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DIe Welt extrem subjektiv betrachtet

Ultrapremiere: 50K – Genuss und Qual in Rodgau

Das Ziel bleibt, so viel vorweg: Ich möchte den Marathon noch deutlich unter 2:40:00 laufen, vielleicht sogar so deutlich, dass die 2:35:00 in erreichbare Nähe kommen. In diesem Jahr werde ich die Möglichkeit in Wien (April) und in Berlin haben (das Heimspiel im September).

Aber egal, ob ich dieses Zeit in den nächsten Monaten erreiche: 2018 ist schon jetzt ein ganz besonderes Laufjahr für mich und ein vielleicht auf sehr lange Zeit prägendes: denn am 27. Januar bin ich meinen ersten echten Ultra gelaufen. Die 50 Kilometer von Rodgau.

Und das ist mein Bericht.

Denn zu berichten gibt es doch einiges. Zunächst einmal über den Lauf selbst, der mich nicht nur deshalb an den Brüder-Grimm-Lauf erinnerte, weil er in der selben Region stattfindet und man teilweise die Teams kennt, die bei beiden Wettbewerben antreten, sondern auch, weil die "Rodgau-Gemeinde" der Teilnehmenden ebenfalls eine eingeschworene Truppe zu sein scheint.

Das Schöne an diesem 50k ist aber auch, dass weite Teile des Läuferfeldes in Neongelb an den Start gehen: in den Trikots meines Vereins, der LG Mauerweg Berlin.

Was die Strecke angeht, kann ich nur sagen, dass sie nahezu perfekt für mich passte: Insgesamt sehr flach mit einem minimalen Anstieg am Ende jeder Runde, die man aber erst gegen Ende des Gesamtlaufs als schmerzlich empfindet: Ein 5k-Rundkurs über Felder und durch Wälder, in diesem Jahr mit einigermaßen angenehmen Temperaturen, Windstille und durchgehend Nebel -eine geradezu mystische und damit sehr spezielle Stimmung.

Man läuft diese Strecke zehnmal und obwohl manche das als sehr anstrengend empfinden, hat mir das mental sogar geholfen: Zum einen kenne ich die häufigen Wiederholungen aus meinem Training sehr gut, wo ich regelmäßig 20 oder 30 Kilometer auf der Bahn laufe, oder meine 10-15 Runden im Pankower Schloßpark drehe.

Zum anderen kann man regelmäßig, nämlich nach jeder Runde, einen gedachten Haken setzen und in sich gehen, um zu überprüfen, in welcher Verfassung sich Geist und Körper befinden.

Was mich direkt zum Rennen selbst führt, bzw. zunächst natürlich zu den Stunden vor dem Start.

Sehr angenehm war: Im Vergleich zu der Zeit unmittelbar vor einem Marathon-Start war ich völlig entspannt und gelassen und ich führe das vor allem auf zwei Dinge zurück: Erstens: Ich hatte keinerlei Druck, was eine PB oder ein striktes Ziel angeht, da ich die anstehende Distanz noch nie absolviert hatte - ich wusste, dass ich es schaffen würde, war aber selbst gespannt, wie letzten für mich völlig unbekannten Kilometer laufen würden - es warteten 8 Kilometer Neuland nach der Marathonmarke. Und zweitens: Bei einer solchen Distanz kann man in Ruhe ins Rennen finden, muss nicht von Anfang an ans Limit gehen und kann sich auch mal leisten, an einer Verpflegungsstelle kurz innezuhalten und nachzutanken. Das macht den gesamten Lauf wesentlich entspannter und hilft, die Kraft einzuteilen. Es ist ein fast schon spielerisches Laufen, eine ständige Kommunikation mit der eigenen Konstitution.

Zudem hatte ich zwei Wochen diszipliniertes Tapering hinter mir und habe bereits beim Abschlusstraining am Mittwoch vor dem samstäglichen Rennen gemerkt, dass die Beine fit waren, nichts zieht oder ziept. Ich fühlte mich einfach richtig gut. Natürlich hatte ich mir trotzdem ein kleines Ziel gesetzt: die 50 Kilometer unter 3:30:00 zu laufen, was eine Durchschnittspace von 4'10 - 4'11 bedeuten würde. Und das könnte dann vielleicht sogar für eine TOP10-Platzierung reichen.

