LilaBlog

DIe Welt extrem subjektiv betrachtet

Wiener Charme und Unbarmherzigkeit – Der Vienna City Marathon 2018

Am Vorabend des Wien-Marathons habe ich mich mit Katrin und Daniel von bevegt.de zum Abendessen getroffen - wir kennen uns vom Brüder-Grimm-Lauf und ich durfte auch schon zu Gast in ihrem Podcast sein. Irgendwann fragte mich Daniel: “Und? Dein Ziel bleibt? 2:40?” Meine Antwort: “Ja, aber ich habe keine Ahnung, ob das morgen realistisch ist”.

Normalerweise gehören solche Aussagen zum guten Ton und sind Ausdruck des nötigen Respekts vor einem Rennen. Man weiß nicht, was kommt, wie gut der Körper “mitspielt”, wie die Strecke sich zeigen wird - und ja: Auch das Wetter spielt bei einem Laufwettbewerb immer eine nicht zu unterschätzende Rolle. Wenn man mehrere Stunden am Limit rennt und seine Herzfrequenz fast durchgehend im roten Bereich hält, dann macht es einen Unterschied, ob man das bei schattigen 10 oder bei 28 Grad in der prallen Sonne tut.

Und so habe ich also tatsächlich nichts als die Wahrheit gesprochen, als ich in der “Casa Piccola” bei Pasta und selbstgemachter Ingwer-Limo von einem völlig offenen Ausgang sprach, was die angestrebte Zielzeit anging.

Ebenfalls bemerkenswert war, dass ich mich - verglichen mit meinen letzten Marathon-Rennen (Hamburg und Berlin 2017) - äußerst entspannt fühlte. Ich freute mich auf die Stadt, freute mich auf die Strecke und war froh und dankbar, absolut gesund, fit und gut vorbereitet an den Start gehen zu können. Vielleicht übertrug sich auch die wirklich eindrucksvolle Wiener Gelassenheit und Freundlichkeit der Menschen, gepaart mit einer absolut unhektischen und überraschend kleinen Marathonmesse, auf meine seelische Konstitution.

Einzig ein relativ langer Anreiseweg mit der U-Bahn zum Start am Renntag, der meiner späten Hotelbuchung geschuldet war, trübte die gute Stimmung am Sonntagmorgen etwas. Im Startblock aber überkam mich bei Walzerklängen und klassischer Musik an der Startlinie die zuvor verspürte Lockerheit wieder. Nach 7 Stunden Schlaf und einem guten Frühstück fühlte ich mich fit. Die vielen netten Nachrichten, die mich die letzten Tage über verschiedene Kanäle erreichten, verstärkten die positive Grundstimmung ebenso wie das herrliche Wetter, das so mancher um mich herum Stehende mit einem charmanten “Jo des wead haaas heit” kommentierte.

Und dann ging es los: Bereits der erste Kilometer präsentiert, was einen auf den folgenden erwarten würde: Immer wieder kleine Anhöhen, größere und kleinere Brücken, viele Kurven und pure Sonne, verbunden mit einer herrlichen Kulisse der Wiener Architektur, die einen aus dem Zeitalter des digitalen Selftrackings und des hoch-technologischen, durchgestylten Schuhwerks zurückversetzt in ein vergangenes Jahrhundert, wo Laufen noch Gehen bedeutete und Fahren mit zwei Pferdestärken verbunden war.

Ich startete weit vorne und hatte damit von Anfang an keine Probleme mit Stau oder Enge und ein Vorteil der Brücke, die unmittelbar nach dem Start anstieg, verhinderte ein Überpacen zu Beginn.

Ich versuchte, wie immer, in den ersten fünf Kilometern ins Rennen zu finden, was mir gut gelang. Ich pendelte mich schnell in einen Schnitt um die 3’45/km ein, war mal etwas schneller und verringerte die Geschwindigkeit dann immer wieder ein wenig. Ich ging den Lauf diszipliniert an wie selten zuvor.

Und dann begann, was meine nicht besonders exklusive These bestätigen würde: Kein Marathon ist wie der andere und dieser würde werden wie die Strecke mit ihrem Profil selbst: eine Bunte Mischung aus Auf- und Ab.

