LilaBlog

DIe Welt extrem subjektiv betrachtet

Shitstorms und ihre guten Seiten

Shitstorm.JPG.scaled1000"Shitstorm" hat einen Preis für den Anglizismus des Jahres 2011 bekommen. Inzwischen wird es, wie es sich für einen preisgekrönten Star gehört, ständig und in allen möglichen Zusammenhängen genannt. Bei einem guten Song würde man wohl "totgenudelt" sagen und vieles, das als Shitstorm bezeichnet wird, hätte man früher einfach emotionale Gegenrede genannt. Irgendwann, wenn der Begriff dann mal so richtig lexikalisiert sein wird, wird vielleicht keiner mehr so recht wissen, was die eigentliche Bedeutung dieses vielleicht lustigsten Anglizismus, den wir in den letzten Jahren im deutschen Sprachgebrauch begrüßen durften, einmal war. Allein der Gedanke an die wörtliche Bedeutung... Aber es ist schon richtig: Der Shitstorm steht für eine Diskussionskultur im Netz, die in ihrer Tonalität deutlich anders ist als in vordigitaler Zeit. Und so mancher beklagt sich darüber, dass Reaktionen heute in einer Intensität und in einer Wortwahl stattfinden, die früher nicht nur als äußerst unangemessen, sondern als völlig inakzeptabel gegolten hätten. Abgesehen davon hätte sie die Öffentlichkeit auch niemals wahrgenommen. Denn wenn sich jemand im Ton vergriffen hatte, wurde ein Beitrag einfach nicht gedruckt oder gesendet. Und das wars dann. Ausnahmen bestätigen natürlich wie immer die Regel. Aber wie wir wissen, ist das heute ja alles ein bisschen anders. Über die Veröffentlichung einer Meinung, eines Statements, einer Behauptung oder jeder anderen Form von Text, entscheidet nicht mehr der Redakteur, sondern der Autor im weitesten Sinne. Der Vater des Gedankens hat die vollkommene Entscheidungsmacht über seine Kinder. Und das ist die Grundvoraussetzung für das, was man als Shitstortm-Kultur bezeichnen könnte. Das hat auch sein Gutes. Denn ich behaupte jetzt einfach mal, dass gerade durch die Überreaktion und Masse an Überreagierenden die Aufmerksamkeit erst auf etwas gelenkt wird, dass ansonsten vielleicht nur ein paar Wenige interessiert hätte. Auf einem bunten Bild mit vielen leuchtenden Farben fällt nämlich nur der Fleck auf, der besonders grell ist. Hätte beispielsweise das Meldegesetz und sein unglückliches Zustandekommen wirklich jemanden interessiert, wenn das Ganze in einem Umfeld der gesitteten Diskussionskultur, bestehend aus Artikel, Kommentar und Leserbrief, stattgefunden hätte? Vermutlich nicht. Erst durch das Trending Topic "Meldegesetz" hat das Thema die nötige Relevanz bekommen, um es einer breiten Diskussion zuzuführen. So viele Nachteile und unerfreuliche Auswirkungen die Shitstormisierung vieler Debatten im Netz hat, so können die Empörungsstürme auch als Alarmglocken fungieren und Themen auf das tagespolitische Tableau bringen, die sich ansonsten vielleicht schwelbrandartig entwickeln und die dann aufgrund eines fehlenden Frühwarnsystems explosionsartig nach oben kommen würden. Und dann will es wieder keiner gewesen sein. Wer weiß, wie die Geschichte verlaufen wäre, hätten wir früher schon ein ähnliches Frühwarnsystem gehabt. #justsaying Ich bin mir sicher, Diktatoren und Terrorregime haben große Angst vor Shitstorms, vor einer Kultur des Leakens und der tausendfachen Kommentierung dessen, was da so alles geleakt wird - gerade weil sie so unkontrollierbar und in ihrer Breitenwirkung kaum einzudämmen ist. Und das Schlimmste, was einem diktatorischen System passieren kann, ist schließlich der Verlust von Kontrolle. Beleidigungen, Schmähungen, falsche Behauptungen und öffentliche Bloßstellung: das alles sind sehr unangenehme und durchaus verurteilens-werte Nebenwirkungen, die die Offenheit unserer modernen Kommunikation mit sich bringt. Dass man aber damit rechnen muss, dass unlauteres Verhalten, miese und unfaire Geschäftspraktiken oder politisch gefährliche Äußerungen und Methoden, die anderen massiven Schaden zufügen, plötzlich an die Öffentlichkeit und durch eine (social-) mediale Überreaktion in die allgemeine Diskussion geraten, dass kann als Schutzmechanismus unserer Demokratie durchaus sein Gutes haben. Auch hier also gibt es sie wieder, die zwei Seiten einer Medaille.

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