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DIe Welt extrem subjektiv betrachtet

Gelungener Jahresauftakt in Rodgau

Foto: @MagicMike2311

Rodgau ist ein kleiner Ort in der Nähe von Frankfurt am Main, genauer: im Landkreis Offenbach. Dort leben etwas mehr als 40.000 Menschen. Ende Januar sind es inzwischen 1000 Menschen mehr. Denn Rodgau ist der Ort, der für sich behaupten darf, die Ultrasaison zu eröffnen. Und das seit bereits mehr als 20 Jahren.

Rodgau hat auch für mich eine ganz besondere Bedeutung und der Ort und ich haben inzwischen eine sehr innige Beziehung. 2018 hatten wir unser erstes Mal. Und es war großartig. Bei meinem Ultradebüt über die 50 Kilometer lief ich in etwa die Zeit, die ich mir vorgenommen hatte, auch wenn ich mein Ziel, die Strecke unter 3:30:00 zu bewältigen, um rund 90 Sekunden verpasst hatte.

2019 kam es zur ersten Krise. Aus Gründen, die ich an anderer Stelle schon ausführlich beschrieben habe, lief es gar nicht gut.

Diesmal nun sollte die großer Versöhnung stattfinden. Nach einem für mich phänomenalen Jahr 2019, zu dem das Debüt über die 100 Kilometer in einer zufriedenstellenden Zeit ebenso gehörte, wie eine neue Persönliche Bestzeit über die Marathon-Distanz, sollte der #Rodgau50 die neue Saison als gutes Omen einleuten. Was das konkrete offizielle Ziel anging, war ich etwas vorsichtig und benannte es mit einer sicheren Sub 3:25:00. Insgeheim und mit dem Coach abgesprochen war allerdings der Plan, eine Zeit unter 3:20:00 anzulaufen.

Ich reiste, gemeinsam mit Heiko im WHEW100-erprobten „Ravemobil“ am Vortag des Rennens an und ich war nicht nur innerlich sehr optimistisch, wenn ich an mein Ziel dachte, sondern kommunizierte das auch immer, wenn mich in den Tagen vor dem Start jemand fragte, wie ich mich fühlte: „Richtig gut. Ich bin fit und wirklich gut vorbereitet“.

In der Tat lief das Training in den Wintermonaten ohne Probleme, weder Krankheiten noch demotivierende Erschöpfungsphasen waren zu beklagen. Mental haben mich die harten Einheiten bei morgendlich-winterlicher Dunkelheit diesmal mehr gefordert als in den Jahren bisher – was gleichzeitig aber auch bedeutete, dass sie mich stabiler und stärker gemacht haben.

Und so war ich also wieder da: In Rodgau – nicht weit von Hanau und Steinau entfernt – Start und Ziel des Brüder-Grimm-Laufs, mit dem ich ja nun auch schon meine Erfahrungen machen konnte.

Bereits ein paar Tage vorher schrieb mir Max aus Frankfurt, dass er mich gegebenenfalls die ersten 30 Kilometer pacen möchte und als wir uns dann an der Startlinie trafen, beschlossen wir, es gemeinsam anzugehen. Dies nur ein Beispiel für die Großartigkeit der Lauf-Community, die man in Rodgau immer ganz besonders genießen kann. Ein kleines Familientreffen zum Jahresauftakt.

Der Startschuss fiel bei 2 Grad, trockenen Wegen und Windstille, was meinen Optimismus nicht gerade schmälerte.

Wir liefen los und fanden sofort unser Tempo. Eigentlich gibt es dann erstmal gar nicht mehr so viel zu berichten, denn: Es lief einfach. Ich hatte mir ein strenges Verpflegungsregime auferlegt: Nach jeder Zweiten der 5km-Runden würde ich mir ein Gel vom Verpflegungsstand nehmen. In den anderen Runden nahm ich einen Schluck aus meiner Handheld-Flasche, in der ich eine Maltodextrin-Mischung abgefüllt hatte.

Wir liefen weiter, ich hörte immer wieder in mich hinein, prüfte meine Beine. Ich spürte sie nicht. Es fühlte sich alles locker an, ich war im Flow.

Nach jeder Runde erfuhren wir über den Sprecher im Start/Ziel-Bereich unsere Platzierungen. Wir waren auf den Plätzen 4 und 5. Nachdem Max nach 30 Kilometern aussteigen würde, wusste ich: Das Podium war immerhin in Sicht.

Nach der fünften Runde sahen wir den Läufer der vor uns war an der Seite stehen und mir war klar: Ich befinde mich auf Platz 3. Jetzt galt es, einfach das Tempo beizubehalten.

Ich hielt mich weiter strikt an meinen Verpflegungsplan, hatte auch hierbei keinerlei Probleme und wir liefen weiter.

Nach 35 Kilometern stieg Max dann schließlich aus und ich machte mich auf meine achte Runde, die letzte vor der Marathonmarke. Ich erinnerte mich, dass ich im vergangenen Jahr zur gleichen Zeit bereits zu kämpfen beginnen musste, mich alles andere als gut fühlte. Diesmal war es anders.

