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DIe Welt extrem subjektiv betrachtet

Und wieder eine Deutschlandfahnendebatte

deutschland.jpg.scaled1000Tier-Orakel und die Deutschlandfahnendebatten, das scheinen die seit der Weltmeisterschaft 2006 im eigenen Lande feste Bestandteile jeder internationalen Fußballgroßveranstaltung zu sein. Zum Tierorakel kann man eigentlich nichts mehr hinzufügen und nur hoffen, dass dieser niemals wirklich trendige Trend möglichst sang und klanglos und möglichst schnell wieder verschwindet - und zwar für immer. Bei der Deutschlandfahnendebatte ist es ein bisschen anders, weil sie keine Deutschlandfahnendebatte ist. Sie hat in diesem Jahr eine ganz besonders merkwürdige Entwicklung genommen. Dass man die Fake-Ausrüstung mit Fake-Trikot und Billigschal, die man für gefühlte 2000 gekaufte Nutellagläser bekommt, nicht so toll findet, ist das Eine. Dass man die Autofähnchen für 1,99 Euro von Lidl, die dem Hintermann bei 150km/h auf der Autobahn Richtung Gardasee auch zwei Wochen nach der EM noch um die Ohren, bzw. auf die Windschutzscheibe fliegen, ein bisschen albern findet - auch ok. Dass man diese Dinge aber zu einer Renaissance von unverhältnismäßigem Patriotismus hochfrisiert und offensichtlich unvermeidliche Geschichts-Vergleiche anstellt, die - nebenbei bemerkt -von einem äußerst unzulänglichen Geschichtsverständnis zeugen - ist schon problematischer. Und dass nun eine Jugendorganisation einer demokratischen Partei, die (vermutlich) das Ziel hat, irgendwann einmal wieder Regierungsverantwortung für dieses Land zu übernehmen, eine offizielle Kampagne mit dem Titel "Patriotismus - Nein Danke" ins Leben gerufen hat, finde ich, gelinde gesagt, schon etwas irritierend. Das eigentlich Irritierende daran ist nicht nur der Inhalt der Kampagne an sich, sondern, dass man so etwas direkt in den Kontext gesamtgesellschaftlicher Ausgelassenheit hinein initiiert, wo man sich doch, wenn man sich schon nicht für Fußball interessiert, auch sinnvolle Aktionen ausdenken könnte. Ich behaupte jetzt einfach mal, dass 99,9% der Menschen, die auf den Fanmeilen mit nationalmannschaftsfarbigen Hawaii-Haarbändchen, Schwarzrotgold-Shirts, Schweinsteigertrikots und Deutschland-Fahnen unterwegs sind, dies nicht tun, weil sie ihr Land als allen anderen Ländern überlegen betrachten und den Rest der Welt eigentlich doof finden, oder weil sie zeigen möchten, dass ihnen die Geschichte unseres Landes egal ist. Ich glaube, dass sie das alles tun, weil sie einfach Spaß daran haben, mit Tausenden von anderen Menschen gemeinsam ihre - unsere - Mannschaft anzufeuern, in der übrigens Spieler mit polnischen, türkischen, tunesischen und afrikanischen Wurzeln spielen. Das obligatorische "und das ist auch gut so" lasse ich aus Gründen der allgemeinen Redundanz der Phrase an dieser Stelle ganz bewusst weg. Wenn man sich den Hype um das schwarzrotgoldene Fahnenmeer einmal ohne Hype ansieht, dann muss man den politischen Initiatoren einmal etwas ins Ohr flüstern, was politische Initiatoren bisweilen gar nicht gerne hören: dass sie sich manchmal einfach ein ganz kleines bisschen zu wichtig nehmen. Nicht ALLES, was Menschen tun, ist mit einem politischen Statement verbunden, und nicht alles muss historisch-moralisch interpretiert, analysiert und instrumentalisiert werden. Man würde einem Bayern-Fan, der mit rotweißer Fahne und FCB-Trikot die Leopoldstraße entlangläuft ja auch nicht unterstellen, er sei ein hurrapatriotischer Königstreuer. Manchmal geht es einfach nur um Emotionen, um Spaß und Unterhaltung. Manchmal möchte man einfach ein bisschen leidenschaftlich, vielleicht sogar richtig euphorisch sein - und vielleicht möchte man das mit vielen vielen anderen Menschen zusammen tun. Ganz gemäß dem Motto: geteiltes Glück ist doppeltes Glück. Also enstpannt Euch alle ein bisschen und lasst die Fahnen an den Autos, anstatt sie abzubrechen. Denn vielleicht schadet Ihr mit solchem idealistischen Übereifer nicht etwa einem verkappten Nationalisten, sondern macht einfach ein kleines Kind unglücklich, das so stolz darauf war, dass sein Papa ein Deutschlandfähnchen bei Lidl um die Ecke besorgt und ans Seitenfenster geklemmt hat. tl;dr;  Manchmal ist es auch einfach nur unpolitisch...

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