Und dann standen wir am Start. Nach dem Gruppenfoto und einem kurzen Aufwärmen stellten wir uns auf und der Startschuss erfolgte. Ich nahm mir vor, nicht gleich die Zielpace anzulaufen (wie man sich das eben immer vornimmt, bei längeren Läufen) und es gelang mir gut. Das beste war: Ich fühlte mich großartig. Es lief wie von selbst und bereits im dritten Kilometer war ich in meinem Tempo, de facto 7 Sekunden schneller als geplant, letztendlich aber genau richtig. Denn ich konnte dieses Tempo ohne größere Probleme über die Marathondistanz halten.

Die Strecke selbst war dabei keineswegs allzu einfach zu laufen, das Läuferfeld war dicht und bereits in der zweiten der zehn 5k-Runden begann das Überrunden. An einigen Stellen, vor allem an einem Wendepunkt, den es jeweils etwa bei der Hälfte einer Runde gab, war die Strecke sehr eng und erinnerte ich mich ein wenig an die Kanal-Passage bei der Challenge Roth, wo einem auf engem Weg durchgehend die Läuferinnen und Läufer entgegen kommen.

Und auch der Boden selbst war streckenweise eher "tough mudder" als reiner Trail, da es die Tage davor wohl doch relativ viel geregnet hatte. Was ich aber angenehm fand: Die Teilnehmer waren größtenteils erfahren genug, um zu wissen, dass man nicht durchgehend am linken Rand des Weges laufen sollte, um Platz für Überholende zu lassen. Nur wenige liefen zu viert nebeneinander, um sich dabei zu unterhalten und auch diese machten nach einem kurzen "Achtung" freundlich Platz.

Die ersten Runden liefen also wie von selbst. Ich hatte eine Flasche ISO-Drink als Eigenverpflegung an dem dafür vorgesehenen Tisch platziert und entschied mich, möglichst früh davon Gebrauch zu machen. Das erste mal nach Kilometer 15, also in der vierten Runde.

Das ging dann allerdings gleich grandios schief, weil ich in der Masse der Flaschen, Gel-Packs und Riegelberge meinen Drink nicht gefunden hatte und - ob das gut gehen würde - stattdessen zu einem Becher Cola am offiziellen Verpflegungsstand griff. Es ging gut, ich hatte Glück.

Von da an trank ich jede zweite Runde, was eine weitere mentale Stütze darstellte: Pro Trinkpause waren wieder 20 Prozent der Strecke geschafft.

Dann kam die siebte Runde, die 30 Kilometer waren erreicht und mein Trainer sagte mir in den Wochen der Vorbereitung immer: "Bei 30 geht das Rennen los. Wenn Du Dich da noch gut fühlst, wirst Du es schaffen." Und ich fühlte mich gut. Richtig gut sogar, weil ich wusste: Jetzt ist es nur noch ein Halbmarathon, eine Standard-Distanz, die ich auch laufen kann, wenn man mich aus dem Bett in Laufschuhe steckt und von hinten anstuppst.

Ich dachte auch daran, dass jetzt bei einem Marathon eine entscheidende Phase kommen würde. Aber eine Mauer, oder ein Mann mit einem Hammer war wirklich weit und breit nicht zu sehen. Die Beine spürte ich aber natürlich schon. Alles andere hätte mich wohl eher beunruhigt... Alles wie es sein musste.

Beim Start in die neunte Runde wusste ich: Hier würde die Marathonmarke auf mich warten und ich würde bis dorthin konstant in einer Pace um die 4'06 durchgelaufen sein. Und dann kam sie auch: Ab jetzt würde ich eine Distanz laufen, die ich noch nie hinter mich gebracht hatte: "Ab jetzt laufe ich einen Ultra." Ein wirklich großartiges Gefühl. Ich rechnete: Würde ich die letzten Kilometer in einer Pace von 4'30 durchlaufen, wäre ich unter den erträumten 3:30:00. Ich merkte aber auch, die Kräfte schwanden zunehmend.