Denn bei Kilometer 13, so früh wie noch nie davor, wurde mir bereits klar, dass das heute extrem schwierig werden würde. Die Beine schmerzten bereits deutlich und in der Tat hatte ich schon auf diesem ersten Drittel mit den rapide ansteigenden Temperaturen zu kämpfen.

Der Wien-Marathon bietet die Möglichkeit, auch die Halbmarathonmarke als Ziel zu wählen. Möchte man oder kann man nicht die volle Distanz laufen, bekommt man dann trotzdem eine Wertung und eine Medaille über die 21 Kilometer.

Ich möchte nicht behaupten, dass ich es ernsthaft in Erwägung zog, bei dieser Station auszusteigen, aber allein der Gedanke daran, dass es diese Option gab, machte mir zu diesem Zeitpunkt im Rennen doch etwas Sorge.

Ich versuchte, den Gedanken zu verdrängen und dachte stattdessen an meine Trainingseinheiten, bei denen ich in den letzten Wochen immer wieder feststellte, dass die ersten zehn Kilometer die schwierigsten waren und es dann immer besser wurde.

Und welche merkwürdigen Wege das Gehirn während eines solchen Laufs nimmt, zeigt auch eine weitere Überlegung: Ich dachte an die Flugbegleiterin im Flugzeug am Vortag, die darauf hinwies, man solle während der beiden kritischen Phasen des Starts und der Landung angeschnallt bleiben.

Genau das sind doch auch die beiden kritischen Phasen in einem solchen Rennen: Der Start und die letzten Kilometer. Bereits an dieser Stelle sei gesagt, dass dieses Bild perfekt auch auf dieses Rennen passen würde.

Denn etwa ab Kilometer 18 kam die Lockerheit zurück, der Schmerz lies nach, die Laune wurde wieder besser und es begann eine weitere entscheidende Phase dieses Wien-Marathons, die sogar einen Namen hatte: Katharina Zipser.

Die junge Österreicherin und ihre beiden Pacer waren zu diesem Zeitpunkt direkt hinter mir und ich merkte, sie liefen mein Tempo. Ich überlegt nicht lange und entschied, mich ihnen anzuschließen, einfach mitzulaufen und zu sehen, wie lange das gut gehen würde. Es sollte meine Rettung sein.

Es gelang mir tatsächlich, in der Gruppe zu bleiben und ich konnte von den Motivationsrufen des Pacemakers profitieren: “Denk dran: Gummiband! Bleib dran, schau auf meine Füße”. Irgendwann rief Katharina jemand zu: “Kati, Du bist 12. Frau. Weiter so!” Und so wusste ich, so schlecht, wie ich mich vor kurzem noch fühlte, würde ich sogar im Gesamtklassement gar nicht sein. Das hob die Stimmung.

Bei Kilometer 30 erreichten wir das Ernst-Happel-Stadion, ich nahm es aber kaum noch zur Kenntnis. Ich konzentrierte mich darauf, die Gruppe nicht abreißen zu lassen und das Tempo zu halten: Tunnel in Reinkultur. Direkt vor dem Stadion gab es einen Wendepunkt und jemand, der noch nie einen Marathon gelaufen ist, kann wahrscheinlich nur schwer nachvollziehen, wie kräftezehrend eine solche Wendemarke, ein Richtungswechsel um 180 Grad sein kann. Wenn Du über 30 Kilometer am Limit gelaufen bist, gibt es kaum Schlimmeres als eine scharfe Kurve. Vielleicht, weil es zu sehr an das Konzept des “Umkehrens” erinnert: Nichts möchten Körper und Geist in diesem Augenblick weniger, als daran zu denken, das Zurückliegende nochmals erleben zu müssen.

Direkt nach diesem Wendepunkt ging links ein Weg durch ein Sponsorentor von der Hauptstraße ab. Der Pacer machte Anstalten, diesen Weg zu laufen und abzubiegen, merkte gerade noch rechtzeitig, dass das nicht stimmen konnte, drehte sich um und rief “Wohin? Links oder geradeaus?” Es gab kurze Verwirrung in der Gruppe, wir fauchten die Streckenposten an: “Wohin geht es?” - “Geradeaus müssts laufen, einfach g´rodaus!” Und wir liefen weiter.

Sich bei einem Stadtmarathon mit mehr als 30.000 Starterinnen und Startern beinahe zu verlaufen: Es sollte ein weiteres Kuriosum dieses Laufs werden.

