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DIe Welt extrem subjektiv betrachtet

Sportunterricht ist Lebenskunde

Deutschland diskutiert über den Sportunterricht. Das ist grundsätzlich gut, denn es rückt ein Fach in den Mittelpunkt der Debatte, das bisher eher als nette Beigabe und ein bisschen Bewegung im Schulalltag betrachtet wurde. Und wie sollte es anders sein: Die Emotionen kochen hoch. Die einen rufen: Sport diskriminiere die Schwachen, die anderen sagen, das Leben sei nunmal kein Schachturnier. Nun lieferte Miriam Hollstein in der Bild am Sonntag einen lesenswerten, weil sehr unverblümten Beitrag, der ebenfalls leidenschaftlich diskutiert wurde. Als ich damals, es ist leider schon viel zu lange her, in meinem Halbjahreszeugnis der fünften Klasse eine 5 in Sport bekommen habe, war das ein Schock, wurde meinen Leistungen und meiner körperlichen Verfassung aber wohl ziemlich gerecht. Ich wurde deswegen damals nicht gehänselt oder ausgelacht, was vielleicht auch daran lag, dass wir einen ziemlich großartigen Klassenverband hatten. Dennoch bedeutete diese Note einen Tritt, der mich direkt vor die Haustür auf die Laufbahn kickte. Ich begann mit dem Laufen, absolvierte meinen ersten "Mini-Marathon" über 5 km und war von da an bis zum Ende meiner Schulkarriere relativ gut in Sport. Die schlechte Note wurde zu einer guten Note und vermutlich lag es nicht an der Güte des damaligen Sportunterrichts, dass ich meine Leistungen derart verbessern konnte, sondern daran, dass ich mich bis heute relativ gut selbst motivieren kann, wenn ich den Sinn und den Mehrwert einer Sache erkenne.  Ob der Sportunterricht heute demütigend ist, das kann ich leider nicht mehr oder noch nicht beurteilen. Meine Tochter ist noch nicht lange genug in der Schule und ich bin schon zu lange raus.  Was der Sportunterricht sein sollte, das scheint mit hingegen sehr klar: Er sollte eine Art Lebenshilfe und Aufklärung dafür sein, wie man ein gesundes Leben führen kann. Er soll vermitteln, dass Bewegung geradezu lebensnotwendig und der Mensch nicht dafür geschaffen ist, den ganzen Tag zu sitzen oder zu liegen und Zucker und Fett in sich hineinzustopfen.  Gesundheitsbewusstsein, Körperbewusstsein und der Spaß am Spiel sollten wesentliche Bestandteile des Sportunterrichts sein. Und so individuell die einzelnen Kinder sind, so individuell sind auch die Disziplinen.  Insofern sollte man sich vielleicht Gedanken darüber machen, ob es sinnvoll ist, dass immer alle alles machen müssen (funktioniert nirgends im Leben), oder ob man den Schülerinnen und Schülern nicht die Möglichkeit bietet, nach dem Erlernen und Verstehen der Grundlagen, sich auf bestimmte Gebiete zu spezialisieren. Ich hatte zum Beispiel panische Angst vor dem Reckturnen oder dem Barren, und zwar nicht nur, weil ich wusste, dass ich dort einfach immer schlecht war und sein würde, sondern weil mir klar war, dass ich einfach keinen Spaß am Geräteturnen entwickeln würde.  Bei Leichtathletik dagegen war das anders und aus der Freude an der Sache entwickelten sich auch entsprechend gute Leistungen. Und wenn man Spaß bei einer Sache hat und man sich dadurch damit beschäftigt, dann lässt man sich auch auf einen gewissen Wettbewerb ein, ohne dass man Angst haben muss, ohnehin keine Chance zu haben, von den anderen ausgelacht zu werden und der ewige Loser in der Gruppe sein zu müssen. Dass dieser  Wettbewerbsgedanke dazu gehört, liegt in der Natur der Sache.  Das ist nicht schlimm, sondern kann den positiven Effekt des Sports nur vergrößern. Dann nämlich, wenn Leistungsdruck und Motivation (fremde und eigene) Hand in Hand gehen. Dies zu gewährleisten, ist Aufgabe von Lehrplan und Lehrkraft. Denn ja, es gibt sie: die guten und die schlechten Sportlehrerinnen und -lehrer, wie es auch schlechte Trainerinnen und Trainer gibt. Ganz nebenbei: Warum nicht professionelle Coaches an die Schulen? Wenn dieses Nebenbei zwischen Leistungsdruck und Motivation gelingt und wenn dann auch noch der Teamgeist dazukommt, dessen Vermittlung ebenfalls in dieses Fach gehört, dann ist auch der Leistungsvergleich nichts, das andere ausschließt. Im Sportunterricht sollte man nicht nur lernen, wie die richtige Körperhaltung beim 100m-Lauf aussieht, oder wie man beim Weitsprung besonders weit kommt, sondern, warum neben der Bewegung zum körperlichen Wohlbefinden auch eine ausgewogene und gesunde Ernährung und ein gesundheitsbewusster Lebensstil gehört. Was ist gut für den Körper und was nicht, und warum ist das so? Sport als Schulfach von heute sollte nichts mit Drill und Zwang zu tun haben, sondern mit der Mobilisierung der eigenen körperlichen und seelischen Talente und Kräfte. Vor allem aber soll er Durchhaltevermögen, Eigenmotivation und Mannschaftsgeist vermitteln, Dinge, die man nicht nur auf dem Sportplatz, sondern auch am Arbeitsplatz und in allen anderen Bereichen des Lebens bestens brauchen kann. Gute Sportlerinnen und Sportler haben immer einen stark ausgeprägten Teamspirit. Statt andere auszulachen, reißen sie sie mit und animieren sie. Wenn immer kritisiert wird, dass große Sportunternehmen scheinheilige Kampagnen starteten, um ihre Produkte zu verkaufen, dann muss man auch sagen, dass sie es auf perfekte Weise verstehen, mit Clips, Aktionen, Bildern und Slogans, Sport als Lifestyle zu vermitteln.   Ein guter Sportunterricht ist auch ein Stück Lebenskunde, der sich mit menschlichem Wohlbefinden beschäftigt und zeigt, dass körperliche Anstrengung mit Spaß und Lebensfreude verbunden werden kann.  Insofern stimmt ich Miriam Hollstein zu: Der Sport an der Schule sollte reformiert werden. Er sollte mehr das große Ganze im Blick haben, neue Zusammenhänge herstellen und vermitteln und selbstbewusster werden in den Schulplänen unserer Republik. Und er sollte sich mehr auf individuelle Stärken der Schülerinnen und Schüler einlassen. Die Bundesjugendspiele abzuschaffen, halte ich für falsch. Dann kann man auch Klausuren abschaffen und ganz auf Leistungsvergleiche verzichten. Das wäre vielleicht grundsätzlich ganz schön, kommt der späteren Lebensrealität aber nicht ansatzweise nahe. Aber auch hier sollte man sich überlegen, ob sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht auf bestimmte Disziplinen spezialisieren können und wie genau die Schule sie auf diesen Wettbewerb vorbereitet.  Auch im Sport gilt: Die Schule, ihre Lehrpläne und ihre Unterrichtsmethoden müssen sich weiterentwickeln. Und wie bei vielen Sportarten gilt auch hier: Am Tempo müssen wir noch ordentlich arbeiten. 

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