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DIe Welt extrem subjektiv betrachtet

Schon jetzt so viel gelernt. Die Vorbereitung auf das 100K-Debüt – ein Zwischenbericht.

Noch etwas mehr als einen Monat. Dann werde ich – hoffentlich gesund, unverletzt und fit – in Wuppertal am Mirker Bahnhof stehen. Am Start des WHEW100, am Start meines ersten 100 Kilometer-Rennens.

Dass ich das vor einigen Jahren nicht nur für verrückt, sondern für für mich einfach unvorstellbar, unpassend und daher gar nicht unbedingt erstrebenswert gehalten hätte, weist, wie vieles andere, darauf hin, wie sehr einen das intensive Laufen, die bedingungslose Hingabe an den Laufsport, körperlich und charakterlich verändern kann. Das ist hier nicht unbedingt das Thema (obwohl es eines ist, dass mich so sehr beschäftigt, dass ich hoffe, bald mal etwas sehr Ausführliches darüber schreiben zu können. Denn nichts hat mich mehr verändert als meine Kinder und das Laufen).

Seit dem Ende der letzten Saison und dem Beginn der Offseason im September letzten Jahres bereite ich mich mental, seit Januar auch spezifisch auf das Ziel vor, am 4. Mai meinen ersten “100er” zu absolvieren und bevor es nun in die Endphase des Trainings geht, ist es an dieser Stelle an der Zeit, einen kurzen Zwischenbericht abzugeben.

Und um ein kleines Fazit vorweg zu nehmen: Ich habe in den letzten Wochen unglaublich viel gelernt. Das ist eine beliebte Floskel und steht bisweilen für: “Keine Ahnung, was es gebracht hat, aber für irgendwas muss es ja gut gewesen sein”. In diesem Fall aber ist jedes Wort exakt so gemeint, wie es da steht: “Ich habe unglaublich viel gelernt.”

Da ist zunächst die Tatsache, dass ich das Thema Versorgung während des Laufens bisher (und ich dürfte inzwischen um die 20 Marathons gelaufen sein) komplett unterschätzt und vernachlässigt habe. Ich machte mir hin und wieder Gedanken darüber, ob ich bei Kilometer 30 vielleicht mal ein Gel nehmen sollte, bin oftmals dann aber doch mehr oder weniger komplett bei Wasser und ein paar Schlucken Iso-Drink geblieben. Bei meinem letzten Berlin-Marathon habe ich, eher aus einer Laune heraus, bei Kilometer 32 ein Gel von einer Verpflegungsstation entgegen genommen. Eine wirkliche Strategie dahinter hatte ich mir dabei nie überlegt.

Selbst bei meinem Ultra-Debüt in Rodgau 2018, das für mich durchaus erfolgreich war, hatte ich das Thema eher stiefmütterlich behandelt, habe zwar regelmäßig ein Iso-Getränk zu mir genommen, aber auch hier war das kein richtiger Plan, kaum überlegt und eher ein sporadisch-automatischer Griff am Selbstversorgertisch am Anfang jeder der zehn 5-Kilometer-Runden.

Es ist vielleicht kein Zufall, dass mir dann endlich beim Rodgau50 2019 und damit in der Vorbereitung für den WHEW100 die überfällige Lektion erteilt wurde: Nach Kilometer 35 war die Luft raus, die letzten 15 Kilometer waren eine Qual und die Zielzeit war weit weg von dem, was ich mir vorgenommen hatte. Der Grund lag weniger in den Beinen, sondern an der Verpflegungsstelle: in Form von unberührten Fruchtgels und zu wenig beachtetem Maltodextrindrink.

So gut wie nie zuvor habe ich die Nahrungszufuhr während des Laufens im Training getestet und geübt, hatte bei meinen Longruns eben Wasser dabei. Mehr nicht.

Das hat sich in den letzten Monaten dramatisch geändert. Für die 100 Kilometer wird es ein ausgefeiltes und ausprobiertes Verpflegungskonzept geben.

Die nächste Komponente, bei der ich viel Neues lernen konnte, ist der Bereich des Mentaltrainings und die verschiedenen Strategien, die damit verbunden sind. Einige davon wendete ich bereits bei meinen Marathontrainings und bei Rennen über kürzere Distanzen an, tat dies aber auch eher automatisch, intuitiv und ohne mir darüber im Klaren zu sein, wann welche Strategie am sinnvollsten und effektivsten sein könnte und wie sie am besten eingesetzt werden sollte.

