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DIe Welt extrem subjektiv betrachtet

Wenn der Hammer trifft… Hamburg Marathon 2016

img_1325.jpgSonntag, 17. April 2016, ca. 11.40 Uhr. Mit Schmerzen in den Beinen wechsle ich zwischen Gehen und Traben am Straßenrand im Zentrum von Hamburg. Eine Frau bietet mir Traubenzucker an. Einige rufen meinen Namen. Ich beiße die Zähne zusammen, beginne wieder zu laufen – wenn man das so nennen kann. Immer wieder der Blick auf die Uhr. Die Zeit vergeht, die Kilometer nicht. In allen Szenarien, die ich in den letzten Wochen für diesen Tag durchgespielt habe, müsste ich jetzt bereits an den Messehallen, kurz vor der Zielgeraden sein. Laufend. Erschöpft, aber gut in Bewegung.

In Wirklichkeit ist es kurz nach 12 Uhr als ich mehr humpelnd als laufend durch das Ziel laufe. Auf die Zeitanzeige achte ich nicht mehr, meine GPS-Uhr hat mir bereits angekündigt, dass die 3-Stunden Marke gerissen wurde.

Als ich ans Finisher-Buffet trotte, erreicht mich dann auch der SMS-Service des Veranstalters: „Ludwig, Herzliche Gratulation zur Leistung! Laufzeit: 3:04:16“. Ich weiß nicht, ob eine automatisch erzeugte Nachricht Ironie kennt. Ich glaubte es beinahe.

Der Hamburg Marathon 2016 hatte es in sich. Gehörig.

img_1335.jpg3 1/2 Monate Vorbereitung, die ohne jegliche Zwischenfälle verlief. Keine Verletzung, keine Krankheit und die meisten Einheiten haben trotz der Wintersaison Spaß gemacht (außer die kalten Abendrunden bei eisigem Wind und teilweise Schnee). Bei einem der langen Läufe musste ich mich nach 40 Kilometern selbst stoppen, weil man vor einem Marathon keinen Marathon laufen sollte – ich hätte noch ewig weiterlaufen können. Die Zeit in dieser einzelnen Einheit war besser als die Zeit am Sonntag in Hamburg. Deutlich.

2:46:37, meine persönliche Bestzeit, aufgestellt in Berlin im vergangenen Jahr, wollte ich eigentlich unterbieten in der Hansestadt und kurz vorher habe ich mich dann sogar entschlossen, schon jetzt, im April, an die 2:45:00 ranzugehen. Warum denn auch nicht? Alles ist möglich!

Und dementsprechend startete ich – im Hinterkopf, dass auch Hamburg zu den eher schnelleren Strecken gehören soll. Plan: Nicht zu schnell loslegen, innerhalb der ersten 5-8 Kilometer ins Rennen finden, Zielpace 3’54, angestrebte Halbmarathon Zeit: 1:22:20, negativer Split auf der Gesamtstrecke.

Und dann läuft es auch ordentlich dahin – „run the blue line“ heißt es hier und so laufe ich sie auch, die blaue Linie und überprüfe Kilometer für Kilometer meine Zwischenzeiten: 3:59, 3:37, 3:53, 3:52, 3:46, 3:40, 3:56, 3:50… etwas schwankend, etwas zu schnell, aber noch gut steuerbar. Die Strecke wartet schon mit dem einen oder anderen leichten Anstieg auf. Vorboten.

Schließlich kommt die Halbmarathon-Marke: 1:21:22. Eine Minute zu schnell, aber auch das nicht dramatisch.

Etwa bei Kilometer 25 merke ich, ich werde das Tempo nicht mehr steigern können: Der Negativsplit wird nicht klappen. Die Beine machen sich bemerkbar, aber noch fühlt sich alles gut an. Das Tempo zu halten, müsste funktionieren.

Sicherheitshalber nehme ich einen Becher mit ISO-Drink an der nächsten Verpflegungsstelle. Und weiter geht es.

Immer wieder gibt es leichte Anstiege, nicht stark, aber langgezogen – und ich merke, wie gerade diese Passagen an den Kräften zehren. Den Wind hatte ich erwartet – auch er war da – aber diese tückischen Passagen hatte ich nicht auf der Agenda.

Die 30er Marke ist in Sicht, die Oberschenkel machen sich bemerkbar, sie schmerzen, aber sie verkrampfen noch nicht. Noch 12 Kilometer, die ich jetzt, durch das schmale Polster in der ersten Hälfte, nur noch knapp unter 4 Minuten laufen müsste. Das muss doch durchzuhalten sein.

Bei der nächsten Verpflegungsstelle nehme ich Gel zu mir – damit bin ich in Berlin die letzten zwei Jahre immer gut durchgekommen auf der letzten Etappe.

