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Viel gelitten und viel gelernt – Der Rodgau50 als lehrreicher Meilenstein auf dem Weg zu den 100K

Der Rodgau50, ein Ultra über 50 Kilometer in der Nähe von Hanau im schönen Hessen, dort wo die Gebrüder Grimm gewirkt haben – zwei Sprachwissenschaftler, die man heute hauptsächlich durch den alljährlich stattfindenden Brüder-Grimm-Lauf kennt, ist inzwischen traditionell der erste größere Ultralauf des Jahres. Es gibt dort – wie bei vielen dieser Rennen – eine feste Community, und obwohl ich in diesem Jahr erst zum zweiten Mal dort startete, hatte ich schon ein wenig das Gefühl, einem kleinen Familientreffen beizuwohnen. Einer der vielen Aspekte, die ich an der Ultra-Szene zu schätzen – zu lieben – lerne.

Foto: Jana Schetter

Im letzten Jahr feierte ich dort mein Ultra-Debüt und es war ein gelungenes. Ich verpasste knapp die Top10-Platzierung, gewann mit meinem Verein, der LG Mauerweg Berlin e.V., die Mannschaftswertung und verpasste mit 3:31:18 knapp die magische Marke der dreieinhalb Stunden. Im nächsten Jahr, sagte ich mir, komme ich wieder und dann hole ich mir die fehlenden 80 Sekunden.

Es sollte nun das letzte A-Rennen sein, bevor es dann in die spezifische Phase meines ganz großen Vorhabens, meiner vorläufigen persönlichen Master-Challenge gehen sollte: Dem Start über die 100-Kilometer Distanz am 4. Mai in Wuppertal. Und um das schonmal vorweg zu nehmen: Es wurde ein „All-Out“ und das Rennen gab mir einiges mit für die nächsten Wochen. Anderes, als ich mir gedacht und erwartet hatte zwar, aber vielleicht deshalb umso Wertvolleres.

Ich nahm mir einiges vor für die Jubiläumsausgabe des Rodgau50, den es nun schon seit 20 Jahren gibt. Ich wollte eine neue persönliche Bestzeit und ich wollte oben genannte Grenze unterbieten. Ich fühlte mich gut vorbereitet, ausgeruht, hatte noch das sehr gute und vergleichbar anstrengende Rennen im Dezember, den Brockenmarathon in Berlin, im Kopf und war mir sicher, damit eine gute Basis für die flachen 50 Kilometer an diesem Samstagvormittag zu haben.

Ich hatte mir einen klaren Verpflegungsplan überlegt: Alle 10 Kilometer würde getrunken oder gegessen werden. Dazu hatte ich mir eine Iso-Maltodextrin-Mischung in einer Flasche vorbereitet und ein paar Frucht-Quetschies, mit denen ich in den letzen Wochen im Training sehr gute Erfahrung gemacht hatte, bereitgestellt. Ich platzierte meinen Proviant am Eigenverpflegungstisch und wir, mein Coach Andreas und ich, begaben uns zum Start.

Der Rodgau50 erstreckt sich über einen Rundkurs von jeweils fünf Kilometern, der insgesamt zehnmal absolviert werden muss. Die Strecke ist flach, geht durch Waldstücke und auf Asphalt zwischen Feldern entlang. Es gibt einen Wendepunkt und ein paar Kurven. Am Ende wartet noch eine kleine Steigung, die sich dann im Waldstück Richtung Rundenziel wieder absenkt, was zunächst anstrengend, im Anschluss aber sehr angenehm zu laufen ist.

Mein Plan war klar: Ich wollte die ersten beiden Runden ins Rennen finden, die Zielpace lag bei 4’10 pro Kilometer und ich wollte ab Runde 3 das Tempo so moderat erhöhen, dass ich den Schnitt nach etwa fünfzehn Kilometern erreicht haben würde. Von da an würde ich nur noch konstant laufen müssen, in einem Tempo, das normalerweise meinem Tempodauerlauf entspricht.

