LilaBlog

DIe Welt extrem subjektiv betrachtet

Raab hat seine Chance verdient

Stefan Raab kündigt an, dass er eine Politik-Talkshow machen möchte, und schon ist die Nation wieder gespalten. In diejenigen, die dahinter einmal mehr den Untergang der ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Ernsthaften befürchten und diejenigen, die endlich einmal DAS ganz große Neue erhoffen. Wenn ich mich entscheiden müsste, würde ich mich zu den Letzteren zählen. Und ich würde sogar soweit gehen, zu behaupten, dass es nur logisch und stimmig ist, dass gerade Stefan Raab dieses Format nun neu erfinden möchte. Wir beklagen uns darüber, dass sich die Jugend nicht mehr für die politischen Debatten interessieren. Gleichzeitig diskutieren wir darüber, Jugendliche bereits ab 16 wählen zu lassen. Wie erreicht man sie aber eigentlich? Und wir reden darüber, dass unsere Unterhaltungskultur immer mehr dem Trash anheimfällt. Ob das wirklich so ist, sei mal dahingestellt. Wenn man böse wäre, könnte man sich nämlich fragen, ob eine jahrzehnte lang etablierte Sendung wie der Musikantenstadl nicht auch irgendwie Trash ist. Und wer die Texte von Andrea Berg oder Andi Borg kennt, der weiß, dass sie in etwa den gleichen poetischen und künstlerischen Wert haben wie die Dialoge der Teilnehmer von "We love Lloret". Fakt ist, dass TV-Total täglich gute Quoten erzielt, dass Formate wie "Schlag den Raab" Traumzuschauerzahlen erzielen, die "Wetten dass...?" und Fußballliveübertragungen ernsthaft Konkurrenz machen und die vor allem das Publikum unterhalten, ohne dass man sich dafür zu schämen bräuchte. Spätestens seit der Wiederbelebung des Eurovision Song Contests hat Raab bewiesen, dass er verkrustete Konzepte komplett umkrempeln und sie für eine Zielgruppe öffnen kann, die die Denke und das Unterhaltungsverständnis eines Frank Elstners längst nicht mehr erreichen. Den Ritterschlag erhielt Raab schließlich mit den rumpelstilzchenhaften Tiraden eines Ralph Siegels, der durch den "Raabinator" ins musikhistorische Schlagernirvana befördert wurde und sich dessen offensichtlich auch bewusst geworden ist. Aber zurück zur Politik. Wieso also sollte es Raab nicht gelingen, ein neues Format politischer Diskussionrunden zu etablieren? Sein Grundkonzept jedenfalls hört sich spannend an. Politiker, Experten und ganz normale Vertreter aus der Bevölkerung in einen argumentatorischen Wettstreit in ein Studio zu setzen und sowohl die Inhalte als auch die Art und Weise, wie diese Inhalte übermittelt werden, beurteilen zu lassen, ist vermutlich besser, als überforderte und oftmals tendenziöse Moderatoren ein gefühltes 5-Sätze langes Phrasentennismatch moderieren zu lassen, dass dann ohnehin unentschieden ausgeht. Ein Schlagabtausch, dessen einziger Effekt ein Twitterbashing ist, in dem jeden Sonntagabend vielfach festgestellt wird, wie schlecht politische Talkshows denn eigentlich geworden seien. Natürlich kann das Experiment auch grandios scheitern. Es könnte in Klamauk enden, weil immer nur der gewinnt, der am meisten provoziert, oder den verrücktesten Auftritt hat (zum Beispiel mit leeren Stühlen spricht) oder der die schönsten Dinge verspricht, die niemand einhalten kann. Oder aber auch, weil sich keiner traut, ins raabsche Studio zu kommen, weil er Angst davor hat, und "Meinung muss sich wieder lohnen" eine Sendung für die eher unbekannteren Volksvertreter wird. Man mag es gut finden oder nicht: Raab kommt bei den Menschen an. Und wenn er vermitteln kann, dass es eben nicht nur wichtig ist, beim Turmspringen eine gute Figur zu machen, sondern auch am politischen Leben in diesem Land teilzunehmen, seine Meinung zu äußern und sich mit anderen darüber auszutauschen, dann wird hoffentlich auch der letzte Kulturpessimist überzeugt sein, dass Programm und Zuschauer sich entwickeln und Unterhaltung nicht immer inhaltsleer sein muss. Eine Chance hat Stefan Raab jedenfalls verdient. Und wenn es doch schief gehen sollte...? Naja, dann kucken wir eben weiter Jauch.  Oder auch nicht...Oder auch nicht...

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