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DIe Welt extrem subjektiv betrachtet

Reflexionsfail – Wenn Kommunikation eskaliert

Einer der größten Vorteile der modernen Kommunikation ist ihre Schnelligkeit. Einer der größten Nachteile der modernen Kommunikation ist ihre Schnelligkeit. Klingt ein bisschen nach gespaltener Persönlichkeit, nach Steve Jobs und Manfred Spitzer in einer Person. Und weil in unserer digitalen Zeit so viel funktioniert, von dem man früher nie geglaubt hätte, dass es funktioniert, ergibt auch dieser Widerspruch einen Sinn. Gerade in letzter Zeit fällt auf, dass durch die Unmittelbarkeit, durch die Schnelligkeit, auf der Jagd nach Retweets aufgrund von Exklusivität immer wieder Fehler passieren: Fails, die einem dann doch kurz aufschrecken lassen. Deutlich wurde das zum Beispiel bei den Anschlägen auf der Zielgeraden des Boston Marathons, wo man den Zwiespalt dieser neuen Unmittelbarkeit in Form seines Smartphones mit Händen greifen konnte. Die Unmittelbarkeit erzeugte Bilder, die man hoffentlich nicht sehen wollte, denen aber kaum zu entkommen war, da sie einen ja mindestens als Miniaturbild aus dem Feed anfielen. Sie waren im Prinzip nur da, um zu zeigen, wie unmittelbar jener Unmittelbarkeit heutzutage doch sein kann. Einen Mehrwert ergab sich dadurch nicht. Die Schnelligkeit erzeugte Meldungen, die schockierten und von denen sich manche als richtig, manche als falsch und rein spekulativ herausstellten. Aus Wissen wird dann schnell Unsicherheit und ironischerweise war die atemberaubende Geschwindigkeit der modernen Newsfeeds ein Grund, den alten Fernseher mal doch besser einzuschalten – auf der Suche nach Verlässlichkeit und gesicherten Informationen. Ein weiteres Phänomen der letzten Tage ist das Feuerwerk an Vorverurteilungen gegen Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen. Hier reicht eine falsch recherchierte Meldung eines halbwegs verlässlichen Absenders aus, um sowohl im Online als auch im Print eine Lawine loszutreten, für die in Wirklichkeit nicht ein einziges Schneekorn zur Verfügung steht. Neu daran ist, dass diese Welle mit voller Kraft vom Online auf den Printbereich überschwappt und dass sich bisweilen sogar namhafte Politiker zu Empörungsstatements hinreißen lassen, ohne auch nur die geringste Ahnung davon zu haben, wie verlässlich eine einzelne und DIE alles entscheidende Information ist. Das ist schlimm für die betreffende Person. Das Schlimme für uns alle aber ist, dass die Fähigkeit,  einzuschätzen, wann es sich denn nun wirklich um eine bedeutende Meldung handelt, wann es denn wirklich um einen Skandal, eine Sensation, ein Drama oder einen Glücksmoment, gar ein historisches Ereignis geht, dabei völlig abhanden zu kommen droht. Vielleicht sind wir tatsächlich gerade an dem Punkt angelangt, an dem die heutigen digitalen Cracks vor ein paar Jahren waren: Sie haben nach einer Phase des Kennenlernens und Ausprobierens erst den adäquaten Umgang mit der neuen, schnellen und unmittelbaren Kommunikation lernen müssen, mussten sich an alles gewöhnen: An die Sprache, an die Verkürzung, an die Schnelligkeit und an die Direktheit – und an die immense Verantwortung, Informationen, die massenhaft, höchst emotional und endgültig wertend weiterverbreitet werden, selbst noch einmal zu bewerten. Diese Verantwortung zur Reflexion ist vielleicht eine der größten Herausforderungen für zum Sender werdende Rezipienten im digitalen Kommunikationsmodell. Wir müssen lernen, dass das alles eben keine Spielzeug ist, dass man in seiner Hosentasche hat und das man beliebig ein- aus- oder in den Flugmodus schalten kann, sondern dass das alles tatsächlich in der Öffentlichkeit stattfindet und wahrgenommen wird – eben doch relevant ist. Wir müssen lernen, dass ein Tweet nicht nur einfach ein unbedeutender Spontangedanke ist, sondern dass er tatsächlich gelesen wird und dass er wirken kann und nicht nach wenigen Sekunden nach unten rutscht und für immer verschwindet. Wir müssen weiter an uns arbeiten…

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