LilaBlog

DIe Welt extrem subjektiv betrachtet

Zwischen den Spielzeiten – die Regenerationsphase geht zu Ende

Vor 5 Wochen finishte ich Berlin, nach der wahrscheinlich intensivsten und diszipliniertesten Trainingsphase meines nun doch schon recht langen Läuferlebens.

Es war der bisher beste, der schönste und auch der erfolgreichste Marathon. Mein neunter.

Aber mir war auch bereits vor dem Start klar: Das wird auch meine regenerativste Regeneration, die ruhigste Ruhephase, die ich mir bisher gegönnt haben würde.

Ich hatte einen Pakt mit Geist und Körper: Ihr gebt alles, dann lass ich Euch in Ruhe, so lange, bis Ihr mir sagt, Ihr wärt dann wieder so weit.

Irgendwo hatte ich gelesen, Eliud Kipchoge, der wahrscheinlich beste Marathonläufer der Welt, der Berlin auch in diesem Jahr gewonnen hatte, mache volle 4 Wochen keinen Schritt.

Ob das wirklich so ist, kann ich nicht sagen, ich glaube es auch nicht so wirklich. Andererseits wollte ich es mir doch immer wieder einreden, wenn sich das Gewissen mal regen sollte: Wenn DER schon 4 Wochen nichts macht, dann wird MIR eine längere Pause sicherlich nicht schaden.

Der Pakt war geschlossen. Und nach dem großartigen Tag und dem sehr zufriedenstellenden Ergebnis hatte ich trotz des noch mehrere Tage lang erhöhten Adrenalin- oder Endorphinspiegels tatsächlich nicht das geringste Bedürfnis, die Laufschuhe zu schnüren.

Der Körper war tatsächlich am Ende, die Glieder waren schwer, die Muskeln brannten, das Fußgelenk schmerzte, das rechte Knie signalisierte so etwas wie die Vorstufe von Schmerz und der Geist war träge und müde. Auch das Gewissen regte sich nicht und lag gut zugedeckt irgendwo zwischen Obstschale und Schokoladentafeln und es war ihm völlig egal, ob ich mich ersterer oder letzteren zuwandte.

Bisher war es immer so, dass ich am Donnerstag nach einem Marathon-Rennen wieder langsam anfing mit einem entspannten Lauf von etwa 10k. Beine lockern, prüfen, was und wie gut es schon wieder funktioniert.

Und auch diesmal war ich ab Mittwoch zumindest weitestgehend schmerzfrei, das Rennen hatte seine erste Verdauungsphase hinter sich.

Aber mir war klar, bis zum Wochenende werde ich keinen Schritt tun und die tägliche Fahrt mit dem Fahrrad ins Büro waren ohnehin aktive Regeneration genug. Mehr ging nicht und das war auch in Ordnung.

Dann kam der Samstag. Herrliches Wetter, eine Tasse Kaffee, ein gutes Buch (leider weiß ich nicht mehr, welches) und ein richtig guter Morgen. Ich saß auf der Couch und sagte halblaut: Ich gehe laufen!

Es ist jedes Mal ein bisschen wie ein Neuanfang, ein Gefühl, das man auch nur nach dem Saisonhöhepunkt in dieser Weise empfindet. Es ist ein gutes Gefühl, eines, als würde man „ins Blaue hinein“ laufen, das erste Mal seit Monaten ohne Ziel und ohne Plan. Man fühlt sich wieder zu Hause, zurück von einer langen Abenteuerreise, bei der man am Ende erschöpft an den Wegesrand tritt, sich ausruht, in lebendiger und noch ganz frischer Erinnerung schwelgt und dann wieder aufbricht, um langsam dorthin zu gehen, wo man hergekommen ist. Und dann fängt man einfach wieder an zu laufen.

Natürlich habe ich meine Uhr getragen, auch bei diesem "ersten" Lauf, weil ich ohne sie nicht laufen mag, vielleicht auch gar nicht kann. Dazu bin ich zu neugierig und will dann doch wissen, wie weit und wie schnell mich Beine und Kopf wieder getragen haben. Aber es ist tatsächlich nur Beobachtung und Interesse: Wie geht es mir und meinem Körper? Wie ist das Gefühl und wie sind die Werte? Ich analysiere nicht, ich sehe nur zu.

Irgendwann, nach etwa 7 Kilometern dachte ich mir: 10 sollen es heute sein, mehr aber auch nicht. Ich fühlte mich gut, aber doch noch nicht fit. Am Abend begann die Nase zu laufen.

Dann der Sonntag, traditionell der Longrun-Day. Ich fühlte mich nicht schlecht, von Leichtigkeit und einer unbändigen Lust zu laufen aber keine Spur. Zudem war die Nase zwar nicht schlimmer geworden, eine leichte Erkältung war es aber doch und ich schwächelte, kränkelte ein wenig.

Ich erinnerte mich an den Pakt und blieb bei Kaffee und Buch sitzen. Gleiches passierte am Montag. Die Erkältung war nicht weiter ausgebrochen, das Signal des Körpers trotzdem klar: Ich brauche noch Zeit. Ich akzeptierte es, ohne auch nur den Anflug eines Meckerns.

Am Dienstag dann hatte ich wieder richtig Lust, um ehrlich zu sein: Ich freute mich sogar am Montagabend schon und stellte meine Schuhe vor die Eingangstür, mit denen ich nicht allzu lange davor die nassen Straßen des in Schale geworfenen Berlins durchquert hatte. "Morgen laufe ich wieder." Ganz nach Laune und ohne die geringste Ahnung, wie weit, wie lange und wie schnell.