Ich absolvierte die neunte Runde, hatte 45 Kilometer hinter mich gebracht und wusste: Noch eine Runde. Ich würde jeden der inzwischen vertrauten Teilabschnitte der Runde nun zum letzten Mal sehen, bevor ich die Ziellinie überqueren würde.

Doch schließlich wurde es doch noch so hart, wie ich es befürchtet - oder besser: erwartet hatte. An der Verpflegungsstelle hielt ich nochmal für 5 Sekunden an, um zu trinken. Das Wieder-Anlaufen schmerzte.

Das war aber eigentlich gar nicht das Problem, denn das kannte ich von vielen anderen Wettbewerben. Das Gefühl hier nun war anders. Wo ich beim Marathon auf den letzten Kilometern oft ein Problem im Kopf habe, also eine mentale Schwäche, war es hier eine rein körperliche Erschöpfung. Ich war einfach ausgepowert, hatte keine Kraft mehr. Ich versuchte, einen sauberen Laufstil zu bewahren, merkte aber, wie ich immer instabiler wurde - und langsamer.

Ich konnte die Pace nicht mehr halten, was ich ohne großen Ärger akzeptierte. Die letzten drei Kilometer lief ich, so schnell es ging und ich konnte immerhin noch kleine Fahrtspiele einbauen: Einige Meter langsam, dann wieder Tempo anziehen, Mini-Intervalle, um die letzte Kraft, die noch da war, abzurufen und doch immer wieder auszuruhen. An eine Gehpause musste ich somit auch die letzen Kilometer nicht denken . das war mir wichtig. Ein bisschen schade war dann noch: Auf den letzten 500 Metern überholten mich noch Platz 9 und Platz 10. Sie riefen mir zu: "Häng Dich hinten dran", was ich versuchte. Zum Einholen hat es aber nicht mehr gereicht.

Und so kam ich als 11. ins Ziel, in einer Zeit von 3:31:18. Körperlich am Ende, aber nicht "zerstört" - auch das war mir wichtig im Hinblick auf die kommenden geplanten Distanzen.

Aber wie bei der Königsdisziplin, war es auch bei der - wie nennt man das dann: Kaiserdisziplin? - das Ende, der letzte Split, an dem ich weiter arbeiten muss. Er ist es, der mal im Kopf und mal im Körper zu einer ganz besonderen Herausforderung werden kann. Was die Läufe angeht, die über die 42,195 Kilometer hinaus gehen, werde ich beispielsweise nochmal über die Verpflegung nachdenken. Hier hätte ich in Rodgau wohl besser nachladen müssen.

Als ich mich nach dem Lauf und einer ersten Stärkung auf den Weg zu den (eiskalten) Duschen machte, erreichte mich eine weitere schöne Meldung: Wir haben die Mannschaftswertung gewonnen. Und so kam ich dann sogar doch noch aufs Treppchen.

Am Tag danach bekam ich eine Nachricht von meinem Trainer Andreas: "Bereit für Projekt 100k?" Meine Antwort: "Absolut!"

Die offiziellen Ergebnisse des #rodgau50 findet Ihr hier.

Fotos: Frederic Schneider, Itta Olaj

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3 thoughts on “Ultrapremiere: 50K – Genuss und Qual in Rodgau

  • Wahnsinn, klingt alles so abgeklärt und entspannt. Der erste Ultra ist etwas Besonderes und du ballerst da mal eben eine 03:30 auf die Strecke. Mit mehr Erfahrung wirst du sicher auch noch schneller werden, aber das sieht schon richtig klasse aus. Glückwunsch Ludwig und bleib weiter dran!

    LG Twin Marek

  • Tja der letzte Split, oder die letzten Zwei. So geht es mir leider auch immer, ohne dass ich bisher ein Rezept dagegen gefunden hätte. Dieses Mal spielte mir auch noch der Magen zwischendurch einen Streich. Aber egal, Ultra bleibt Ultra und wir haben es (wieder) geschafft.

  • Heiko sagt:

    Ein sehr schöner Bericht! Willkommen Ultraläufer!!!

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