Mir wurde allmählich klar, dass die Herausforderungen, die mir bei einem Lauf über eine Zeit, die ein Mehrfaches meiner bisher längsten Ausdauerleistung ausmachen würde, ganz andere sein würden als: “Nur noch einen Halbmarathon“, „nur noch 10 Kilometer“ oder „nur noch zwei Meilen” und dass es hier keinen Mann mit dem Hammer, sondern eine ganze Armee solcher Typen geben könnte, die versuchen, sowohl meine Beine als auch – und vor allem – meinen Kopf außer Gefecht zu setzen.

Und schließlich habe ich gelernt, was ich bereits vermutete hatte: Ich werde keine großen Erfolge mehr auf der Kurz- oder Mitteldistanz feiern. Zum einen, weil ich dafür zu spät mit dem Laufen angefangen und bis vor knapp drei Jahren nie auf der Bahn und auch insgesamt zu wenig an meiner Grundschnelligkeit gearbeitet hatte – auch, wenn ich immer ein relativ ambitionierter Halb- und Marathoni war. Das wusste ich. Und zum anderen, und das wurde mir nun umso deutlicher klar, weil ich nicht der Typ dafür bin, allein auf Schnelligkeit zu trainieren. Ich liebe es, flott, aber nicht von Anfang an “all-out” zu laufen. Ich liebe es, lange zu laufen und ich liebe es, mich dabei mit mir selbst und meiner Umgebung zu beschäftigen: die Natur, die Stadt und die vielen Eindrücke auf mich wirken zu lassen, die es zu entdecken gibt und die einem begegnen. Wie reagiert der Körper, was passiert im Kopf, welche Gedanken kommen, welche gehen, wann kommt eine wie auch immer geartete Krise und wie gehe ich damit um, wenn die Kräfte schwinden oder etwas auftritt, mit dem ich nicht unbedingt gerechnet hatte?

Die vielleicht härteste Trainingseinheit, die ich bisher absolviert habe, waren die 60 Kilometer der Peak-Woche: knapp fünf Stunden auf dem Tempelhofer Feld gegen eine nahezu ununterbrochene Wand aus kalten Sturm- und Orkanböen, Regen und Hagel. Ich habe es gehasst und geliebt zugleich und was diese fünf Stunden mit meinem Kopf gemacht haben, ist höchst wahrscheinlich mit keiner geplanten Einheit annähernd zu erreichen. Ich habe mich danach besser gefühlt, als nach sämtlichen absolvierten 10 Kilometer-Rennen zusammen genommen.

Und tatsächlich habe ich gelernt, langsamer zu laufen und den Fokus darauf zu richten, genug Kraft und Energie zurückzuhalten, um noch möglichst lange durchzuhalten.

Ich fühle mich also gut vorbereitet, habe ein tolles Team hinter mir, für das ich sehr dankbar bin. Ebenso dankbar bin ich dafür, überhaupt soweit gekommen zu sein, mit hoher Wahrscheinlichkeit in wenigen Wochen an jenem kleinen Bahnhof an der Startlinie zu stehen. (Ich hoffe und arbeite jeden Tag daran, dass aus dieser Wahrscheinlichkeit Wirklichkeit wird). Und ich bin sehr gespannt darauf, ob ich das alles, was ich eben geschrieben habe, nach dem Zieleinlauf in Wuppertal immernoch so sehe.

Da ich bei allem, was ich tue immer auch die Ansicht vertrete, dass es sicher alles gut gehen werde und ich mich auf Probleme zwar grundsätzlich einstelle, meine Energie aber erst dann auf sie verwende, wenn sie auch tatsächlich auftreten, habe ich nur wenig Zweifel daran, dass meine noch junge Leidenschaft für den Ultralauf am und nach dem 4. Mai eher größer als kleiner wird.

Es wird spannend. Das Training geht in seine Abschlussphase.

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4 thoughts on “Schon jetzt so viel gelernt. Die Vorbereitung auf das 100K-Debüt – ein Zwischenbericht.

  • Hey, alles Gute dafür! Hast Du jetzt schon spezifische Ernährungserfahrungen sammeln können? Ich arbeite auch gerade auf den ersten Ultra hin und habe auch nur spärlich mal ein Gel verwendet. Viel weiter also 42k war ich auch noch nicht unterwegs. Aber ich kann mir kaum vorstellen, daß mein Magen und meine Verdauung nicht total durchdrehen, wenn ich da nur Wasser, Cola und Gels reinfülle für 6 Stunden oder länger. Hast Du schon was anderes probiert? LG, Daniel

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