Dann aber passiert es: Etwa bei Kilometer 32 schmerzen die Beine – noch immer kein klassischer Krampf, aber eine Ankündigung dessen. Die Oberschenkel brennen, jeder Schritt eine Qual. Ich werde langsamer, versuche, die Muskeln beim Auftreten weniger zu belasten. Und schließlich mache ich, was ich bisher noch nie gemacht habe: Ich schalte um vom Laufen ins Gehen. Nur ein paar Sekunden, denke ich.

Dann laufe ich wieder – und merke, es geht nicht mehr. Und ich gehe wieder einige Meter.
Ich gehe am Streckenrand, spähe hinüber zum Füßgängerweg. Wenn ich diese Schwelle übertrete, den Randstein überquere, ist das Rennen vorbei. Ich schaue auf meine Uhr: Noch knappe 10 Kilometer.

Ich fasse einen Entschluss: Egal wie, egal wann, aber über die Ziellinie läufst Du! Der Gehweg ist für Spaziergänger, vielleicht auch noch für Jogger: Aber Du bist ein Läufer. Ein Läufer gehört auf die Strecke. Bis zum bitteren Ende!

Also beginne ich wieder zu laufen. Immer wieder rufen die Menschen meinen Namen. Und immer wieder muss ich kleinere Pausen einlegen. Die Uhr zeigt an: Noch ist eine Zeit unter 3 Stunden möglich. Nur noch 5 Kilometer und ich denke mir: Das laufe ich im Training doch zum Warmwerden.

Bei Kilometer 40 greife ich bei der letzten Verpflegungsstelle zu Cola und laufe wieder. Langsam. Gequält, aber ich laufe. Und ich bleibe nicht mehr stehen, nicht bevor ich über diesen verdammten roten Teppich und die weiße Linie vor den Messehallen gelaufen bin.

Es gelingt mir. Auch, wenn ich die letzten Meter einen letzten Krampf im linken Bein spüre und mehr ins Ziel humple als dass ich laufe.

Stolz bin ich nicht, erleichtert allemal. Und zufrieden damit, nicht aufgegeben zu haben.

Und natürlich denke ich sehr bald über die Gründe nach für den Einbruch. War das Tapering nicht konsequent genug, hätte man sich die Strecke im Vorfeld besser einteilen müssen, das Streckenprofil besser studieren?

Aber vielleicht gibt es die eine gültige Antwort auch gar nicht.

Vielleicht ist genau das das Geheimnis für die Faszination Marathon. Man kann ihn nicht berechnen, man kann ihn nicht voraussehen.

Der Marathon ist und bleibt die Königsdisziplin des Laufsports. Er fordert einem alles ab – jedes Mal aufs Neue. Manchmal besteht man die Aufgabe, manchmal nicht – beim Marathon weißt Du es nie.

img_1326.jpgEs gibt viele Menschen, die genau das nicht verstehen können. Warum tut man sich das an? Warum quält man sich so? Warum nimmt man es wie selbstverständlich in Kauf, dass man tagelang kaum Treppen nach unten gehen kann, ohne leise aufzustöhnen und das Gesicht zu verziehen?

Man kann es vielleicht gar nicht erklären.  Man muss es an der Startlinie fühlen – oder eben nicht.

So manche sehen in der Jagd nach seiner Bestzeit eine Manie, eine Bessesenheit. Ich glaube nicht, dass es das trifft.

Es ist eher diese Magie, die von einem Marathon ausgeht, das Abenteuer, in das man sich beim Übertreten der Startlinie begibt. Man möchte dem König Marathon beweisen, dass man seiner würdig ist, dass man seine Prüfungen bestehen kann, seine Forderung, sich selbst zu übertreffen.

img_1335.jpgNatürlich ist das verrückt. Von außen betrachtet. Von der Strecke aus betrachtet ist es eine Art der Erfüllung, die einen bis zur Leistungsgrenze treibt.

Man kämpft nicht gegen andere, sondern gegen sich und seine vermeintlichen Grenzen. Die Pulverisierung der eigenen Bestzeit ist wie eine Goldmedaille, auf der eingraviert steht: „Alles ist möglich!“.

Beim Verlassen des Messegeländes in Hamburg geht man nach links richtung S-Bahnstation die Hauptstraße entlang. Rechts sieht man noch die inzwischen leeren Startblöcke, in der Ferne die Start- und Ziellinie.

Ich drehe mich kurz um und rufe in Gedanken dort hinüber: „Das war es noch nicht. Ich komme wieder!“

 

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2 thoughts on “Wenn der Hammer trifft… Hamburg Marathon 2016

  • Lars sagt:

    Hey Ludwig,
    stark, dass du so durchgezogen hast. Ich fühle mich voll in deine Text reinversetzt, so lief es in etwa für mich bei meinem letzten auch. Nur, dass aus meinem Blickwinkel deine Pace jenseits von gut und böse ist 😉 ? Nächstes Mal gibt’s dann die 2:45h.
    Bist du im September wieder in Berlin am Start?
    Grüße aus Berlin

    • LudwigR sagt:

      Hi Lars, vielen Dank!
      Im September starte ich wieder in Berlin. Darauf liegt jetzt auch der Jahresfokus: Heimspiel 😉

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