Das Wetter war gut, stellenweise war die Strecke etwas vereist, aber die Temperaturen waren angenehm und es gab keinen Niederschlag. An einer Stelle zwischen zwei Waldstücken gab es heftigen Gegenwind. Hier musste man Kräfte sparen, das Tempo halten und nicht unnötig gegen die kalte Wand anlaufen. Das Stück war kurz genug, um hier nicht allzu viel zu verlieren.

Die ersten Runden liefen nach Plan, ich war vielleicht ein paar Sekunden schneller als vorgegeben, aber die Differenz lag im akzeptablen Bereich. Die Pace nach Runde 1 und 2 war dort, wo sie sein sollte und nach 10 Kilometern habe ich das erste Mal getrunken.

In Runde drei zeigte mir meine Uhr eine aktuelle Pace von 3’30 an. Wenig später lag sie bei 2’50. Letzteres ist etwa meine Sprintgeschwindigkeit und so viel Körpergefühl hatte ich, dass ich wusste: Nein, ich befinde mich gerade nicht im Sprintmodus und laufe hier gerade auch nicht mein Halbmarathon-Renntempo. Irgendetwas stimmte nicht und wenig später wusste ich auch, was da nicht stimmte: „Kein GPS-Signal“ meldete meine Uhr.

Wer mich kennt, weiß, wie ich reagiere, wenn (verhältnismäßig teure) Technik, auf die man sich gerne verlassen möchte, weil man – in diesem Falle täglich oder mehrmals täglich – mit ihr zusammenarbeitet, nicht funktioniert oder stellenweise ausfällt: Ich raste aus. Es macht mich wahnsinnig! Und natürlich hatte ich mir meine 5-Kilometer Splitzeiten nicht aufs Handgelenk notiert. Ich begann zu rechnen und rechnete von Runde zu Runde, welche Splitzeiten ich benötigen würde. Irgendwann fand meine Uhr das Signal wohl wieder. Ich konnte mich aber nicht mehr darauf verlassen, dass stimmte, was dort stand.

Irgendwann, es dürfte nach Runde 4 gewesen sein, sah ich Daniel, der gekommen war, um anzufeuern und er lief ein kurzes Stück mit mir mit, fragte mich, wie es mir gehe. Ich sagte ihm, es gehe sehr gut, meine Uhr sei aber unzuverlässig. Daniel bot an, mir die Rundenzeiten durchzusagen, wenn ich vorbei kam, was mir half. Und an dieser Stelle sei das erste Learning aus Rodgau 2019 genannt: Bereite Dir immer Deine Splitzeiten vor und habe sie im Kopf oder auf dem Arm (oder an einem sonst gut einsehbaren Körperteil). Beim Marathon weiß ich sie inzwischen auswendig. Beim Ultra ist das anders.

Links: Daniel

Nach Runde 5 und 6 sah ich ich, dass ich zwischen drei und vier Minuten schneller bin, als ich sein sollte. Ich hatte einen Puffer, das beruhigte mich und ließ mich guten Mutes in die zweite Hälfte des Rennens gehen. Ich hatte auch bereits dreimal getrunken. Meine Quetschies hatte ich noch nicht angerührt.

Nach Runde 7 lief Daniel wieder ein Stück neben mir her. Mir ging es noch immer gut. So ganz langsam war das Ende schon fast in Sicht und ich hatte noch immer einen guten Puffer. Ich versuchte, das Tempo zu halten. Die Beine spürte ich etwas, das war nach 35 Kilometern aber normal. Kein Grund zur Sorge. Es waren noch 15 K, die Distanz eines normalen Trainings am Morgen unter der Woche. Bei Kilometer 37 stieß ich auf einen Läufer der Spitze. Er nahm seine Hörer aus dem Ohr und fragte: „Dein wievielter Kilometer ist das?“ Ich antwortete: „37“, worauf er sagte: „Oh, dito, ich habe nicht damit gerechnet, dass da noch jemand von hinten rankommt.“ Wir liefen ein Weilchen nebeneinander her, irgendwann zog er das Tempo aber nochmal an und ich ließ mich nicht verleiten, mithalten zu wollen.

