkeit der Geschichte, jene vielen Facetten, die Dilemmata der einzelnen Figuren, die Komplexität des Lebens an sich, der Wechsel zwischen Glück und Unglück, zwischen Todessehnsucht und Lebensmut, entwickeln sich mehr und mehr, je mehr man der Geschichte folgt. „Ein ganzes halbes Jahr“ ist ein tief bewegendes Buch, das ganz ohne tränentreibende Inszenierung oder emotionale Spezialeffekte auskommt. Es erzählt die Geschichte des Lebens, wie sie jeder und jedem von uns passieren könnte. Es ist eine Geschichte, die die Komplexität und die Wirren menschlicher Empfindungen mit einer beeindruckenden Situations-Poesie erzählt und dabei auf moralische Bewertung verzichtet. Das ist das Spektakuläre, das diese Liebesgeschichte zu einer macht, „anders als alle anderen“.   Jojo Moyes: "Ein ganzes halbes Jahr", rororo, 512 Seiten.

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