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DIe Welt extrem subjektiv betrachtet

Soweit die Beine tragen – Der Wings for Life Word Run 2018

Am Tag nach dem Wien-Marathon blickte ich in meinen Kalender und stellte fest: In weniger als 2 Wochen würde ich bereits wieder an der Startlinie stehen und es würde wieder ein langer Wettbewerb werden: Der Wings for Life World Run 2018 stand auf dem Programm und ich hatte mich für München angemeldet. Die Lust hielt sich in Grenzen, der Marathon war anstrengend und ich würde mich nicht auf den Lauf vorbereiten können.

Mit den Tagen aber wuchs die Vorfreude dann doch und nachdem die ersten Trainingseinheiten nach drei komplett lauffreien Tagen schmerzfrei und locker liefen, bekam ich wieder richtig Lust darauf, dieses für mich ganz neue "Wettbewerbs-Format" auszuprobieren.

Für diejenigen, die den World Run noch nicht kennen: Man startet gemeinsam und zeitgleich mit vielen Läuferinnen und Läufern weltweit und wird von einem Auto, dem Catcher Car, so lange verfolgt, bis es einen eingeholt hat. Dann ist der Lauf zu Ende. Man muss also einfach versuchen, so weit zu kommen, wie möglich. Das Auto erhöht seine Geschwindigkeit dabei stetig, bis es schließlich 35 km/h erreicht. Irgendwann erwischt es alle: Es sollte nur möglichst spät sein. Die Einnahmen des Wettbewerbs gehen dabei an die Rückenmarksforschung zur Heilung für Querschnittslähmung .

Wie immer hatte ich ein mehrstufiges Ziel. Stufe 1: Ich wollte den Marathon schaffen. Stufe 2: Ich wollte mehr als 45 km laufen, meinen zweiten Ultra. Stufe 3: Ich wollte die 50er-Marke knacken, den weitesten Lauf, den ich je gelaufen sein würde.

Und so standen wir am Sonntagmittag im Münchner Olympiapark auf dem Coubertinplatz an der Startlinie. Kein einziges Wölkchen weit und breit am Himmel und so sehr das meine Stimmung zusätzlich hob, musste ich doch auch ein wenig an die Wiener Hitzeschlacht vor 14 Tagen denken.

Um Punkt 13 Uhr würde es losgehen und da der Start ja weltweit stattfinden würde, konnte man sich auf Pünktlichkeit verlassen. Als dann unangekündigt plötzlich die Böllerschützen loslegten (das war das Startschuss in München), begann der Lauf mit einem kurzen Schreck. In diesen Zeiten ist ein lauter unangekündigter Knall vielleicht nicht das glücklichste Startsignal bei einer Veranstaltung mit 10.000 Teilnehmern. Aber das nur am Rande.

Wir liefen los, ich hatte meine Zielpace fest im Blick und lief doch wieder einmal ein bisschen schneller als ich sollte. Nach etwa zwei Kilometern kündigte sich an, was auch den Rest des Laufs ausmachen sollte: Ein außergewöhnlich freundliches und herzliches Miteinander. Ein Läufer kam neben mich und sprach mich an: "Bist Du der einzige Mauerwegläufer hier?" (Ich trug mein Vereinstrikot der LG Mauerweg Berlin). Ich antwortete, dass wir hier zu viert nach München angereist seien und wir unterhielten uns einige Minuten. Das Tempo blieb etwas schneller als geplant.

Nach und nach näherten wir uns der Stadtgrenze und irgendwann, nach etwa 10 Kilometern, wurde es ländlich: Es ging ins Münchner Umland, ab jetzt würde es keinen Schatten mehr, aber eine schöne Landschaft geben.

Ich fühlte mich gut, es kam Kilometer 15 und ich hörte aufmerksam in mich hinein. Vor zwei Wochen in Wien ging es mir zu dieser Zeit das erste Mal richtig schlecht und ich hatte dort meinen Tiefpunkt. Heute lief es locker, ich lächelte immer wieder die Menschen am Streckenrand an und war im Flow. Das Tempo blieb weiterhin etwas schneller als geplant, aber absolut konstant.