Schließlich ging es in die neunte Runde und nachdem diese zur Hälfte geschafft war, erreichte ich nach etwas mehr als 2:46:00 die mit einem kleinen Schild markierte Marathondistanz. Spätestens jetzt begann es auch langsam, schwieriger zu werden. Die Beine meldeten sich zu Wort und ich machte das, was ich immer mache, wenn ich an diesem kritischen Punkt ankomme: Ich versuchte, den Schmerz anzunehmen, ihn nicht zu bekämpfen, sondern auf den weiteren Weg mitzunehmen: „Du gehörst dazu, wir machen von hier an gemeinsam weiter.“

Zu dieser Zeit war mir klar, dass die neue Persönliche Bestzeit nicht mehr in Gefahr sein würde. Dafür hatte ich einen Puffer von mehr als einer viertel Stunde. Einen gewissen Druck verspürte ich aber dennoch: Ich befand mich noch immer auf dem dritten Platz und den wollte ich nun nicht mehr hergeben.

Das Team

Nach 45 Kilometern ging es in die letzte Runde. Ich nahm nochmal einen kräftigen Schluck aus meiner Flasche und merkte, dass ich mich jetzt sehr stark konzentrieren musste, um eine stabile Haltung im Oberkörper zu bewahren. Die Beine schmerzten, allerdings war ich mir sicher, dass ich nicht mit einem Krampf oder damit rechnen musste, dass mich der Schmerz stoppen würde. Die größte Herausforderung war nicht unbedingt das Weiterlaufen an sich, sondern, das Tempo so hoch wie möglich zu halten und nicht die letzten Kraftreserven verbraucht zu haben, bevor ich die Ziellinie überquert haben würde.

Mir war klar: Die zuvor gelaufene Pace von 3’55 würde auf den letzten Kilometern nicht mehr möglich sein. Ich versuchte, stabil zu bleiben, einen einigermaßen sauberen Laufstil beizubehalten und einfach so schnell weiterzulaufen, wie es mir möglich war. Wenn das 50k-Tempo nicht mehr ging, dann wenigstens das 100k-Tempo, das irgendwie immer gehen sollte.

Ich kommunizierte mit meinem Körper: „Komm, wir machen das jetzt, wir ziehen das durch. Bleib bei mir. Ich kann mich doch immer auf Dich verlassen. Wir geben jetzt nochmal alles!“

Kilometer 48 war ein Krisenpunkt, der langsamste, der schwerste von allen. Aber mein Körper ließ mich am Ende tatsächlich nicht im Stich. Wir würden durchkommen und statt weiter bergauf würde es am Ende sogar wieder aufwärts gehen. Das Desaster vom letzten Jahr würde sich nicht wiederholen und das Ziel war nur noch weniger als 2000 Schritte entfernt.

Als ich mich am letzten Wendepunkt noch einmal nach einem möglichen Verfolger umsah, war kein solcher zu erkennen und ich wusste: Das Podium war sicher, ein Gedanke, der mir nochmal Kraft gab.

Ich lief jetzt einfach so schnell ich konnte, versuchte, passagenweise so stark zu beschleunigen, wie es noch möglich war. Das war nicht mehr ganz so viel, wie erhofft, aber dennoch war der 50. Kilometer wieder deutlich schneller als die beiden davor.

Schließlich ging es auf die letzten 100 Meter. Die offizielle Uhr, die einem schon von weitem entgegenblickt, war noch deutlich unter den 3:20:00 und ich lief die letzte Runde zu Ende und überquerte die Ziellinie. Ich war am Ende meiner Kräfte und schwankte. Äußerlich konnte ich nicht mehr lächeln, innerlich aber feierten Kopf und Herz.

Die offizielle Zeit war 3:19:14, was den 3. Platz in der Gesamtwertung und Platz 1 in der Altersklasse bedeutete. Fast noch wichtiger aber war, dass ich meine Persönliche Bestzeit um mehr als 12 Minuten verbessert hatte.

Wie so oft erreichten mich vorher und nachher viele Nachrichten, von Menschen, die mir Glück wünschten oder gratulierten. Ich wiederhole mich nach fast jedem Rennbericht: Aber das bedeutet mir sehr viel. So eine Anteilnahme ist nicht selbstverständlich und dafür umso motivierender.

Besonders freut man sich natürlich über die Menschen, die man vor Ort trifft, die einem vom Streckenrand aus anfeuern und anschließend Fotos und Videos schicken. Auch hiervon gab es in Rodgau wieder einige und ich habe mich über jeden Kontakt gefreut.

Am Ende muss natürlich das Team erwähnt werden: Adrian, mit dem ich bisher in einem großartigen Jahr der Zusammenarbeit zwei Bestmarken nicht etwa nur knapp, sondern mehr als deutlich verbessern konnte. Und Heiko, der Zeremonienmeister.

Bei der Siegerehrung am Samstagnachmittag hieß es zum Abschied: „Bis zum nächsten Jahr in Rodgau“. Na dann: Bis zum nächsten Jahr!

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