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DIe Welt extrem subjektiv betrachtet

Nicht die Zeit wird knapper – unsere Ansprüche werden höher

Uhr.jpg.scaled1000Es gibt Dinge, die werden nicht einmal durch das Internet anders. Es gibt Fakten, die sind – zumindest nach heutigem Stand der Wissenschaft – nicht veränderbar. Zum Beispiel, dass ein Tag 24 Stunden hat. Das war schon immer so – und voraussichtlich wird das auch erstmal so bleiben. Die Zeit wird also nicht weniger. Trotzdem wird das Thema derzeit heiß diskutiert. Der Cicero widmet ihm einen großen Teil seiner aktuellen Ausgabe, Experten warnen davor, dass wir immer weniger Zeit haben, uns um Dinge zu kümmern, die nichts mit unserem Beruf zu tun haben, dass wir nicht mehr in der Lage seien, „abzuschalten“ und wir uns ständig auf Abruf befänden – dadurch immer gehetzter werden. Wie ein Beutetier in ständiger Bereitschaft, Reißaus zu nehmen vor der leopardenschnellen Bestie, die oft nur geheimnisvoll „Das Netz“ genannt wird. Das erinnert ein bisschen an die alten 08/15-Horrofilme, die seinerzeit, als man noch im Anzug ins Filmtheater ging, Titel wie „Angriff der Killerspinnen“ hatten. Spinnen also: Das Netz hat seinen Namen nicht von ungefähr und vielleicht hatten die großen (Schock-)Filmemacher der 60er und 70er ja damals die richtigen hellseherischen Fähigkeiten, die nur leider niemand wahrgenommen hat. Das Internet – als Weiterführung eines gigantischen weltumspannenden Killerspinnenkonglomerats… Aber ist das denn mit der Zeit wirklich so? Steht uns davon denn wirklich immer weniger zur Verfügung? Wenn es so wäre, warum investieren dann immer mehr Menschen einen ganz beträchtlichen Teil Ihrer Woche in diverse Freizeitsport-Aktivitäten? Warum schießen Kletterwände, Biking-Apps, Fitness-Portale, die dazugehörigen Studios und Laufwettbewerbe für Profis wie für Bürohengste wie die oft bemühten Pilze aus dem Boden? Warum hören die Menschen nicht weniger Musik als früher, sondern mehr, und warum lesen sie nicht weniger als früher, sondern lediglich anders – nämlich elektronisch? Warum nehmen sie sich die Zeit, mit den Schwiegereltern am anderen Ende des Kontinents zu skypen anstatt eben mal kurz anzurufen und warum werden täglich millionenfach Filme heruntergeladen, Fußball-Bundesliga-TV-Abos abgeschlossen, zum Tatort getwittert, die Olympischen Spiele bis hin zum Vielseitigkeitsreiten aufmerksam verfolgt und warum wachsen Social Media-Portale für Fotos, Videos oder lustige Sammelstücke zu riesenhafter Größe? Sicher nicht, weil wir weniger Zeit haben als früher haben. Vielmehr haben sich unsere Ansprüche verändert, sind ebenso schnell und stark gewachsen wie das böse Netz an sich. Wenn wir uns das Internet nicht als riesiges Spinnenmonster vorstellen, das uns mit seinen Fäden lähmt und bei lebendigem Leib verspeist, sondern als netten Verkäufer – sorry: Sales Manager, der uns in einem Supermarkt schier uneingeschränkter Vielfalt sein Angebot darbietet, dann wird klar, dass nicht der Supermarkt das Entscheidende in der Debatte ist, sondern unser Anspruch an dessen Produkte. Wir planen heute für den Kauf eines Zugtickets nicht mehr einen gewissen Zeitraum des Tages ein, an dem wir dann, als ob wir einen fixen Termin einhalten müssten, zum Bahnhof fahren, uns an den Schalter stellen und uns in einem freundlichen Gespräch die günstigste Verbindung heraussuchen lassen. Wir erwarten, und das dürfen wir auch guten Gewissens, dass