LilaBlog

DIe Welt extrem subjektiv betrachtet

Nur klatschen, nicht anfassen! Warum Kinder laufen sollten – wenn sie es wollen!

imageVor kurzem machte ein Bericht die Runde, in dem zu lesen war, dass kleine, weinende Kinder beim Juniormarathon in Linz von ihren Müttern und Vätern über die Ziellinie gezerrt worden seien. Das Ganze wurde auch mit einem (äußerst verstörenden) Foto dokumentiert. Es ist ja offensichtlich, und dazu braucht es eigentlich auch keine weinenden Kinder: Damit sind die Erwachsenen mal wieder grandios am Ziel vorbei oder über selbiges weit hinaus geschossen. Aber immerhin (und das scheint für viele die Hauptsache) können die stolzen Mütter und Väter jetzt in der Kita, beim Kinderyoga oder in der Nachmittags-Kampfsportgruppe erzählen: Mein Jeremy hat am Wochenende so tapfer beim Juniorlauf mitgemacht. Er hat da ein unglaubliches Talent! Man kennt das Phänomen inzwischen bestens: Eltern, die ihre Jüngsten als Projektionsfläche für sich selbst und als Statussymbol anderen gegenüber sehen und - so hart es klingt: für ihr Ego missbrauchen.
Ein Kind ist heute oft kein Kind mehr, wenn es mit Stock und Stein seine eigene Welt erdenkt (Autismus!) oder einfach mal zu Hause sitzen und ein Buch lesen oder vielleicht auch nur ansehen möchte (soziale Inkompetenz!). Ein gesundes Maß an Langeweile als Quelle der Kreativität und Phantasie ist heute weitestgehend aus unserer Gesellschaft verschwunden. Ein schwerwiegender Verlust, der traurig machen kann.
Es gab eine Zeit (meine Kindheit), in der ich stundenlang mit einem alten Tennisschläger und einem graugelben Filzball (immerhin: Slazenger!) gegen die Hauswand gebolzt, und mich dabei wie auf dem Center Court in Wimbledon gefühlt habe: Stich - Lendl, Stich - Lendl, Stich - Lendl... vermutlich würde ich heute beim Kinderpsychologen landen. Denn ein Kind ist heute nur dann ein zeitgemäßes Kind, aus dem mal was wird, wenn es - wie dessen Eltern - von morgens bis abends durchgetaktet ist. Man muss es ja schließlich früh und vielseitig fördern! ("Später werden sie uns dafür noch dankbar sein!").
Natürlich freue ich mich darüber, wenn meine Töchter bei einem Kinderlauf mitmachen möchten - und ja: Ich frage sie sogar, ob sie das wollen, weil ich es schön finde, wenn man gemeinsame Leidenschaften mit seinen Kindern hat. Warum auch nicht? Wenn sie aber eher keine Lust haben: Auch gut. Vielleicht wollen sie ja den Papa anfeuern ("Jaaa!").
Im letzten Jahr fand an der Schule unserer Ältesten ein Spendenlauf statt. Jedes Kind durfte einfach so lange laufen, wie es wollte. Die Runden wurden gezählt - so viel Wettbewerbsgedanke darf ja wohl sein. Im Vorfeld haben Eltern und deren Freunde (Sponsoren) sich bereit erklärt, einen bestimmten Betrag pro Runde für die Schulkasse abzugeben. Am Ende kam eine tolle Summe raus und die Kinder waren stolz, weil sie Spaß mit etwas Gutem für die Allgemeinheit verbinden konnten. Und auch ein Juniorlauf wie der in Linz kann Spaß machen: Bei der inzwischen schon langjährigen KKH-Laufserie in verschiedenen Städten Deutschlands gibt es den Bambinilauf. Wer wissen möchte, wie man die Kleinsten motiviert, sollte sich dabei einmal ansehen, wie der langjährige Weltklasseläufer Dieter Baumann mit ihnen umgeht, der die Serie persönlich begleitet. Er lädt zur gemeinsamen Aufwärmrunde ein, läuft den eigentlichen "Wettbewerb" mit, feuert an, ermutigt, bremst die Übereifrigen ab und weiß auch mit den coachenden Eltern umzugehen. Ich habe bisher 4 dieser Läufe mitgemacht: in München und Berlin. Ich habe dort noch nie ein weinendes Kind gesehen. Kinder zur Bewegung zu animieren, ist gut. Weil es gesund ist, weil es Spaß macht - am besten mit anderen zusammen. Kinder zum Laufen zu zwingen, sie auf die Bahn zu stoßen oder über die Ziellinie zu reißen ist schlecht. Weil es ungesund ist, weil es keinen Spaß macht - und weil es zeigt, dass die Eltern alles haben, aber sicher keinen Sportsgeist. Meinen ersten Mini-Marathon (5km) habe ich freiwillig gemacht, weil ich es mit jemanden zusammen getan habe und weil ich ein eher dickes Kind war. Das wollte ich nicht mehr sein. Ich war total stolz und glücklich und meine Eltern haben mich angefeuert - von der Zuschauertribüne aus. Wir haben eine Medallie bekommen und einen kostenlosen Eintritt ins Schwimmbad. Die Leidenschaft war geweckt. Gezwungen, gezerrt oder gedrängt wurde ich nie.

, ,

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.