LilaBlog

DIe Welt extrem subjektiv betrachtet

#GER, wir dürfen uns jetzt freuen.

Fahne2

Deutschland ist Weltmeister. Im Fußball. Das ist großartig und nach 24 Jahren ein Gefühl, das man schon lange nicht mehr hatte (viele hatten es noch nie). Vor 24 Jahren war ich noch klein und relativ unsportlich, hatte mich für kaum etwas weniger interessiert als für Politik und trotzdem weiß ich noch ganz genau, dass ich vor Freude geheult habe wie ein kleines Kind – naja, ich war ein kleines Kind - und ich habe die halbe Nacht mit Freunden und meinen Eltern auf dem Münchner Rotkreuzplatz gefeiert. Wenn ich mich richtig erinnere, habe ich mich damals zwar einigermaßen für Fußball interessiert, aber ich war weit davon entfernt, mich wirklich auszukennen. Mein Wissen hatte ich damals noch mehr so aus den Panini-Sammelalben. Ich habe mich also nicht deshalb so gefreut, weil die Deutsche Mannschaft ein taktisch besonders anspruchsvolles Spiel gespielt hätte, oder technisch überlegen war. Ich habe mich auch nicht gefreut, weil ich eine politische Message verbreiten wollte, sondern weil ich einfach wusste, hier passiert etwas ganz Besonderes – und ich fand es  großartig, dass Tausende von Menschen mitten in der Nacht auf die Straße liefen, um dieses Besondere zu feiern. Was es damals noch nicht gab war Twitter und deshalb gab es auch keinen, der mich schräg angemacht hätte wegen meiner Freude. Ich glaube, wenn mich damals jemand bei der Schulter genommen und mir gesagt hätte, ob ich das denn nicht ein bisschen unangemessen fände, hier mit schwarz-rot-goldenem Deutschland-Trikot aufzutauchen und den Erfolg, die Mannschaft oder was auch immer zu feiern, ich hätte mich weggedreht und mir gedacht, dass sind wohl diese Typen, vor denen einen die Eltern immer warnten. Vermutlich interessiert es kaum jemanden, wie ich das Finale 1990 erlebt habe. Aber ich musste da einfach wieder daran zurückdenken, als ich gestern Abend nach dem Abpfiff meine Timeline durchgesehen habe. Klar, man weiß inzwischen, was einen erwartet: Sprüche, (meist eher schwache) Witze, Empathie und Hysterie. Als Text, Foto oder Clip. Mit Filter oder auch gern mal ohne. Und dann gibt es noch die Beiträge, die ich in die Kategorie „Gegen-Emo“ stecken würde, Beiträge, die sich in die Menge mischen und genau die gegenteilige Emotion ausdrücken. Ich merke es ja manchmal selbst, dass es durchaus Spaß macht, bei einem Hype so eine kleinen Gegenrede-Tweet abzulassen. Einfach um zu zeigen, dass es auch eine andere Meinung gibt, und dass ich zufällig zu denen gehöre, die diese Gegen-Ansicht vertreten. Das macht Spaß und davon lebt eine Diskussion. Ich kann sogar verstehen, dass man extrem genervt davon ist, dass es neben Schwarz-Rot-Gold einfach gar kein Thema mehr zu geben scheint, wenn man mal zusammenfasst, was einem in den letzten Tagen medial begegnet. Besonders deutlich wurde die Shizophrenie der öffentlichen Wahrnehmung , wenn man sich die Nachrichten in einer Halbzeitpause angesehen hat. Auf der einen Seite das 7:1 unserer Nationalmannschaft gegen Brasilien, ein reales Fußballmärchen. Auf der anderen Seite ein Kinderkrankenhaus im Nahen Osten, wo kleine Jungen und Mädchen mit verstümmelten Gliedmaßen und Tränen in den Augen auf provisorischen Stationen liegen und nicht wissen, ob sie ihre Familien je wieder sehen werden. So absurd, so grausam ist die Welt. Und es ist eine Kunst, daran nicht doch zu verzweifeln. Und ich verstehe Menschen, die sagen, dass es nicht richtig sei, die Berichterstattung über das Leid derjenigen, die ganz andere Sorgen haben, als die Frage, ob Lahm hinten oder im Mittelfeld spielen soll, irgendwo zwischen Jubelbilder von der Fanmeile oder einer Liveschalte vor das Stadion in Rio zu packen. Auch ich finde das falsch. Und ob mir das nun jemand glaubt oder nicht, ich habe oft an die Menschen denken müssen, die sich und ihre Angehörigen vor den Raketen und Bomben in Schutz bringen müssen und an die Eltern, die jede Minute damit rechnen müssen, ihre Kinder zu verlieren. Oder an junge Frauen in Indien, an sie und ihre Familien. Man kann es also durchaus kritisieren, wenn sich die ganze Welt nur noch um dieses eine schwarz-rot-goldene Thema dreht, und die wirklich wichtigen Dinge dabei vernachlässigt oder vergessen werden. Und dennoch: Vieles kann ich nicht nachvollziehen.  