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DIe Welt extrem subjektiv betrachtet

Ein ganz persönliches Leseerlebnis: Alice Munro

MunroEs ist nicht einfach zu beschreiben, was eigentlich so fesselnd und besonders ist an Alice Munros Erzählungen. Das wurde mir bewusst, als ich meine Leseerfahrung bei der Erzählung „Entscheidung“ twittern wollte. 140 Zeichen, um zu vermitteln, wie großartig man ein Werk findet. Das klingt meistens wie „tolle Story“, „spannend bis zur letzten Seite“, „ein Buch, das nachdenklich stimmt“ oder „Leseempfehlung: tiefsinnig und trotzdem rasant erzählt“. Bei Munros Texten ist eine solche kurze Beschreibung kaum möglich. Man muss ausholen, um in etwa zu beschreiben, warum sie einen nicht mehr loslassen. Das zu tun, hat vermutlich jeder versucht, der von sich glaubt, dem Literaturbetrieb auch nur im Entferntesten anzugehören. Aber weil ich mir sicher bin, dass es bei dieser Autorin ganz besonders auf das persönliche Leseerlebnis ankommt, mache ich mir an dieser Stelle auch einmal Gedanken darüber. Alice Munro erzählt Geschichten, die völlig unspektakulär sind, wenn man sie "von außen" betrachtet, die an Spektakel, Aufregung und ernster Bedeutung für Ihre Protagonisten aber kaum zu überbieten sind. Es geht um zum Beispiel um Entscheidungen, die für die Welt nicht bedeutend, für einen Einzelnen aber lebensverändernd sind und damit fundamental. Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben, mit den eigenen Empfindungen und mit den Verbindungen zu den unmittelbaren Mitmenschen, die scheinbare Trivialität von Gegebenheiten, die sich als höchst komplex entpuppen, stehen im Mittelpunkt von Munros Büchern. Beim Lesen der Texte hat man regelrecht Angst, ein entscheidendes Detail zu übersehen, das sich als wesentliches Element einer Lebensgeschichte herausstellen könnte. Und so stehen die Geschichten in völligem Antagonismus zur Aufgeregtheit und der Sehnsucht nach dem Sensationellen, das heute zum gesellschaftlichen Alltag gehört. Sie fordern dazu auf, auf das Leise und Unscheinbare zu achten,  auf das für die Allgemeinheit Nebensächliche, das für das eigene Leben meist wesentlich weitreichendere Konsequenzen hat als eine EILT-Meldung im Netz oder eine mediale Megadiskussion. Munros Texte sind gewissermaßen Lebensanalysen, die nicht nur vom Leben erzählen, von bestimmten Ereignissen und Vorfällen, sondern in der Art und Weise, WIE sie dies tun, die Tonalität und das Wesen des Lebens an sich widerspiegeln. Wie bei einem Glas teuren Weins, den man langsam und mit Genuss austrinkt, bei dem man mit jedem Schluck eine neue Note zu entdecken glaubt, für den man sich viel Zeit nehmen muss und der die gesamte Aufmerksamkeit verlangt, um sich ganz zu entfalten – so fühlt man sich, wenn man Bücher von Alice Munro liest. Dass der Literaturnobelpreis mehr als verdient ist, sei hier nur am Rande bemerkt.

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