Weiter ging es durch den Pratergarten, eine lange monotone Strecke, die sich über mehrere Kilometer hinzog, in einem weiteren Wendepunkt mündete und den gleichen Weg wieder zurück führte. Immerhin bot dieses Teilstück durch ihren allee-artigen Charakter etwas Schatten und wir verließen es bei Kilometer 36.

Ich dachte an die Worte der Flugbegleiterin zurück: Nun würden wir in die kritische Landephase kommen: Die letzten Kilometer, bei denen ich bisher eigentlich immer wichtige Sekunden verloren hatte.

Es sollte auch dieses Mal so sein. Gelang es mir bisher, auch die harten Kilometer unter 4 Minuten abzuschließen, zeigte die Uhr an der 38er-Marke eine Zeit von 4 Minuten und 11 Sekunden an. Es ging wieder in die Sonne, die Kulisse wurde eindrucksvoll, die Menschenmassen immer größer und bei der 40 Kilometer-Marke empfing uns zum letzten Split feierliche klassische Musik - auch, wenn ich das kaum noch realisierte.

Ich erinnerte mich an das Streckenprofil und wusste: Es würde nochmal leicht ansteigen, Wien bleibt bis zum Ende fordernd und noch nie kam mir der letzte Kilometer so lange vor. Ich versuchte, sauber zu laufen, aufrecht, ökonomisch. Irgendwann kam das Schild: “noch 500 Meter”. Wie lang kann das denn noch sein?

Die letzte Kurve, die Stadt in ihrer ganzen Pracht zur Rechten und zur Linken, jubelnde Menschen und: der blaue Teppich, das Zieltor. Die letzten 200 Meter konnte ich dann doch wieder genießen, den weichen Boden unter den Füßen, das winzig wirkende Zieltor vor mir. Ich war durch: nach 2:46:18. Ich bin am Ende - wie so oft - langsamer geworden, aber ich bin nicht eingebrochen.

Ich ergriff die erste Wasserflasche, die mir in dem Moment wichtiger war als jede Medaille, die ich erst danach in Empfang nahm und überlegte kurz, ob ich die Frage eines Sanitäters, ob alles in Ordnung sei, nicht einfach mit “Nein” beantworten und mich hinlegen und mit irgendeiner Zuckerlösung vollpumpen lassen sollte, entschied mich aber dann doch für “Alles gut. Danke. Ich brauche nur Wasser!”

Direkt nach dem Ziel musste man durch eine enge Straße und traf auf Menschenmassen, denn dort trafen sich auch die Halbmarathonis. Hier ist mein vielleicht einziger Kritikpunkt am Wien-Marathon: Man bekommt eine Plastiktüte mit einem Apfel, einer Banane, einem (leider nicht veganen) Müsliriegel und süßem Eistee in die Hand gedrückt und muss sich erst einmal 10 Minuten durch eine Masse quälen, bevor man irgendwo eine Sitzmöglichkeit findet. Hier gibt es Verbesserungsmöglichkeiten.

Der Vienna City Marathon, wie er offiziell heißt, bestätigt wieder einmal auf so eindrucksvolle Weise, was längst bekannt und doch immer wieder so faszinierend ist: Jeder, wirklich jeder Marathon ist anders.

Dieser nun hat wirklich wieder einiges aufgeboten, nicht zuletzt ein Wetter, das zu dieser Zeit niemand außerhalb der Elite trainieren konnte. Als ich wenige Stunden nach meinem Zieleinlauf geschrieben hatte, ich sei zufrieden mit meiner Zeit aber nicht glücklich, antwortete jemand: “Das ist Jammern auf hohem Niveau”.

Damit hat er vermutlich recht. Aber es stimmte trotzdem und auch dies war eine für mich neue Erfahrung: Ich war nicht enttäuscht und ich war nicht völlig euphorisch. Ich war wirklich einfach zufrieden. Zufrieden mit dem Wochenende, zufrieden mit der Leistung und froh, gut durchgekommen zu sein. Nicht mehr, aber das ist eigentlich mehr als genug.

Hier könnt Ihr mir auf Strava folgen.

Und gehts zu meinem Instagram-Account.

, , , , ,

2 thoughts on “Wiener Charme und Unbarmherzigkeit – Der Vienna City Marathon 2018

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.