Bei Kilometer 17 etwa liefen wir durch eine kleine Ortschaft. Ein Gruppe von Menschen, die in einer Einfahrt standen riefen: "Ludwig, weiter so!" Vor mir drehte sich plötzlich ein Läufer um, blickte auf meine Startnummer, lächelte und es folgte folgender Dialog: "Heißt Du auch Ludwig?" - "Ja, Du auch?" - "Ja! Servus!" - "Servus", worauf wir einschlugen und die nächsten 10 Kilometer zusammenliefen. Wir unterhielten uns etwas über den einen oder anderen Lauf und tauschten Erfahrungen aus (der eine Ludwig ist Straßenläufer, mag Asphalt und flache Strecken. Der andere Ludwig ist Trailläufer, mag keine Straßenläufe und ohne Anstiege geht bei ihm gar nichts). Ich erzählte ihm, dass meine Kinder in Berlin geblieben seien und ich mit ein paar Freunden hier sei. "Kinder? Mehrzahl?" - "Ja, drei!" - "Wahnsinn, wie alt bist Du denn? Ich hätte Dich auf 30 geschätzt." - "Ich schenke Dir hiermit einen extra Kilometer direkt aus meinem Herzen". Wir lachten laut.

Wir hatten Spaß und es sind Begegnungen wie diese, die nur bei einem Lauf wie diesem möglich sind.

Bei Kilometer 26 nahm Ludwig 2 das Tempo raus, wünschte mir Glück und Erfolg für den weiteren Weg. Ich versuchte, mir seine Nummer zu merken und ... habe sie leider vergessen. Ich hoffe, ich finde noch heraus, wie weit mein netter Gesprächspartner gekommen ist.

Bereits zuvor stand ein alter Freund an der Strecke, der mit plötzlich zugejubelt hat. Ich lief zu ihm an den Streckenrand, schlug ein. Auch dies eine Begegnung, mit der ich nicht gerechnet hatte.

Es lief unglaublich gut und ich war immer noch konstant  (zu) schnell. Es ging weiter zwischen offene Felder hindurch und mir war klar: Mit Schatten würde in der Tat nicht mehr zu rechnen sein.

Nach 30 Kilometern rechnete ich mir aus: Nur noch weniger als ein Halbmarathon bis zur 50er-Marke. Allerdings war mir bewusst, dass jetzt das Rennen eigentlich erst beginnen würde. Es wurde hügeliger und nach der 30er-Marke gelangt man in fast jedem Rennen in das nächste Level, einen großen Schritt Richtung Endgegner...

Bisher hatte ich bei jeder Verpflegungsstation seit Kilometer 10 Wasser zu mir genommen und bei Kilometer 25 auch den ersten Iso-Drink. Ich fühlte mich weiterhin fit und nahm mir vor, auch weiterhin konsequent zu trinken.

Bei Kilometer 35 wurde es das erste mal hart. Die Anstiege machten mir zu schaffen, die Beine wurden schwerer, ich nahm Tempo heraus. Ich rechnete mir aus, dass ich ein gutes Polster aus der ersten Hälfte hatte und die 50k-Marke weiter im Blick bleiben sollte.

Aber die Kräfte schwanden und ich zweifelte daran, das Tempo noch eine weitere gute Stunde wirklich konstant hoch halten zu können. Ich entschloss mich zu etwas, das ich bei einem Marathon bis zum bitteren Ende vermeiden würde, das bei einem Ultra, den ich ja anstrebte, aber zur Renntaktik gehört: Nach der 37k-Marke legte ich eine von insgesamt zwei Gehpausen ein. Ich ging flott, merkte, wie die Beine sich sofort entspannten, der Körper wieder locker wurde. Nach 300 Metern fing ich wieder an zu traben und fühlte mich deutlich besser. Beim nächsten Versorgungspunkt nahm ich einen Becher Wasser und einen Becher Red-Bull und trank beides aus. Und trabte weiter.