Ich kann nicht nachvollziehen, dass man den Menschen, die sich Fahnen ans Auto oder ans Fenster hängen, die sich versammeln um ihre – um unsere – Mannschaft anzufeuern, einen unverhältnismäßig ausgeprägten Nationalstolz vorwirft, sie sogar in die Ecke des Nationalismus stellt. Ich kann es nicht verstehen, dass man den Menschen abspricht, sich mit dem Erfolg ihrer sportlichen (nicht politischen) Stellvertreter zu identifizieren, sie friedlich zu feiern. Wobei es vielleicht falsch formuliert ist: Eigentlich kann ich es nachvollziehen, es aber nicht gutheißen. Ich glaube nämlich, ich weiß, was hier passiert: Es ist ein Bubble-Problem, das dann entsteht, wenn man versucht, alles und jedenmmit ein politisches Motiv zu zu unterstellen oder zumindest alles als ein solches zu interpretieren. Das Problem ist aber, dass es vermutlich gar nicht stimmt, dass sich 200.000 Menschen vor dem Brandenburger Tor versammeln, weil sie der Meinung sind, dass Deutschland das beste aller Länder sei. Und vermutlich ist es auch gar nicht so, dass sie glauben, ein Türke dürfe die deutsche Fahne nicht tragen, und nicht jubeln, wenn „wir“ ein Tor erzielen, weil er ja nicht zu diesem „wir“ gehöre. Wahrscheinlich ist es gar nicht so, dass man unter sich sein möchte auf der Fanmeile, sondern sich eher darüber freut, wenn man Menschen sieht, die neben der Deutschland-Fahne auch eine Brasilien, eine Italien oder eine Portugal-Fahne dabei haben.  Wahrscheinlich hat niemand gefragt, woher man eigentlich ursprünglich komme, und ob man auch wirklich das Recht habe, für Deutschland zu jubeln, als man sich in der Finalnacht in die Arme gefallen ist. Vielleicht bin ich naiv, aber ich glaube einfach nicht, dass es hier um die Nation als solche geht, sondern vielmehr um eine gemeinsame Sache, um ein zusammenschweißendes Erlebnis, eine geteilte Euphorie, darum, ein Teil von etwas zu sein, dass die ganze Welt interessiert und das dabei nicht negativ, sondern positiv konnotiert ist. In einer Zeit der Unsicherheit, in der keiner weiß, wem man denn noch wirklich über den Weg trauen soll, wo sich Paradigmen zu verschieben drohen und eine allgemeine Aufgeregtheit in nahezu allen gesellschaftlichen Debatten vorherrscht, ist es doch nur allzu verständlich, dass man sich endlich wieder einer gefühlt Großen Sache annehmen kann, von der man glaubt, zu wissen, um was es ginge. Ich glaube nicht, dass es hier um Ausgrenzung geht – im Gegenteil: Es geht um das Miteinander und vielleicht verbirgt sich hinter der Euphorie um ein gewonnenes Spiel auch ein bisschen Sehnsucht nach den klaren Verhältnissen und Sicherheiten, die viele im Moment immer mehr zu verlieren glauben.  Im Fußball gewinnst Du oder Du verlierst. So einfach ist es. Und vielleicht ist es ja doch gar nicht so schlecht, sich die Fanmeilen in Berlin, Hamburg, Köln oder München auch mit einer politischen Brille anzusehen. Erstere übrigens ganz besonders: Denn wenn man guten Willens ist, und warum sollte man das nicht sein, dann wird man sich fragen müssen, ob es etwas politisch Großartigeres gibt, als die Tatsache, dass in Berlin vor dem Brandenburger Tor exakt 25 Jahre nach dem Mauerfall eine viertel Million Menschen aus ganz Deutschland, aus ganz Europa, aus der ganzen Welt, einen Weltmeistertitel feiern, gemeinsam tanzen und singen. Vielleicht hat es sein Gutes, dass eine Christus-Statue in Brasilien in unseren Farben erstrahlen kann, ohne, dass jemand ein schlechtes Gefühl dabei hat. Weil Deutschland längst kein gefürchtetes oder unsympathisches Land mehr ist, sondern ein Land, das eine Mannschaft anfeuert, die bunt ist, wie eine Gesellschaft heute sein sollte und die sich eben nicht durch Aggression und Kampf, sondern durch Zusammenhalt und Solidarität ausgezeichnet hat.

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