Und dies war dann der erste Tag, an dem ich mich wieder richtig gut fühlte. Ich lief ganz nach Gefühl und eine Strecke, die ich noch nicht zuvor gelaufen war.

Am Ende waren es 14 Kilometer, die ich dann aber doch in den Beinen spürte. Erschöpft war ich zwar nicht, aber noch immer wurde mir bewusst, dass ich doch mitten in der Regenrationsphase war und alles andere als im Trainingsmodus. Vor allem aber hatte ich jetzt wieder richtig Lust. Das war aufregend und beruhigend zugleich.

Am nächsten Tag dann stand das letzte gemeinsame Bahntraining des Jahres mit den Pankrunners auf dem Programm – und vermutlich hätte ich das Training abgesagt, wäre es nicht der Saisonabschluss mit der Laufgruppe gewesen wäre. Nach Tempo war mir noch nicht zumute. Schließlich war ich dann aber doch froh, Verstand und Gefühl in seine Schranken gewiesen zu haben, denn das Training war gut, das Tempo (etwas schneller als Marathon-Renntempo) war problemlos einzuhalten.

So langsam kamen die ersten Signale meines Körpers: Es wird wieder!

Und so fand ich langsam zurück in so etwas wie eine Regelmäßigkeit, bei der ich mir aber immer dann wieder eine Pause gönnte, wenn ich merkte, es fehlte an Antrieb, an Drang, hinaus zu gehen und loszulaufen. Wo man in der Vorbereitungsphase keine Gnade kennt, hier lässt man sie walten: Einsehen vor Ehrgeiz und Disziplin.

Und dann kam der 15. Oktober, ein Sonntag und es waren 3 Wochen vergangen seit dem Zieleinlauf auf der Straße des 17. Junis. Ich nahm mir vor: Heute würde ich mal wieder etwas länger laufen. 2 Stunden vielleicht, je nachdem: Fühlt es sich gut an, laufe ich weiter, fühlt es sich nicht gut an, kehre ich um.

Ich lief durch Friedrichshain-Kreuzberg über die Oberbaumbrücke (Berliner wissen, was das an einem frühen Sonntagmorgen bedeutet) Richtung Treptow und Plänterwald und wusste, würde ich die zuvor geplante Strecke komplett laufen, wären das etwa 26-28 Kilometer.

Auf dem Weg sog ich die Stadt ein: Mit ihren sauberen und schmutzigen Ecken, mit ihren Sportlerinnnen und Betrunkenen, mit ihren Wiesen, Wäldern und Glasplitter-Gehwegen.

Irgendwann erreichte ich dann den Plänterwald – bog ab von der Straße und lief auf den Weg, angestrahlt von der hellorange-leuchtenden Morgensonne, die sich im vor mir ausgebreiteten Spreebecken verdoppelte und das Herbstlaub erstrahlen ließ, als ob es extra für mich seine buntesten Herbstfarben aufgetragen hätte. Das Runner’s High war wieder da – das Gefühl, das nur dann entstehen kann, wenn Körper und Geist im Einklang sind, das ultimative Zeichen: Es läuft wieder. Wir sind wieder da!

Ich lief eine Runde und hätte danach einfach nur geradeaus weiterlaufen müssen, um den Weg nach Hause einzuschlagen. Aber dann war es wieder soweit: Das Herz versetze dem Verstand einen ordentlichen Stoß und ich wollte diesen Moment am Spreeufer nochmal erleben: eine weitere Runde, nochmal durch das sonnenbeschienene Herbstlaub im Wald.

Am Ende lief ich 36 Kilometer und etwas über 2 Stunden und 45 Minuten. Der Körper war erschöpft aber ich war glücklich. Es war ein wunderschöner Morgen - das Erwachen nach einer wohltuenden und auch bitter nötigen Ruhephase mit einigen komplett sportfreien Tagen.

Am Montag dann ein weiterer Ruhetag, ansonsten kürzere und lockere Distanzen und kein Tempotraining. Laufen nach Laune und die Laune war zurück gekehrt.

Auch das Krafttraining nahm ich wieder auf, wenngleich ich etwas schockiert war über den Muskelkater nach der ersten Einheit nach 2-wöchiger Abstinenz. Inzwischen hat aber auch das wieder seine Regelmäßigkeit gefunden.

Und auch die Wettbewerbsplanung für die kommende Saison nahm Fahrt auf. Es wird ein intensives Jahr mit meiner ersten Ultraerfahrung:

Im Januar der 50k-Ultra in Rodgau, im April der Wien-Marathon als Frühjahrs-Höhepunkt, im Mai der Wings for Life – World Run in München (bei dem ich die 50k-Marke knacken möchte), im Juni der Brüder-Grimm-Lauf und schließlich im September der Berlin Marathon.

Am 1. November geht es wieder los: Die Vorbereitung für den #rodgau50 beginnt und die Off-Season endet so früh wie nie zuvor.

Ich würde mich freuen, den einen oder die andere von Euch bei einem der Wettbewerbe zu treffen!

Wer übrigens genauer wissen möchte, wie es mir beim Berlin Marathon ging, wie ich mich so auf die Läufe vorbereite und warum ich überhaupt laufe: Ich war vor kurzem zu Gast im Erdnussbutteruniversum bei den Jungs von "Laufen Liebe Erdnussbutter". Nochmal Danke für die Einladung, lieber Niklas und lieber Daniel!  

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