Es ging wieder besser. Auf einer Bank an einer Scheunenwand saß eine ältere Dame, ein Mann, der vor Ihr am Streckenrand stand, reichte mir einen Becher mit Wasser, den ich dankend annahm. Die Dame auf der Bank rief: "A Weißbier hätt ma auch!" Ich lachte: "Danke, aber das lieber erst nach dem Rennen!" Darauf wieder die Frau: "Wennst nimma konnst, setzt Dich einfach her, dann trink ma a Weißbier". Ich rief ein nochmaliges herzliches "Dankeschön" zurück und fühlte mich noch ein Stückchen besser. Die Szene ist typisch für diesen Lauf, der irgendwo zwischen weltweit perfekt organisiertem Groß-Event und familiärem Insider-Rennen changiert, bei dem alle irgendwie zusammenhelfen.

Ich nahm mich weiter zusammen und nahm mir vor, den Marathon sicher "nach Hause" zu bekommen - und zwar so, dass ich noch genug Luft hatte, um so viele Kilometer wie möglich darüber hinaus zu sammeln, bevor mich das Auto einholen würde.

Das Terrain blieb hügelig und ich mobilisierte nochmal die übrig geblieben Kräfte. Nach einer weiteren Abzweigung ging es auf eine lange hügelige Landstraße und in etwa 500 Metern Entfernung konnte man das nächste Schild erkennen, das übernächste nur ganz knapp dahinter. Es waren die Marken 42 und die 42,195. Der Marathon war sicher und ich legte nochmal an Tempo zu. An der magischen Marke wartete eine Frau im Dirndl, die eine große Kuhglocke schwang, dazu ein Fotograf, der bereit war für das Marathon-Finisher-Foto. Ich hob beide Arme und lächelte. Ich musste das in keiner Weise spielen, denn ich war zufrieden. Das Minimalziel war erreicht. Nicht knapp, sondern sicher und mit gutem Vorsprung vor dem Catcher Car.

Das ich die 50er-Marke noch erreichen würde, war rechnerisch möglich, körperlich nicht, das war mir klar. Ich absolvierte den Marathon in 3:01 und müsste flott weiterlaufen. Dazu würde die Kraft nicht mehr ganz reichen. Ich machte nochmal eine kurze Gehpause, sozusagen, als Mini-Belohnung für die wichtige Etappe und dachte: Ab jetzt ist es Ultra. Ich lief locker weiter und hörte ein leises entferntes Hupen. Das musste es sein, das Auto. Ich lief weiter und passierte das 43er-Schild, drehte mich um: Noch war nichts zu sehen. In der Ferne erkannte ich bereits die 44 Kilometer - Marke. Jetzt war das Ziel klar: Die 45 wollte ich noch voll machen.

Schließlich überholte mich ein Polizei-Motorrad: "Das Catcher Car ist 500 Meter hinter Dir". Wieder hörte ich das Hupen und drehte ich um. Zu sehen war es immerhin noch immer nicht. Ich passierte die 44k - Marke. Einen Kilometer noch. Das müsste drin sein. Es ging wieder leicht bergab und ich legte nochmal Tempo zu. Zwei Radfahrer überholten mich: "Catcher Car ca. 300 Meter hinter Dir." Ich lief weiter. Die Beine schmerzten nun doch ordentlich.

Dann erkannte ich die 45 Kilometer-Marke, passierte sie und hatte eine weitere persönliche Zielmarke erreicht.

Nun ging die Straße wieder bergauf und ein weiterer Radfahrer überholte mich: "Komm, das Catcher Car ist noch 200 Meter hinter Dir. Den nächsten Kilometer packst Du noch! Locker!"

