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DIe Welt extrem subjektiv betrachtet

Wir befinden uns in der Relevanzfalle – #DeutschlandDeineNörgler

text Deutschland ist Weltmeister! Was haben wir 1990 nach dem Finale in Rom gefeiert! Grenzenlos war die Freue, so kurz nach der Wiedervereinigung. Man konnte sagen, man sei über Jahre hinaus unschlagbar und bekam dafür auch noch Zustimmung. Heute, im Jahre 2014 haben wir es endlich wieder geschafft. Und wir haben wieder gefeiert. Allerdings nicht allzu lange und natürlich nur in gemäßigtem Rahmen. Denn erstens war das alles ja Glückssache, zweitens muss man ja verantwortungsbewusst mit seinem Titel umgehen – man muss zum Beispiel darauf achten, dass der unterlegene Gegner nicht zu traurig ist - und drittens ist zu viel Feiern grundsätzlich nicht gut. Und deswegen wurde auch sofort Zeter und Mordio geschrien, als ein paar euphorisierte Nationalspieler vor einem Millionenpublikum den „Gauchodance“ aufgeführt haben. Das ist zwar seit Jahrzehnten in allen Fußballstadien mit wechselnden Referenzen bekannt und deshalb nicht sehr originell, hat in Argentinien und sonstwo in der Welt niemanden weiter gestört, passt aber natürlich ganz und gar nicht zum erwähnten gemäßigten, verantwortungsbewussten Rahmen einer gepflegten Weltmeisterfeierlichkeit und wurde in allen Feuilletons, die etwas auf sich halten (und welches Feuilleton hält schon nichts auf sich) umfänglich kritisiert und skandalisiert. Ein angemessener Ausdruck eines gemäßigten deutschen Freudenfestes schließlich ist es, zu bekennen, dass man doch durchaus ein wenig „atemlos“ sei und man deshalb mit der schönen Helene mithoppst. Die intellektuelle Elite, nicht zuletzt Werner Hansch, lief Sturm, der DFB Präsident entschuldigte sich schriftlich. Gerade nochmal gut gegangen. Aber der nächste Skandal stand schon vor der Tür. Die Bundeskanzlerin hat Geburtstag, wird 60 und ein Journalist erdreistet sich, in einer Pressekonferenz ein Ständchen zu singen: „Happy Birthday“ singt er und wird dabei von seinen Kollegen völlig alleine gelassen, die sich sehr schnell daran zurück erinnern, dass sie ja Distanz waren müssen und dass persönliche Glückwünsche vor laufenden Kameras völlig unangebracht sind. Ein weiterer echter Skandal, eine persönliche Entgleisung allererster Güte. Wie sich das gehört, wurde der Journalist zum Mem, bekam sein eigenes Hashtag, äußerte kleinlaut, dass er so etwas nie wieder machen würde und ist ebenfalls gerade nochmal so durch die Shitstormwelle der Medien und der entsetzten Öffentlichkeit gekommen. Nachdem es dann ein paar Tage ruhig war, die Nachrichten und Zeitungen irgend etwas über Krieg in Gaza und Israel berichtet haben oder über eine Krise in der Ukraine, bahnte sich an einem Sonntag Nachmittag zumindest für Berliner wieder ein handfester Skandal an. Bei tropischer Hitze erlaubte sich die Feuerwehr im ohnehin völlig abgedrehten Prenzlauer Berg , ihre neuen Feuerwehrschläuche nicht in einem Hinterhof auszuprobieren, sondern auf offener Straße und damit unschuldige Menschen nass zu machen, ihnen zu einer nahezu frivolen öffentlichen Abkühlung zu verhelfen. Selbst Kinder waren betroffen! Völlig entsetzt war man über die von Steuergeldern finanzierte Wasserverschwendung. Aber damit nicht genug: Das vermeintliche Löschwasser hinterließ Kalkflecken auf den umstehenden Autos! Und so traf die Berliner Feuerwehr am Montag Volkes Zorn. Eine Sprecherin sah sich veranlasst, in einem Statement klarzustellen, dass man verpflichtet sei, neue Schläuche entsprechend zu testen und man den Menschen eigentlich etwas gutes tun wollte. Deutschland hat offensichtlich keine besseren Probleme und dennoch ein großes Problem: Deutschland hat ein Problem mit seiner Erregungsschwelle, die inzwischen so niedrig ist, dass sie ein riesiges Loch in unseren Nährboden des Verstandes einzureißen droht, das alle Dinge mit sich reißt, die eigentlich in den Fokus öffentlicher Wahrnehmung gehörten. Wir bauen Mauern um Sportvereine und Kindergärten, um uns vor Lärm zu schützen, wir schreiben Petitionen gegen Fernsehmoderatoren, wir entsetzen uns über Prominente, die wir uns mal so richtig in die Pfanne gehauen wünschen, die aber doch besser behandelt werden, als wir uns das in unseren erregten Phantasien vorstellen. Über die wichtigen Dinge reden wir aber nicht oder nur in kleinen Expertengrüppchen – oder höchstens noch bei Jauch am Sonntag nach dem Tatort und unter dem entsprechenden Hashtag. Natürlich ohne Ergebnis. Man kann nicht mehr unterscheiden, ob ein Skandal nun wirklich skandalös, ob ein relevantes Thema wirklich von Relevanz ist und man kann nicht mehr abschätzen, für welches der unzähligen Themen man sich nun ernsthaft engagieren sollte – weil das Angebot der Themen in jener großen Wühlkiste der Erregung einfach viel zu groß ist - unsortiert und im negativsten Sinne völlig gleichberechtigt. Wir befinden uns in einer Relevanzfalle. Entspannt Euch!

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