Wieder nahm ich einen Schluck von meinem Getränk und machte mich auf in die neunte Runde. 40 Kilometer waren gelaufen. Ich wusste, ich hatte soviel Puffer, dass ich die letzten 10 Kilometer in einer Pace von 4’30 pro Kilometer laufen musste, um das Ziel sub 3:30:00 zu erreichen. Das entspricht normalerweise meinem absoluten Wohlfühlgeschwindigkeit, knapp unter Langsamer-Dauerlauf-Tempo.

Aber dann passierte etwas zu diesem Zeitpunkt völlig Unerwartetes: Es stellte sich mehr oder weniger von Jetzt auf Gleich ein totales Erschöpfungsgefühl ein, das ich so noch nicht empfunden hatte – zumindest konnte ich mich nicht daran erinnern. Bei meinem ersten Hamburg-Marathon gab es eimal eine ähnliche Situation, wo ich mehrere Kilometer mit mir kämpfen musste, bis ich schließlich eine Gehpause einlegte. Hier nun aber war es anders. Mir war sofort klar, ich musste zumindest für ein paar Sekunden in Schritttempo wechseln – und zwar sofort.

Ich ging für ein paar Sekunden und lief wieder an. Ich blieb länger am Verpflegungsstand stehen und trank. Andreas stand am Streckenrand und wusste sofort, was los war. Er versuchte mich aufzubauen, gab mir Tee und Cola und motivierte mich, jetzt einfach noch das rauszuholen, was ginge. Keinen Stress mehr, sauber laufen, sicher finishen.

Ich lief wieder an, ging auf die vorletzte Runde und noch einmal musste ich ins Schritttempo wechseln, um kurz darauf wieder los zu traben. Das Gleiche wiederholte ich noch zweimal und endlich sah ich die Marathonmarke etwa 300 Meter vor mir. Ich erhöhte nochmal das Tempo und überquerte die 42,195-Markierung. Dann wechselte ich wieder in die Gehphase. Ich musste mir sehr schnell eingestehen, dass ich nicht einmal mehr die 4’30er Pace schaffen würde. Das Rennen war beendet, zumindest, was die gesteckten Ziele anging.

Kurz vor dem Ende der neunten Runde, bevor es auf die letzten fünf Kilometer ging, überlegte ich ernsthaft, abzubrechen. Es machte doch schließlich keinen Sinn mehr. Ich überlegte, wog Für und Wider ab und lief über die Rundenmarke. Dort standen Andreas und Daniel und Andreas rief mir zu: „Kämpf, das ist heute die ultimative Prüfung für den Kopf!“. Nochmal dachte ich daran, aufzuhören. Es wäre das erste DNF meiner Laufkarriere. Schließlich dachte ich mir: Nein. Nicht in der letzten Runde. Nicht heute. Ich würde weiter laufen.

Am Verpflegungsstand wartete nochmals Andreas. „Ich kann nicht mehr“, sagte ich ihm und er antwortete: „Das ist heute der wichtigste Lauf, den Du je hattest. Gib jetzt nicht auf!“. Ich schüttete nochmal Tee und Cola in mich und lief weiter. Ich fühlte mich schlecht wie noch nie. Frustriert, entkräftet und mit einiger Verwunderung stellte ich fest, dass ich bei all dem noch nicht mal Schmerzen in den Beinen spürte. Das war auf der einen Seite positiv, auf der anderen Seite aber noch frustrierender, weil man Schmerz annehmen und überlaufen kann – das kannte ich. Diese mentale Leere aber kannte ich so noch nicht.

Auf der letzten Runde, etwa zwei Kilometer vor dem Ziel hörte ich dann eine Fahrradklingel, die die erste Frau ankündigte. Sie würde mich gleich überholen und hier sah ich meine letzte Chance, nochmal alles, was da war, zusammenzunehmen an Kräfte und Willen. Susanne Gölz lief an mir vorbei und ich schloss mich an, lief hinter ihr her und achtete darauf, den Abstand gleichmäßig zu halten und nicht zurück zu fallen. Auf dem letzten Kilometer wusste ich, ich würde jetzt nicht mehr stehen bleiben, sondern durchlaufen. Ich blieb bis zum Ende an Gölz dran und überquerte nach 3:42:41 als 23.Platz gesamt und 4. Platz meiner Altersklasse die Ziellinie. Ich stoppte meine Uhr und ging von der Strecke, wo mich Andreas und Daniel erwarteten und mir halfen, mit der Enttäuschung über Ergebnis und Zustand klar zu kommen. Was für ein hartes Rennen…

Irgendwann, nach etwas zu essen, nach einer ausgiebigen heißen Dusche und einigen Stunden Zugfahrt habe ich meine ersten Schlüsse gezogen.