Ich nahm alles zusammen, was ich noch hatte, nahm den nächsten Anstieg und eine weitere Kurve. Der Radfahrer fuhr etwas vor: "In 500 Metern hast Du den Kilometer voll! Das schaffst Du!" Und dann sah ich das Catcher Car, das gerade die Kurve einbog, die ich wenige Sekunden zuvor genommen hatte.

Ich sah das nächste Schild und lief nochmal etwas schneller, blickte immer wieder um und hatte das weiße Auto schräg hinter mir. Ich mobilisierte die letzten Reserven, hörte den Motor an meiner Seite und hörte ihn eigentlich auch nicht, weil ich kaum noch für etwas anderes einen Sinn hatte, als dieses verdammte Schild zu erreichen. Das Auto war nun mit den Vorderreifen neben mir, das Schild noch wenige Schritte entfernt und... dann passiert. Das Catcher Car fuhr an mir vorbei, ich stoppte meine Uhr und hatte exakt 46,04 Kilometer auf dem Display. Ich hatte es geschafft.

Aus einem zweiten Catcher-Car wurde mir sofort eine Flasche Wasser, eine Banane und ein Müsliriegel gereicht (ein weiteres Indiz für die tolle Organisation) und als ob alles einfach genau so gekommen war wie es kommen sollte, war direkt am Wegesrand eine kleine Holzbank unter zwei Bäumen.

Ich war am Ende, trank eine Wasserflasche zur Hälfte aus, sah keine Möglichkeit, auch nur ein Stück der Banane zu mir zu nehmen - der Schluckreflex würde sich mit allem, was er aufzubieten hätte, wehren - und legte mich ins Gras.

Es folgte ein weiterer Moment, den ich zuvor noch nie nach einem Rennen und einer solchen extremen Anstrengung erlebt hatte: Die völlige Ruhe. Ich lag am Ende meiner Kräfte mitten auf einem Feld unter zwei Bäumen im Gras. Weit und breit kein Haus, kein Mensch (außer zwei anderen Läufern, die sich, etwas von mir entfernt, ebenfalls ein Plätzchen zum Ausruhen gesucht hatten). Strahlend blauer Himmel, ein leichter Wind, Blätterrascheln und: nichts. Kein weiteres Geräusch, keines, das hier nicht hingehörte. Allein dieser Moment war jeden Schweißtropfen und jeden brennenden Muskel tausendfach wert.

Alles, was ich in diesem Moment dachte, und es waren sicher viele Gedanken, habe ich vergessen, wie man schöne Träume oft vergisst. Diese Gedanken gehören diesem einen Moment und diesem einen Ort allein. Das Gefühl, das ich dabei empfand, werde ich allerdings vielleicht nie mehr vergessen. Das hoffe ich jedenfalls.

Nach etwa 40 Minuten kam der letzte Shuttle-Bus, der alle verbliebenen Läufer aufsammelte und in das Münchner Olympiastadion zurück brachte. Dort bekamen wir dann noch unsere Medaillen und ausreichend Getränke.

Da es tatsächlich der letzte Bus war, der uns in die Nordkurve des Stadions brachte, und dort nicht sehr viele Läufer (tatsächlich nur Männer) mitgefahren waren, wusste ich, dass ich auch in der Gesamtwertung nicht allzu schlecht abgeschnitten haben würde. Am Ende sollte es Platz 22 in der nationalen Wertung sein. Die offizielle Distanz wurde mit 46,07 Kilometern verbucht.

Dieser Lauf ist ein Lauf voller Geschichten, so wie jedes Rennen seine eigenen Geschichten hat. Aber dieser World Run scheint doch nochmal etwas ganz Besonderes zu sein, mit einer ganz eigenen Magie. Vielleicht liegt es einfach an seiner wunderbar positiven Grundausrichtung: "Run for those who can't".

Alle Informationen zum Wings for Life World Run findet Ihr hier.

   

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2 thoughts on “Soweit die Beine tragen – Der Wings for Life Word Run 2018

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