dies per App und Touch geht. Im virtuellen Vorbeigehen, und nicht mehr im realen. Wir haben den Anspruch, immer mehr in Echtzeit zu kommunizieren, automatisch benachrichtigt zu werden, wenn jemand mit uns in Kontakt treten möchte, anstatt selbst immer wieder den Server oder den Anrufbeantworter befragen zu müssen, ob neue Nachrichten angekommen sind. Wo uns dies vor einigen Jahren noch lächerliche Promistimmenimmitatoren mitgeteilt haben, erwarten wir heute, angepusht zu werden, möglichst kurz aber deutlich. Und wir haben den Anspruch, Dinge, die uns bewegen, die uns interessieren und von denen wir glauben, dass sie andere auch interessieren könnten, ohne großen Aufwand einer großen Zahl von Mitmenschen zur Verfügung stellen zu können - und mit ihnen darüber zu „sprechen“. Wir möchten Justin Bieber möglichst persönlich und in 140 Zeichen mitteilen, dass wir seinen neuen Song gut oder albern finden und wir möchten Informationen zu politischen Debatten im Bundestag schell und umfänglich finden und am besten auch gleich eine Meinung dazu äußern, die selbstverständlich auch wahr- und ernstgenommen wird. Wir möchten mit Abgeordneten, Parteifreunden und politischen Konkurrenten direkt diskutieren, auch außerhalb der Büroöffnungszeiten und wir möchten wissen, ob ein Produkt, das wir bei Amazon zu kaufen wünschen, bei anderen Kunden auch wirklich gut ankommt, oder ob es da nicht irgendwo schlechte Erfahrungen gibt, die man besser wissen sollte. Das alles wollten wir früher nicht, weil wir uns gar nicht vorstellen konnten, dass das alles einmal so einfach funktionieren könnte. Es funktioniert aber. Und jetzt wollen wir das auch so. Und somit ist es auch nicht verwunderlich, dass die Kommunikation schneller und direkter wird, dass Reaktionszeiten kürzer werden und dass wir das Gefühl des Gehetztseins hin und wieder deutlicher verspüren als damals. Weil wir heute den Anspruch der Gleichzeitigkeit haben. Weil Dinge parallel erledigt werden. Und auch wenn inzwischen immer mehr angezweifelt wird, dass Multitasking tatsächlich existiert, kann man doch feststellen, dass sich viele Dinge in kürzerer Zeit, weil auf einfachere Weise erledigen lassen. Es gilt zwar immernoch: "Alles zu seiner Zeit", aber eben nicht mehr: "Alles der Reihe nach". Und weil sich am Ende eines Tages aufgrund dieser Gleichzeitigkeit der Dinge oftmals das Gefühl einstellt, gar nicht mehr zu wissen, was man die letzten Stunden eigentlich so alles getrieben hat, erscheint einem alles gehetzter, schneller und unruhiger. Menschen gehen immer noch ins Theater, Filme dauern immer noch 2 Stunden und länger, Romane erscheinen immernoch in mehrbändiger Ausgabe und die Fußballstadien sind immernoch Wochenende für Wochenende ausverkauft. Viele Menschen leben gesünder, weil sie sich intensiver mit ihrer Ernährung auseinandersetzen, Sport ist wieder in Mode, weil man sich die Zeit nimmt, sich öfter zu bewegen und sich mit seinem allgemeinen Wohlbefinden bewusster zu beschäftigen und Politikverdrossenheit wird eher weniger als mehr, weil viele sich die Zeit nehmen, sich ihrer Meinung bewusst zu werden und sie im besten Falle auch zu formulieren und mit anderen zu diskutieren. Das alles deutet darauf hin, dass wir eher mehr Zeit haben als früher. Wie wir sie nutzen ist unser Problem: Eine Frage der persönlichen (Medien-) Kompetenz. Achja: Und älter als früher werden wir auch noch! Carpe Diem!

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