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DIe Welt extrem subjektiv betrachtet

„Wetten dass…?“ – Es ist Zeit zu gehen

Es gibt so Dinge, an die erinnert man sich einfach gerne. Spannende Fußballspiele zum Beispiel. Rom 1990. Oder legendäre Parties, Klassenfahrten, die Begegnung mit interessanten Menschen, tolle Filme, Lieblingsserien, "Alf", "Knight Rider", "Wetten, dass…?" Achja: „Wetten, dass…?“ – das gibt es noch. Noch immer. Man muss sich fast fragen: Gab es „Wetten, dass…?“ überhaupt schon mal nicht? Und wenn, wie war eine Fernsehwelt ohne „die größte Samstagabendshow Europas“? Ich persönlich weiß es nicht. „Wetten, dass…?“ war irgendwie immer Pflicht. Als Kind, als Jugendlicher, als Student, als junger Erwachsener. Man konnte sich drauf verlassen. Man wusste, wenn es wieder soweit war: Heute Abend sitzt die Familie gemeinsam vor dem Fernseher und genießt gepflegte Samstagabend-Unterhaltung: ein bisschen spießig, ein bisschen zu stark Mainstream-orientiert (in jeder zweiten Sendung waren Joe Cocker oder Peter Maffay dabei) und auch ein bisschen albern und sinnentleert. Aber immerhin: Die große Welt des Entertainments schaute mal kurz im Wohnzimmer vorbei – unvergessen zum Beispiel der phänomenale Auftritt von Michael Jackson 1995 in Duisburg - und am Ende hat man immer irgendwie gehofft, dass mal wieder hoffnungslos überzogen wird. Und bei aller vermeintlichen Belanglosigkeit, gab es immer wieder auch nachdenkliche Augenblicke auf der Couch, Momente, in denen die Gespräche trotz Simultanübersetzung eine gewisse Tiefe bekamen, die der Atmosphäre der großen Samstagabendunterhaltung in keiner Weise widersprachen. Und auch wenn ich dafür jetzt wahrscheinlich hochgezogene Augenbrauen-Emoticons ernten werde: In der Kombi Gottschalk-Hunziker hatte die Show einen Charme, den man im Pöbel-TV a la Bohlen und Detlev D. Soost heute nur noch sehr selten erlebt im deutschen Unterhaltungsfernsehen. Inzwischen ist das alles ein bisschen anders. Gottschalk und Hunziker sind jetzt bei RTL (das wäre einen eigenen Blogpost wert), statt einer charmanten CO-Moderation gibt es jetzt eine prollige Nervensäge in rosa Trainingsanzug, die stolz darauf ist, alles andere als elegant zu sein. Und sollte die einmal ausfallen, wird sie von einem prolligen Fokuhila-Comedian vertreten. Und wenn überhaupt noch Weltstars kommen, dann fühlen sie sich so schlecht aufgehoben, dass sie sich am nächsten Tag öffentlich darüber beklagen, was für ein mieses Programm da eigentlich geboten wird. Was ist passiert? Ganz verstanden habe ich es nicht. Wahrscheinlich wollte man mit dem neuen Gastgeber Markus Lanz alles anders machen, das war ja auch angekündigt. Verändert hat man dann ja auch einiges: Es gibt nun zum Beispiel überhaupt kein ernsthaftes Gespräch mehr, weil Lanz mit seinen Gästen ein Smalltalk-Hopping pflegt, dass einen sinnvollen Dialog gar nicht möglich macht. Früher hat man sich zwei Stunden auf seinen Lieblingsgast gefreut und wenn er dann endlich da war, dann hat sich für ein paar Minuten die ganze Sendung nur auf diesen Gast konzentriert. Die großen 10 Minuten des Abends! Nun ist es leider so, dass die Gäste am Anfang der Sendung am Fließband von ihren Wettpartnern hereingezogen werden und dann 3 Stunden auf der Couch versauern, zwischendurch mal ein belegtes Brötchen essen oder 15 Sekunden in zwei Halbsätzen über irgendwelche Belanglosigkeiten sprechen dürfen. Auf das Gesagte wird ohnehin nicht eingegangen. Und dann werden sie auch noch Teil der Wetten und müssen sich die Fingernägel lackieren lassen. Ich frage mich, welcher echte Weltstar so etwas wirklich noch mitmacht? Es gibt noch viel, was man über das neue „Wetten, dass…?“ so alles sagen könnte. Doofe Witze, Sackhüpfen, die völlige Abwesenheit von Originalität und Abwechslung bei der Auswahl der Gäste oder die langweilige spontanwitzlose und extrem aufgesetzte Moderation des Hoffnungsträgers Lanz. Aber ich befürchte, „Wetten, dass…?“ ist nun so sehr Mainstream, so gewöhnlich und so austauschbar geworden, dass sich eine ernsthafte Analyse schon bald nicht mehr lohnen wird. Mein Lösungsvorschlag: Im Dezember gibt es die große „Wetten, dass…?“-Abschiedssendung. Gerne fünf Stunden live aus Berlin, mit allem was dazu gehört.  Dann wird die „größte Samstagabendshow Europas“ in guter Erinnerung bleiben. „Wetten, dass…?“ – es ist Zeit, zu gehen.

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