In der Tat war dies ein äußerst wichtiges Rennen und wenn zwar kein statistischer, dann doch ein umso größerer mentaler Meilenstein auf dem Weg zum WHEW100. Es spielten sicher viele verschiedene Faktoren eine Rolle für die Kraftlosigkeit auf den letzen 10 Kilometern – auch die berüchtigte Tagesform darf man dabei nicht ganz vernachlässigen.

Ganz sicher aber spielte die Tatsache eine Rolle, dass ich meinen Verpflegungsplan nicht gewissenhaft genug eingehalten hatte. Bis zum Ende habe ich meine Frucht-Quetschies nicht angerührt – warum, kann ich mir noch immer nicht erklären. Sie waren trainingserprobt und ich mag sie sehr gerne. Warum ich davon keinen Gebraucht gemacht habe, wird für immer ein Geheimnis bleiben. Einen Marathon kann ich zur Not auch nur mit Getränken gut laufen. Bei einem Ultra funktioniert das nicht, auch, wenn das 2018 vielleicht gerade noch gut ging (auch da habe ich schließlich wertvolle Sekunden in der letzten Runde verloren). Das Learning: Zur Not muss man sich selbst (oder der Support einen) zwingen, sich Nahrung zuzuführen. Koste es, was es wolle.

Ein zweiter Fehler war, sich zu sehr auf die Uhr zu verlassen und die Rundensplitzeiten nicht vorher notiert zu haben. Learning Nummer 2 also: Ich werde in Zukunft bei meinen Rennen weniger auf Pace und mehr auf Durchgangszeiten laufen. Denn auch wenn das GPS-Signal mal nicht funktioniert: Die Stoppuhranzeige ist zuverlässig und kann, solange der Akku hält, nicht ausfallen. Die Unsicherheit und das damit verbundene stellenweise Überpacen hatten zu viel Kraft im Mittelteil des Rennens gekostet.

Mit Daniel und Andreas

Und die vielleicht wichtigste Erkenntnis aus dem Rodgau50 2019: Ich hatte meine erste echte Ultrakrise. Körperliche Erschöpfung, die Sehnsucht nach der Ziellinie und der muskuläre Schmerz, der entsteht, wenn man seine Geschwindigkeit halten muss, all das kannte ich schon. Diese totale Erschöpfung, die Lustlosigkeit, weiterzumachen, das Fehlen von Energie, das Pausieren und dann irgendwie wieder loslaufen müssen – das alles war neu und ich wurde in Rodgau das erste Mal ernsthaft mit dem Gedanken konfrontiert, auszusteigen, aufzugeben. Damit verbunden also Learning Nummer 3: Aufgeben kommt nicht in Frage, darf nicht in Frage kommen.

Die Tatsache, dass ich mich am Ende noch an die beste Frau dranhängen und durchlaufen konnte, deutet darauf hin, dass diese Krise vielleicht kurz davor war, überwunden zu werden und vielleicht wäre es spannend gewesen, was passiert wäre, wenn ich noch weitere 20 Kilometer vor mir gehabt und mich nochmal ordentlich verpflegt hätte.

Ich werde mich an dieses Rennen ganz sicher wieder erinnern, wenn ich im Mai bei vielleicht Kilometer 60 oder 70 in eine ähnliche Situation kommen sollte. Ich werde dann hoffentlich ebenfalls die richtigen Schlüsse ziehen.

Am Ende kommt mir wieder eine Zeile aus einem meiner ultimativen Lieblingslaufsongs in den Sinn, der auf keiner Trainingsplaylist fehlen darf und der mich immer wieder pusht: In „Lose Yourself“ von Eminem heißt es: „Success is my only motherfucking option – failure’s not“.

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